Archiv für Juli 2019

Im Auftrag der Stadt: Paulchen-Panther Graffito unweit von NSU-Tatort

Die von der Stadt initiierte Hausbemalung eines Sozialbaues im Münchner Westend steht schon länger in der Kritik. Nun wurde die Häuserfront neu bemalt – mit einem riesigen Paulchen Panther. Unweit eines Tatortes des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU).

Am 15. Juni 2005 ermordete die Terrorzelle NSU den Einzelhändler Theodoros Boulgarides in seinem Schlüsseldienstladen im Münchner Westend. Gerahmt haben die Neonazis ihre Mordserie mit einem zynischen Video. Der Hauptdarsteller: die Comic-Figur Paulchen Panther.

Seit wenigen Tagen ziert eben dieses Paulchen eine Fassade im Münchner Westend, exakt 345 Meter Luftlinie vom Tatort entfernt. Der sympathischen Comic-Figur ist die Vereinnahmung durch den NSU nicht anzulasten. Aber die unmittelbare Nähe zum Tatort stellt eine Verbindung her, die von wenig Sensibilität gegenüber Opfer und Angehörigen zeugt.

Jene Hauswand des Sozialbaues an der Ecke Westendendstraße und Bergmannstraße wird vom Verein „Positiv Propaganda“ bespielt, der – von den Grünen protegiert – schlussendlich aufgrund eines CSU-SPD-Antrags jährlich mit sechsstelligen Förderungen ausgestattet wurde.

In den letzten Jahren wurde immer wieder Kritik an der Bemalung des Westender Sozialbaus laut. Eine Sanierung im Inneren des Gebäudes ist lange überfällig, außerdem bräuchte die Außenfassade an vielen anderen Seiten einen Anstrich. Aber anstatt das zu leisten, verwendet die Stadt zehntausende Euro für fragwürdiges Stadtmarketing.

Mit klerikal-dadaistischen Rittern wurde das Gebäude bereits 2014 bemalt. Häufig blieben Passantinnen und Passanten stehen und fotografierten – was die Privatsphäre der Menschen im Hause deutlich beeinträchtigte. An der tiefschwarzen Fassade staute sich im Sommer die Hitze und drückt zu den Fenstern rein. Wer von drinnen raussah, durfte sich wie auf dem Präsentierteller fühlen.

Ungekannte machten dem zweifelhaften Kunstwerk dann ein Ende. Vermutlich nutzten sie mit Farbe gefüllte Feuerlöscher, um die Ritter eines Nachts zu übersprühen. Offenbar hat man sich seitens des Vereins „Postiv Propaganda“ oder der Stadt bzw. der Verwaltung nun entschieden, ein gänzlich neues Bild an die Hauswand zu pinseln. Es wird aber nicht besser.

Es ist verächtlichmachend, Sozialwohnungen als Experimentierflächen für das Stadtmarketing zu nutzen. Den ganzen Tag scheppert der Altglascontainer vor dem Haus, der freilich vor dem Sozialbau steht (wo sonst?), bei den Fenstern zieht es rein, der Putz bröckelt, die Duschen sind teilweise marode. Aber eine fancy Fassade sollen sie haben – für alle anderen.

Nachtrag 28. Juli:
Nachdem der US-amerikanische Künstler vor Ort von Anwohnenden über die NSU-Zusammenhänge informiert wurde, hat er das Paulchen-Panther-Graffito am Folgetag mit Wandfarbe übermalt. Das grundsätzliche Problem aber, bleibt bestehen.