Da Arabian MC’s und Da Munich MC’s im Gleichschritt

Am 1. Juli trat die israelische Gruppe DAM im Rahmen der „Palästina-Tage 2010“ auf. DavidP von Main Concept und Bernhard Wunderlich von Blumentopf unterstützten sie dabei – auf der Bühne und auf dem Podium. Ein parteiisches Protokoll des Abends

Der Raum im Ampere (Muffatwerk) ist gut gefüllt. Es läuft der Film Slingshot Hip Hop, eine propagandistisch aufgemachte Dokumentation über die ersten arabischen Rapper. Zu meiner Rechten sitzt eine Mutter mit ihren Kindern am Boden. Sie übersetzt die englischen Untertitel des Films simultan ins Deutsche. Die Karte Israels wird eingeblendet: „Guckt, das alles haben sie den Palästinensern weggenommen“, kommentiert sie das Bild. Die Kinder zeigen wenig Interesse, sind zwei Szenen später im Biergarten spielen. Der Film schließt mit einem arabischen Hip Hop Stück ab, dessen letzte Zeile wiederum auf Allahu Akbar endet. Das Auditorium spendet Beifall. Einzelne johlen bis weit in den Abspann hinein.

Es findet sich das angekündigte Podium ein, um „Über Hip Hop zwischen ‚weiten Hosen‘, ‚Edutainment‘ und Protest“ zu sprechen. Daniel Köhler, ein Moderator des BR-online Senders On3, moderiert. Er schickt der Debatte voraus, dass Israel und Palästina „untrennbar miteinander verbunden“ seien und gibt zu bedenken, dass auf dem Podium keine Politiker, sondern Musiker Platz fänden – was in diesem Zusammenhang wie eine Bitte anklingt, nicht jeden der folgenden Sätze auf die Goldwaage zu legen. Doch ich bin mir sicher, eine Goldwaage wird gar nicht nötig sein.

Der Weisheit letzter Schluss


Bernhard Wunderlich (Blumentopf) DavidP (Main Concept)

David von Main Concept erzählt über sich, er werde immer als politischer Rapper bezeichnet, sei aber einfach nur ein Rapper. Er sammle Wissen und teile seine Weisheit mit anderen. Seltsam, dass ich der Einzige im Raum bin, der lachen muss, als David von seiner Weisheit spricht. Wer über kein politisches Wissen verfüge, der habe auch kein Recht sich zu beschweren, sagt David. Das dafür nötige Wissen entnimmt er aus Überzeugung nicht den Zeitungen, denn diesen glaubt er nicht. Er betont vielmehr, Wert darauf zu legen, mit den Menschen selbst zu sprechen.

Bei seinen zwischenmenschlichen Erkundungen hat David Folgendes herausgefunden: Sein „Feind“ ist keine Personengruppe, sondern eine abstrakte Personengruppe, namentlich die Triple Sixers (Anm.: ein aus dem Christentum entlehnter Slangausdruck für böse Menschen). Die Triple Sixers wollen uns kontrollieren und einer Gehirnwäsche unterziehen, mahnt David. Nach seinen Ausführungen – die vielmehr auf einen Hang zu Verschwörungstheorien und blumige Sprache, als auf ein reflektiertes Weltbild schließen lassen – kommt David dann zum Schluss, es sei keine Revolution, sondern eine Evolution nötig, da das allgemeine Problem mit dem menschlichen Verhalten zusammen hinge.

Berhard Wunderlich: „in was für einem Paradies wir hier leben“
Bernhard von Blumentopf gibt sich in der Diskussion deutsch und staatstragend. Es fehlt eigentlich nurmehr, dass er rechterhand die deutsche Fahne hisst und linkerhand die Israelfahne taggt. Zu allererst betont Bernhard, dass sich die dargestellten Szenen des antiisraelischen Propagandastreifens Slingshot Hip Hop vollends mit seinen Erfahrungen decken. Bei seiner Reise im Auftrag des Goethe-Instituts im Jahre 2006 hätte er erlebt, wie selbst ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts – der Diplomatenstatus habe – vier Stunden brauchte, um von Ramallah nach Bethlehem zu gelangen. Stark beeindruckend sei er gewesen, als er mit eigenen Augen sah, wie die Menschen mit den Restriktionen umgingen, die „wir von unserem Land hier nicht gewohnt sind“, erklärt Bernhard. (Anm.: Die Restriktionen in Deutschland mag Bernhard deshalb nicht gewohnt sein, weil das Goethe-Institut gerade keine Führungen durch die deutschen Abschiebelager anbietet und auch die Lager vor den Europäischen Außengrenzen – die krasses Zeugnis auch des deutschen Rassismus sind – stehen nicht im Programmheft).

Der Moderator fragt Bernhard, ob er nach seinem Palästinabesuch nun stärker Kritik an Israel übt. Das verneint Bernhard. Diese Reise sei, fügt er hinzu, ihm nur ein Realitätsabgleich gewesen, der ihm wieder vor Augen führte „in was für einem Paradies wir hier leben“. Wir sollten uns wieder mehr über die Vorteile bewusst werden, die es mit sich bringt, in Deutschland geboren zu sein, so Bernhard.

Tamer Nafar: „Für Palästina, Für Deutschland!“

Daniel Köhler, Tamer Nafer, Berhard Wunderlich

Unser Song „Who is the terrorist“ war das „Wasser für alle, die seit Jahren in einem Meer von Tränen schwimmen“, schwärmt Tamer von sich und seiner Band, Da Arabian MC’s (DAM). Sie hätten auch schon Repressionen erfahren. Die Polizei drehte seiner Band einmal den Saft ab. Seine Verantwortung als Mensch sei, so Tamer, sich für Gaza verantwortlich zu zeigen. Viele Menschen in Deutschland sind nach Tamers Ansicht der Meinung, Palästina sei weit weg, man müsse nichts tun. Aber vielleicht – gibt Tamer zu Bedenken – ist Deutschland in 2000 Jahren in der selben Situation wie jetzt Palästina. Tamer versichert, er würde dann auch helfen. Er beendet den Satz mit „für Palästina, für Deutschland“. Danke Tamar, aber dein Hilfsangebot kommt etwas spät. Die „Judenfrage“ stand in Deutschland vor 70 Jahren auf der Agenda.

Der Moderator bittet das Publikum um Fragen. Ein Mann mit weiten Hosen erkundigt sich bei Bernhard, ob er denn auf seiner Reise durch den Nahen Osten „irgendwie zionistisch beeinflusst“ worden sei, sein Konzert in Palästina ein arabisches, oder ein politisch gewolltes war. Ein weiterer Mann mit weiten Hosen bemängelt, dass viele Rapper nur über ihr Ghetto sprächen, aber sich nicht mit den „Drahziehern“ befassten. Die letzte Frage aus dem Publikum kommt von einer Frau und ich erkenne sie wieder. Es ist die Mutter, die zu Anfangs ihren Kindern den Film simultan übersetzte. Sie richtet eine Frage an Tamer, die da lautet:

Es geht nicht um schwarz und weiß, es geht um falsch oder richtig. Wie fühlst Du wirklich Tamer? Weil ich fühle, Israel ist illegal. Es ist illegal, es ist geisteskrank, es ist unmenschlich. Wie fühlst Du wirklich Tamer?

Tamer entgegnet, wenn er sage, dass Israel illegal sei, käme er vor Gericht und fügt hinzu, dass er natürlich denke, dass Israel illegal sei. Nach einer kurzen Aneinanderreihung der gängigen Free Palestine Parolen schließt er mit den Worten ab: „deshalb ist Israel illegal, deshalb fuck Israel!“ Die Diskussionsrunde ist damit beendet. Der Moderator schließt die Sitzung. Ich gehe während des Konzertumbaus etwas vor die Halle und sehe die Mutter gestikulieren. Ihre schrille Stimme setzt sich auch über einige Meter Entfernung gut durch. Den Juden wäre zwar damals schon Unrecht geschehen, aber sie seien leider „nach Hitler stehen geblieben“. Wir (Deutsche) hätten schließlich durch die Nazis auch viel verloren, fährt die Mutter fort. Und natürlich sei sie keine Antisemitin, rechtfertigt sie sich, ohne dass ihr im entferntesten jemand aus der zweifelsohne einigen Runde den Vorwurf gemacht hätte. Als sie davon berichtet, wie uns die Rothschilds angeblich das Bankensystem aufgezwungen haben, beschließe ich, wieder hinein zu gehen.

Hass Hasen unter sich
Nach dem Auftritt der Münchner Hip Hop Gruppe Creme Fresh folgt DAM. Tamer fragt das Publikum, wie viele der Anwesenden arabisch sprechen. Als sich nur wenige melden, entgegnet er „Schämt euch!“. Das findet Tamer lustig. Es wäre aber bedeutend lustiger, wenn es sich bei DAM nicht um arabische Chauvinisten handeln würde. Das Publikum lernt gewillt, an entsprechender Stelle „Hass Hase“ zu sagen. „Hass Hase“ bedeutet auf arabisch angeblich soviel wie cool. Ich finde hingegen, dass der Begriff gerade im Deutschen sehr gut zu Tamer passt. Ein nächster Teil der Folklore ist das arabische Alphabet. Die Band zeigt die einzelnen Buchstaben des arabischen Alphabets der Reihe nach auf Papierschildern. Das Publikum hat nun die Aufgabe, die untertitelten Buchstaben im Rhythmus aufzusagen. „Ihr Leute aus Deutschland seid wirklich großartig“, quittiert Tamer den gefolgsamen Einsatz.

Tamer fragt nach dem deutschen Wort für „unity“ und das Publikum nennt ihm „Einheit“. Das Wort „Einheit“ wird auch gleich im nächsten Lied verbaut, dessen Text Tamar anscheinend spontan zusammenstückelt. Tamer singt „Who is on the Mic?“, das Publikum antwortet „Einheit!“. Tamar singt „Everybody is on the Mic!“, das Publikum singt „Einheit!“. Die deutsch-arabische Einheit besteht nun ohne Zweifel. Und gegen wen sich diese Einheit konkret richtet, ist für alle die bislang nur eine ungefähre Vorstellung davon hatten im folgenden Song zu erfahren. Das nächste Lied sei in Deutschland vorgetragen etwas heikel, schickt Tamer dem Song voraus. Im einzigen englischsprachigen Text beschreibt Tamar nämlich, wie eine jüdische Soldatin mit ihm zusammen in einem Aufzug stecken bleibt und er ihr – ausgesprochen cool natürlich – sexistische Sprüche steckt. Die antisemitischen Sexphantasien werden dann unter dem zynischen Songtitel: „Mama, I‘m in love with a Jew“ zusammengefasst.

Der Abend – gefördert durch das Kulturreferat München – klingt aus mit einem gemeinsamen Free-Style-Rap von Tamer, Berhard und David. Eine Zeile habe ich mir gemerkt: „Habt ihr Bock auf den Shit, dann macht bisschen mit, dann bleibt ihr fit, das ist der Shit“.