Am 9. November gibt es nix zu feiern

Die Politikerinnen und Politiker der Bonner Republik wussten noch, wann man einen Gedenktag für die deutsche „Wiedervereinigung“ nicht ansetzen sollte. Am 9. November nämlich. Mit diesen oder ählichen Sensibilitäten ist es jetzt vorbei.


Zerstörte Synagoge „Ohel Jakob“ nach dem Novemberpogrom in München (Yad Vashem Fotoarchiv 4613/679)

Am 9. November 1923 marschierte Hitler mit seinen Mannen auf die Feldherrenhalle. Infolge war der 9. November ein hoher Feiertag der Nationalsozialisten, den sie alljährlich mit den „alten Kämpfern“ vor der Münchner Feldherrenhalle begingen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erklärten die Nationalsozialisten Jüdinnen und Juden zu Freiwild. Tausende wurden in diesen Novembertagen aus ihren Wohnungen und Geschäften gezerrt, gefoltert, erschossen oder ins Konzentrationslager verfrachtet. Die Synagogen und Betstuben brannten. In München organisierte die Polizei den ordentlichen Ablauf des Pogroms.

Ein Restbestand dessen, was man Geschichtsbewusstseins nennen möchte, war einer der entscheidenden Gründe, weshalb die Regierenden der Bonner Republik den Feiertag zur sogenannten „Wiedervereinigung“ nicht auf den 9. November – den Tag des sogenannten „Mauerfalls“ – sondern auf den 3. Oktober, den Tag der formalen Einheit legten. Mit jener ohnehin brüchigen Sensibilität ist es jetzt offenbar ganz vorbei. Seit Tagen drängen zahlreiche Sendeformate auf die Wahrnehmung des inoffiziellen Tages der „Deutschen Einheit“. Mit dem Film „Das Leben der Anderen“ (Di. ARD) schießt die ARD beispielsweise die Deutschen auf den Feiertag ein. Die von Gewerkschaften, christlichen und jüdischen Gruppen organisierten Veranstaltungen in Gedenken an die Novemberpogrome mutieren immer mehr zu Randerscheinungen.

Berlin feiert am 9. Novermber mit 8000 „Ballonpaten“, die 8000 Luftballons für die „Wiedervereinigung“ steigen lassen werden, anstatt der Opfer der Novemberpogrome zu gedenken. Dazu liefert die Begleitmusik der Dirigenten Barenboim, der sich ansonsten für kein antiisraelisches Wort zu schade ist und sich dem Ziel verschrieben hat, ausgerechnet die Musik des Antisemiten Wagners nach Israel zu bringen.

„Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft“, hat Karl Marx schon etwa hundert Jahre vor Auschwitz festgestellt. Und noch keine 100 Jahre nach Auschwitz ist es immer noch namentlich ekelhaft, wie der deutsche Patriotismus über seine Leichen geht. Am 9. November gibt es nichts zu feiern! Der 9. November 1938 markierte den Übergang von leidlich verdeckter Verfolgung und Diskriminierung von Jüdinnen und Juden zu öffentlichem Pogrom und systematischer Vernichtung. Sonst nix.