Archiv für Juli 2016

Terror in München: Wettrüsten der Ideologen

Das kollektive Aufatmen all jener, die gerne mit dem Kampfbegriff „Islamophobie“ um sich werfen, ist in den aktuellen Stunden allenthalben zu hören. Der Attentäter von München war laut aktuellen Ermittlungen kein Islamist, vielmehr orientierte er sich am Amokläufer der Realschule von Winnenden 2009 und ähnlichen Vorbildern. Er sei sieben Jahre lang gemobbt worden, begründete der 18-jährige Münchner seinen Amoklauf, dem 9 Menschen im Olympia Einkaufszentrum und mindestens 35 weitere Verletzte zum Opfer fielen.

Derlei Barbarei entsteht nicht im luftleeren Raum. Amokläufe entwickeln sich notwendig aus der hiesigen Ordnung heraus. Wer die Menschen bereits in der Schule einem enormen Druck aussetzt und gegeneinander in Stellung bringt, der muss damit leben, dass insbesondere die Abgehängten einen ungeheueren Hass entwicklen können – und Einzelne diesen Hass nicht gegen sich selbst sondern andere richten. Wer also von der Zurichtung im Kapitalismus nicht sprechen will, soll von Amokläufern an deutschen Schulen schweigen. Ebenso sind der rechte Terror des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, hunderte Anschläge auf Asylunterkünfte oder das Breivik-Massaker bereits in der rechten Ideologie eingepreist. Der Nährboden dieses rechten Terrors ist wiederum der tief in der Gesellschaft verankerte Rassismus.

Dennoch gibt es bezüglich der islamistischen Terrorgefahr in Europa keinen Grund, aufzuatmen – sie besteht weiterhin. Und so wie Amokläufe mit der Zurichtung innerhalb kapitalistischer Ordnungen, rechter Terror mit Rassismus und rechter Hetze (und Alkoholismus mit dem Alkohol) zu tun haben, so hat der islamistische Terror viel mit islamischer Religion zu tun. Und auch der Terror gegen die Menschen in Israel ist freilich nicht getrennt von der weltweiten antiisraelischen Propaganda und dem damit verbundenen Antisemitismus zu verstehen. Häufiger kommen auch mehrere Beweggründe in einer Tat zusammen, sind die Umstände nur schwer auseinanderzuhalten.

Hiergegen hilft neben den unmittelbaren Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit nur eine Kritik an eben all jenen Verhältnisse, die den Menschen zu einem erniedrigten und verächtlichen Wesen machen. Das ist die islamische Religion, die derzeit in vielen Ländern Staatsreligion, Rechtsprechungsgrundlage und Anlass für den örtlichen Tugendterrors ist. Das ist aber auch die kapitalistische Totalität, das sind nationale sowie rassistische Verfasstheiten.

Wer nach Anschlägen hauptsächlich damit beschäftigt ist, das eigene ideologische Lager sauber zu halten – und das ist eher die Regel als die Ausnahme – blendet einen wichtigen Grund für Terror, Anschlag und Attentat aus. Ideologiekritik wäre heute wichtiger denn je, auch wenn es nicht einfach ist, in diesem Handgemenge (und über sich selbst) noch den Überblick zu behalten.