Abwehrblätter

Anita-Augspurg-Preis für BDS-Organisation?

Am gestrigen Mittwoch diskutierte der Münchner Stadtrat die Vergabe des Anita-Augspurg-Preises. Favorit ist die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Frappant: Die Frauenorganisation ruft zum Boykott israelischer Waren auf und sieht sich als Teil der BDS-Bewegung. Auch die Frauenrechtlerin Augspurg (1857) hatte eine kaum bekannte antisemitische Schlagseite.

Bürgerlicher Frauenstimmrechtskongress 1912 in München. Mittig in Weiß: Anita Augspurg

Eine Frauenrechtsorganisation hat gute Gründe, über den Nahen Osten zu sprechen. Der staatliche Tugendterror gegen Frauen im Iran, die übergriffige Situation in Ägypten, die antifeministischen Verschärfungen in der Türkei – es gäbe viele Themen. Und an Kriegstreibern mangelt es in der Region nicht. Doch wer auf der offiziellen Seite der „Frauenliga für Frieden und Freiheit“ auf den Link „Nahostkonflikt“ klickt, findet dort ausschließlich wortgewaltige Verurteilungen und Dämonisierungen des jüdischen Staates. Unter anderem macht die Münchner IFFF-Aktivistin Heidi Meinzolt ihrem Ärger Luft und fordert eine Ende der „internationalen Rücksichtnahme auf die schwierige Situation des Staates Israel“, da Israel eine „Vernichtungsmaschine“ in Gang setze.

Nachdem heute im Stadtrat kritische Stimmen laut wurden, reichte der Ausschuss den Fall Anita-Augspurg-Preis an den Ältestenrat weiter. Voraussichtlich wird die nächste Vollversammlung des Stadtrates darüber befinden, ob die Frauenrechtsoganisation würdig ist. Eine Zustimmung gilt als wahrscheinlich. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) versprach nach einer BDS-Veranstaltung im Gasteig letzten Jahres, dass es künftig „keine städtische Unterstützung mehr für solche Veranstaltungen“ gebe. Deshalb wäre es erstaunlich, wenn sich die Stadt für die Auszeichnung einer BDS-nahen Gruppierung entscheidet.

IFFF ist Teil der BDS-Bewegung
Die Frauenrechtsorganisation hat sich 2010 laut einer vom Dachverband (WILPF) gefassten Resolution der antiisraelischen BDS-Kampagne angeschlossen. Ziel der Kampagne ist die wirtschaftliche Isolation Israels. In der 2010 beschlossenen Resolution (1) heißt es:

„WILPF stimmt überein darin, die BDS-Bewegung gegen Israel zu unterstützen und fordert die Sektionen auf, Informationen zu verbreiten mit Listen der zu boykottierenden Firmen. WILPF ruft alle ihre Sektionen dazu auf, ihre Regierungen zu ermutigen, jeglichen Handel mit Israel als Teil dieser Bewegung zu beenden.“

In einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Westerwelle bekräftigte die Vorsitzende der Deutschen Sektion (IFFF), Irmgard Heilberger, dass die IFFF den Boykott israelischer Waren auch auf dem europäischen Markt durchsetzen wolle. Die Dachorganisation forderte auch 2011 die Gliederungen laut einer Resolution Resolution dazu auf, die „starke Unterstützung der BDS-Kampagne“ weiterzuführen.

In Frankreich wurde die BDS-Bewegung bereits gerichtlich sanktioniert, da sie zu Hass und Diskriminierung aufstachle. Auch England kündigt Schritte gegen den Boykott israelischer Waren an.

Der Augspurg antijüdischer Taschenspielertrick
Eine Auszeichnung der IFFF dürfte der Frauenrechtlerin Antia Augspurg allerdings gefallen haben – nicht nur, weil sie zu den Gründerinnen der Frauenliga zählt. Zwar gab es ihrerzeit noch kein Israel, aber Jüdinnen und Juden, die unmittelbare Opfer des Ressentiments wurden. Augspurg tat sich in diesem Zusammenhang engagiert hervor, wie der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ in seiner Titelstory im Dezember 1912 ausführt.

Beim Frauenstimmrechtskongress 1912 in München drückte Augspurg nämlich mit ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann eine Resolution gegen das jüdische Ritual des Schächtens durch. Dabei ging Augsprug mit bemerkenswerter List vor. Das Wort „Schächten“ wurde bei der Konferenz weder verlesen, noch war in den ausgeteilten Texten von „Schächten“ die Rede. Es ging in der Resolution ganz allgemein um tierquälerisches „Schlachten“ – was einstimmig angenommen wurde. Dafür stimmten auch die teilnehmenden jüdischen Frauen. In der später veröffentlichten Version hatte Augspurg dann den doppelten Boden entfernt und das Wort „Schlachten“ durch „Schächten“ ersetzt, wodurch die Resolution einen offenen antijüdischen Dreh bekam.

Frauenstimmrecht und Altes Testament unvereinbar?
Nach zahlreichen Beschwerden und Austritten von jüdischen Frauen bekräftigte Augspurg ihre Haltung in einem Schreiben. Ihr ging es nämlich weder um tierquälerisches „Schlachten“ noch um „Schächten“, sondern um ein größeres Fass:

„Uns erscheint ein religiöses Empfinden bedauerlich, für das Grausamkeiten wie das Schächten ein integrierbarer Bestandteil sind. Übrigens stellen sich Jüdinnen, die das Frauenstimmrecht fordern, jedenfalls in einen ebenso starken Gegensatz zu den Vorschriften des Alten Testaments wie Menschen, die das Schächten bekämpfen.“ (Augspurg zitiert in: Abwehrhefte 12/1912)

Anita Augspurg (Teilzeitexpertin für Schächtfragen und das Alte Testament) erklärt einem Berichterstatter die Lage beim Frauenstimmrechtskongress 1912

Augspurg kassiert Rüge vom Verband für Frauenstimmrecht
Die Generalversammlung des „Bayerischen Vereins für Frauenstimmrecht“ distanzierte sich umgehend von Augspurg. Wäre anstatt „Schlachten“ „Schächten“ geschrieben worden, wäre das Ergebnis nicht einstimmig ausgefallen, so der Verband. Außerdem sei der von Augspurg und Heymann in München geleitete Frauenstimmrechtskongress keine offizielle Veranstaltung des Verbandes gewesen.

Das bestätigte auch der Vorstand des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht in einer Erklärung, nachdem er eine „lebhafte Beunruhigung jüdischer Mitglieder“ festgestellt habe. Der Verbandsvorstand betrachte „die Schächtfrage als außerhalb der Aufgaben unserer Organisation“, heißt es in der Erklärung. Wenige Monate später zieht sich Augspurg aus Strukturen des Frauenstimmrechtsverbandes – beispielsweise als Redakteurin des Vereinsorganes – zurück.

Antisemitischen Traditionslinien der Frauenbewegung beenden
Die Umwegkommunikation über das Schächten und die Umwegkommunikation über Israel unterscheiden sich zwar vom Gegenstand des Umweges, aber in der antisemitischen Motivation sicher nicht. Dass die Stadt München einer BDS-Unterstützer-Gruppe nun den Anita-Augspurg-Preis verleihen möchte, mag zwar dem damaligen Sinne der Namenspatronin nahe kommen, aber ist nicht im Sinne einer umfassenden Emanzipation. Gerade bei diesem Preis wäre eigentlich darauf zu achten, dass die problematische Traditionslinie von Augspurg und anderen gebrochen und nicht auch noch verlängert wird.

(1) Bis vor Kurzem war die Resolution noch auf der Seite der deutschen Sektion zu finden. Heute ist sie gelöscht, allerdings der Wortlaut auf einer anderen Seite erhalten.

Arbeiter-Olympiade in Wien: Was war mit den zionistischen Arbeitersportlern los?

Bei der Arbeiter-Olympiade 1931 wurden auch mindestens 100 Arbeitersportlerinnen und -sportler aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina erwartet. Diese kamen auch – teilweise auf dem Motorrad direkt aus Haifa – nach Wien. Aber nur wenige traten tatsächlich bei den Wettbewerben an. Warum, bleibt im Dunkeln. Eine Spurensuche.

Auf dem 17. Zionistischen Weltkongress flogen am 13. Juli 1931 buchstäblich die Fetzen. Nach einem Handgemenge mit den Delegierten der Arbeiterparteien rissen die Revisionisten die zionistische Fahne von der Galerie. Die Revisionisten wollten in Basel eine Debatte darüber führen, was das endgültige Ziel des Zionismus sei – ihrer Meinung nach ein Judenstaat, westlich und östlich des Jordans gelegen. Die Sozialisten hingegen, die im damaligen Palästina eine deutliche Mehrheit hatten, trieben viel konkretere Fragen um. Ben Gurion machte seinem Ärger gegenüber der Jüdischen Rundschau Luft: „Statt eine Überwindung der Stagnation in Einwanderung und Siedlung zu erzwingen, befasste sich der Kongress tagelang mit der Debatte um Formeln, die dem Zionismus schweren Schaden zufügen muss.“

Verbunden mit dem anschließenden Kongress der Arbeiter-Internationale in Wien – auf dem sich die sozialistischen Zionisten Chaim Arlosoroff und Berl Locker weiter plagen mussten – fand die 2. Arbeiter-Olympiade (18. bis 26. Juli) in Wien statt. Sie gilt mit 25.000 Teilnehmenden und einem Vielfachen an Publikum als das monumentalste Massenfestspiel der Sozialdemokratie in den Zwischenkriegsjahren. Als Highlight galt auch die Teilnahme des noch jungen Arbeitersportverbandes „Hapoel“ (Der Arbeiter). Es wurden über 100 jüdische Sportlerinnen und Sportler aus dem Mandatsgebiet bei der Olympiade erwartet, unter ihnen eine Fußball- und eine Tauziehmannschaft.

Laut „Wettkämpfer-Verzeichnis“ waren es unter den Radfahrern insgesamt elf Arbeitersportler aus Palästina, die sich zum Straßenfahren „rund um Wien“ und zu anderen Rad-Disziplinen angemeldet haben. Weitere acht Teilnehmer wurden namentlich bei den Motorrad-Wettbewerben gelistet. Vier Arbeitersportlerinnen trugen sich für die 4×100-Meter-Stafette ein, Brachah Goldin und Hasaj Kohn standen u.a. beim Schleuderballwerfen, Hochsprung und Weitsprung im Programm. Darüber hinaus haben sich acht Männer für die Leichtathletik-Wettbewerbe registrieren lassen.

Die Anreise über Basel und das große Hallo
Achtzig Turnerinnen und Turner aus dem Mandatsgebiet reisten über Marseille ein, aber machten einem Bericht zufolge am letzten Kongresstag der Jewish Agency (17. Juli) zuvor in Basel halt. Dort brachten sie sich vor dem Messegelände in Form und wurden von Arlosoroff begrüßt. Der derzeit einflussreiche Politiker kündigte an, die Arbeiterolympiade in den nächsten Tagen ebenfalls zu besuchen. Auch die Radfahrergruppe „Hapoel“ begab sich nach der Überfahrt zuvor nach Basel. Sie wurde zum Begrüßungsabend des Basler Makkabi am Rande des 17. Zionistenkongresses eingeladen. Meschulam Schor bedankte sich herzlich für die Einladung. Er wollte beim Straßenfahren „Rund um Wien“ teilnehmen. Auch die Motorradfahrer-Gruppe näherte sich indes. Sie war mit ihren Maschinen von Haifa aus gestartet.

Nachdem die meisten jüdischen Sportlerinnen und Sportler den Schabbat am 18. Juli 1931 noch in Basel verbrachten, reisten sie in der Nacht zum 19. Juli nach Wien ab. Sie wurden am nächsten Tag laut Die Stimme vom jüdischen Nationalrat Julius Deutsch und einer „vieltausendköpfigen Menge“ begeistert am Wiener Westbahnhof empfangen. „Als die großen Überlandautos mit den Palästinensern – eine blau-weiße Fahne in der Mitte – durch die Straßen Wiens fuhren, wurden sie vom Publikum überall herzlich begrüßt.“ Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten im Apollo-Theater am selben Tag wurde jede der 22 teilnehmenden Nationen mit einer kurzen Ansprache gewürdigt: „Das rote Wien grüßt die Genossen aus Palästina, die jüdische Arbeiter aus Haifa, Tel Aviv und den Kolonien, die eine Heimstätte der Zukunft ihr Volk bauen“, waren laut der Jüdischen Rundschau die an die Sportlerinnen und Sportler gerichteten Worte.

„Bravo Palästinenser“
Es folgten in den nächsten Tagen eine Reihe großspurige Umzüge, die die vermeintliche Stärke der Sozialdemokratie auf den Straßen Wiens demonstrieren sollten. Vielerorts war Berichten zufolge die – in eine rote Standarte eingenähte – blau-weiße Fahne mit Davidstern zu sehen. Beim Fackelzug am Samstag, dem 26. Juli, marschierte die Delegation aus dem Mandatsgebiet Palästina vorneweg, beim Festzug am Sonntag über die Ringstraße hinten nach. Bei letzterer Veranstaltung sollen Zuschauer laut einem etwas überschwänglich verfassten Artikel in Die Stimme begeistert „Schalom“ und „Bravo Palästinenser“ gerufen haben.

Gut dokumentiert ist das Fußballspiel gegen Ungarn im neu erbauten Wiener Praterstadion am Donnerstag, 23. Juli – vor 60 000 Zuschauerinnen und Zuschauern. In der Halbzeitpause (1:1) herrschte laut Die Stimme „allgemein die Meinung, dass nach der Pause die Palästinenser zweifellos den Sieg erringen würden“. Am Ende gewann Ungarn aber mit 3:1. Der Leiter der Arbeitersportler, Herr Schochat (möglicherweise diese coole Socke), erklärte gegenüber Die Stimme das enttäuschende Endergebnis mit der Müdigkeit der Mannschaft aufgrund der langen Reise. Außerdem seien die Plätze im Mandatsgebiet Palästina kleiner „und auch sonst anders“. In einem Artikel der antimarxistischen Die Neue Welt heißt es dazu, die Mannschaft spiele viel besser auf Sand als auf Rasen. Gegen Dänemark konnte sich das Team am Freitag dann mit 3:2 durchsetzen, verlor aber das Samstagsspiel 4:0 gegen Norwegen. Im Anschluss setzte die Mannschaft ihre Tournee Richtung Deutschland und Polen fort. Sie trat beispielsweise am 29. Juli gegen das oberschlesische Sportkartell in Hindenburg an.


Hapoel Tel Aviv (1930)

Weshalb trat die weit überwiegende Mehrheit nicht an?
Aber was war mit den anderen Sportlerinnen und Sportlern aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina los? Von den 80 angereisten Turnerinnen und Turnern nahmen offenbar nur 36 am gemeinsamen Turnen teil. Noch verwunderlicher ist, dass laut technischem Bericht weder die Radfahrer von „Hapoel“ noch die Motorradfahrer an den Wettkämpfen teilnahmen, zu denen sie sich zuvor eingetragen hatten. Über die Leichtathletik-Gruppe zeigte man sich im technischen Bericht der Arbeiter-Olympiade verwundert: „Palästina hatte zwar acht Sportler und vier Sportlerinnen gemeldet, sie waren auch anwesend, sind aber nicht angetreten. Warum, bleibt der Wettkampfleitung noch heute ein Rätsel.“ Im technischen Bericht sind ausschließlich die 18 Fußballspieler aus dem Mandatsgebiet Palästina gelistet – in keinem anderen dort dokumentierten Wettkampf traten die, je nach Bericht, zwischen 100 und 150 Sportlerinnen und Sportler aus Palästina an.

Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass sie den Wettkämpfen den Rücken kehrten, obwohl sie – bis auf Heinrich Lange (USA) – den weitesten Weg zurückgelegt hatten. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Hat die parallele Auseinandersetzung auf dem Kongress der Sozialistischen Arbeiter-Internationale in Wien etwa für Verstimmung gesorgt? Dort wurde der Zionismus teilweise als „objektiv-reaktionär“ dargestellt. Die britische Independent Labor Party (ILP) beantragte gar, Solidarität mit den nationalistischen arabischen Bewegungen zu üben. Hiergegen nahm Berl Locker in einer bemerkenswerten Rede Stellung. Er erinnerte daran, dass es „auch im Orient Klassengegensätze“ gäbe, weshalb „jede sozialistische Partei sehr vorsichtig sein müsste, bevor sie sich mit irgend jemanden dort verbindet“. Darüber hinaus berichteten sozialistische Zionisten aus der Sowjetrussland über die Verfolgung von Zionisten vor Ort und forderten vom Kongress eine „machtvolle Protestbewegung“ – die allerdings ausblieb. Ist hier der Grund für das Fernbleiben der Sportlerinnen und Sportler zu suchen? Im jüdischen Gemeindeblatt Frankfurt heißt es 1932: „In Wien traten im Arbeitersportverband starke antisemitische Strömungen auf.“ Eine Begründung fehlt allerdings.

War offener Antisemitismus auch in der sozialdemokratischen Arbeitersport-Bewegung verbreiteter, als die Wettkampfleitung das wissen wollte? Zahlreiche bürgerliche Sportverbände in Österreich hatten jedenfalls ein offenes antisemitisches Programm, wie beispielsweise der Alpenverein oder der Kraftsportverband. Konnte die österreichische Arbeitersportbewegung in einem solchen Klima da wirklich ein Hort der Seeligen bleiben? Oder war den Arbeitersportlerinnen und -Sportlern aus Palästina die Massendressur, die sich bei der Arbeiterolympiade Bahn brach, einfach zu dumm?

Was ist Deutschtum?

Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus zeigte sich über den erstarkenden Chauvinismus in Deutschland besorgt. Im August 1912 erinnerte ein Artikel an Zeiten, als selbst Konservativen noch ein antideutscher Ton auskam. Die gekürzte Abschrift der Artikels endet mittendrin, nicht zufällig.

In der antisemitischen Phraseologie spielt das Schlagwort: Erhaltung des reinen Deutschtums eine beträchtliche Rolle. In der Tat ist die Pflege echt deutscher Gesinnung zu würdigen. Es soll doch – nach dem Wort des Dichters – die Welt am deutschen Wesen genesen. Nur eine kleine aber nicht unwichtige Vorfrage ist noch ungelöst: Was ist Deutschtum? So oft man sich von berufener und noch mehr von unberufener Seite bemüht hat, das Wesen des Deutschtums zu ergründen – eine alle befriedigende Formel wurde noch nicht gefunden. So viel Köpfe, so viel Meinungen. Leider hat es der wachsende Chauvinismus zuwege gebracht, dass das objektive Urteil fast geschwunden ist. Auf dem Jahrmarkt der nationalen Eitelkeiten gilt nur die Stimme der glühenden Lobredner des eigenen Volksstammes; Schwarzseher und Nörgler sind verbannt.

Früher hielten es jedoch auch gut konservative Männer nicht für einen Raub, die Fehler der Volksgenossen zu tadeln. Herder hat das Wort geprägt: Der Nationalwahn ist ein furchtbarer Name und: „[Der Nationalruhm] ist ein täuschender Verführer. Zuerst lobt er und muntert auf; hat er eine gewisse Höhe erreicht, so umklammert er den Kopf mit einer ehernen Binde. Der Umschlossene sieht im Nebel nichts als sein eigenes Bild, keiner fremden, neuen Eindrücke mehr fähig. Behüte der Himmel uns vor solchem Nationalruhm.“

Wie hältst Du es mit Schopenhauer?
Heute würde Herder von den Fanatikern des Chauvinismus dafür wegen frevelhafter Gesinnung gesteinigt werden. Schopenhauer würde es nicht viel besser ergehen. Schopenhauer sagt in „Parerga und Paralipomena“: „Übrigens überwiegt die Individualität bei weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menschen verdient jene tausenmal mehr Berücksichtigung als diese. Dem Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise nachzurühmen sein. Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer anderen Form und diese nennt man den Nationalcharakter. Von einem derselben degoutiert, loben wir den anderen, bis es uns mit ihm ebenso ergangen ist. Jede Nation spottet über die andere und alle haben recht.“

Der Königsberger Philosoph des Pessismismus drückte mit diesem herben Urteil eine damals in gebildeten und patriotischen Kreisen weitverbreitete Stimmung aus. Auch Wilhelm von Humboldt äußerte sich ähnlich über die typischen Eigenschaften und Fehler der verschiedenen deutschen Nationalitäten: „In Deutschland liege der Verderb in der undeutschen Art der höchsten Klassen, in dem furchtbaren und elenden Wesen, das man Gesellschaft nennt, in der schlaffen, nicht einmal sich wahrhaft auf Genuss verstehenden Üppigkeit der Lebensart, in der grässlichen Leere des Kopfes und des Herzens.“

„Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen“
Ein halbes Jahrhundert später goss Friedrich Nietzsche die volle Schale seines Zorns und Spotts über das Deutschtum aus. Rudolf Kutzmann trug vor wenigen Monaten einige Kraftstellen in der „Deutschen Welt“ zusammen: „‚Deutschland, Deutschland über alles‘ ist vielleicht die blödsinnigste Parole, die je gegeben worden ist.“ „Für das Deutsche Reich uns zu begeistern, sind wir nicht dumm genug.“ Die Deutschen zeigen „bäurische Gleichgültigkeit gegen Geschmack“. „Die Deutschen halten Schwitzen für den Beweis ihres Ernstes.“ In einer „deutschen Stadt“ ist „alles farblos, abgebraucht, schlecht kopiert“. „Gut deutsch sein heißt sich entdeutschen.“ (Nietzsche)

Kein objektiv Denkender, gleichwohl welcher Nationalität, wird sich das maßlos gehässige Urteil des verbitterten Philosophen über deutsches Wesen zu eigen machen wollen, wie auch niemand den hölderlinschen Schmähungen Deutschlands irgendwelche Bedeutung beigelegt hat. Vielleicht gibt aber unseren aufgeblasenen Renommisten des Deutschums zu denken, dass selbst Paul de Legarde seinen Tadel und seine Mahnungen eigentlich vielmehr gegen das undeutsche Wesen der Deutschen als gegen die Juden richtete: „Jeder uns lästige Jude ist ein schwerer Vorwurf gegen die Echtheit und Wahrhaftigkeit unserer Deutschtums.“ Wären wir Deutsche wirklich Deutsche, so würden wir die Juden hinwegschmelzen, wiederholt er in allen Tonarten!

„Was ist Deutschtum“, erschienen in: „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, 28. August 1912, Berlin, gekürzt.

Polizeidirektion München: Die Vorhaut muss weg!

Am aktuellen „Beschneidungsurteil“ aus Köln scheiden sich die Geister. Vor zirka 170 Jahren beurteilten bayerische Behörden die Angelegenheit noch deutlich anders. Die Münchner Exekutive bestand auf die Beschneidung von jüdischen Jungen – auch gegen den Willen der Eltern. Wir dokumentieren eine Meldung aus dem Blatt „Der Orient“:

München, 20. September. Verschiedene Nachrichten in öffentlichen Blättern über die Weigerung eines jüdischen Vaters in Frankfurt am Main, sein Kind beschneiden zu lassen, veranlassen mich zu folgenden Mitteilung, die vielleicht jetzt nicht unwichtig ist, da daraus hervorgeht, wie die hiesige Regierung die Frage beantwortet hat. Im April dieses Jahres weigerte sich ein jüdischer Bürger, sein Kind beschneiden zu lassen. Nach den hier bestehenden Vorschriften darf nur der Rabbiner und außer ihm ein dazu ernanntes Mitglied der Gemeinde diese Operation vornehmen. Auf die an den Vater des Kindes ergangene Aufforderung antwortete dieser, dass einer seiner Bekannten diese Zeremonie, obgleich unvollständig, an seinem Kind vorgenommen habe, dass er überdies mit seiner Frau und seinen Kindern zum protestantischen Glauben überzugehen gedenke, außerdem bei diesem Kind noch ganz subjektive Verhältnisse bestehen, und dass sich die jüdische Gemeinde also vorläufig beruhigen könne. Die Polizeidirektion antwortete ihm, dass er verpflichtet sei, sich den Anordnungen des Rabbiners zu unterwerfen und die Beschneidung vorgenommen werden müsse, weil er zur Zeit noch zur israelitischen Religion gehöre und sich also den Religionsgebräuchen dieses Kultus zu unterwerfen habe.

Leicht gekürzt aus „Der Orient“, No. 40, 03. Oktober 1843

Sittlicher Antisemitismus

Die Argumentationsmuster von modernen Antisemiten verändern sich nur langsam. Das legt zumindest ein Blick in die historischen Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus nahe.

Von einer „Auschwitz-Keule“ zu reden, war erst nach Auschwitz möglich. Dennoch bediente sich der Antisemit Heinrich von Treitschke schon zirka sechzig Jahre vor Auschwitz eines ähnlichen Kniffs. Im Rahmen des „Berliner Antisemitismusstreits“ (1879) beklagte er das „umgekehrte Hep-Hep-Geschrei“ in der deutschen Republik, womit Gestalten wie er angeblich „mundtot“ gemacht werden sollten. Die Hep-Hep-Pogrome (benannt nach den Rufen des Mobs) waren antijüdische Massaker im Jahre 1819, die in Deutschland auf die Emancipation folgten.

Auch die Bemühungen, die Vorgänge im Kopf von Antisemitinnen und Antisemiten zu erahnen, führten vor und nach Auschwitz teilweise zu ähnlichen Ergebnissen. Der israelische Psychoanlaytiker Zvi Rex brachte die heute sehr aktuelle Täter-Opfer-Umkehr mit dem prominenten Satz auf den Punkt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ Deutlich vor Auschwitz schon legte Lion Feuchtwanger aber in seinem Roman „Jud Süß“ der Figur Landauer bezüglich der antijüdischen Pogrome in Ravensburg in den Mund: „Aber wenn [er] solches Unrecht getan hat, versteht sich, dass [der Ravensburger] weiter gegen [Juden] gereizt ist, auch nach 300 Jahr.“

Dem Antisemiten sein jüdischer Staat ist schon älter als Israel
Die Gründung Israels hat die Lage vieler Jüdinnen und Juden stark verändert. Doch durch die antisemitische Brille erschienen auch schon vor Israel gewisse Staaten als vermeintlich jüdisch. Zum Beispiel die angeblich „jüdisch-bolschewistische“ Sowjetunion. Die Deutsche Tageszeitung veröffentlichte im Februar 1922 einen Beitrag mit dem Titel „Aus den Leidenstagen der deutschen Wolgakolonien“, der ohne viel Aufwand dem heutigen Antizionismus angepasst (kursiv) werden kann:

„Aber man war wehrlos den (zionistischen) jüdischen Blutfängern ausgeliefert, die unter dem Zeichen des (Davidsterns) Sowjetsterns ihr menschenschändendes Geschäft betrieben. Es ist das einer der Augenblicke der Weltgeschichte, wo Antisemitismus zur sittlichen Pflicht wird. Eine gewisse deutsche Presse aber wusste auch in diesen Tagen nichts anderes zu bringen aus (Israel) Russland als (Meldungen über Raketen aus Gaza) Pogrommeldungen. Der Leser ahnte nicht, dass diese (Raketen) Pogrome nur das natürliche Ventil dumpfer Instinkte waren, die von den (Zionisten selbst) bolschewistischen Machthabern in kluger Voraussicht gefördert wurden als bester Schutz gegen ihr eigenes Treiben.“


Wo Antisemitismus zur sittlichen Pflicht wird

Interessant am Zitat aus der Deutschen Tageszeitung des Jahres 1922 ist auch die Unterscheidung zwischen „sittlichem Antisemitismus“ einerseits und „dumpfen Instinkten“ andererseits – eine Trennung, die Heinrich von Treitschke zu diesem Zeitpunkt bereits vervollkommnet hatte, um sich von „Radau-Antisemiten“ abzugrenzen (1879) und die die linke taz im Jahre 2012 noch weiterentwickeln wird, um ihre Israelkritik vor Günter Grass in Sicherheit zu bringen.

In der ultrakonservativen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erschien 1892 ein Beitrag gegen die Börse – inhaltlich durchaus verwandt mit der heutigen „Occupy-Bewegung“ – dessen Autor die „Empörung des deutschen Volksgemüts“ ebenfalls nicht in einem Topf mit Antisemitismus verrührt sehen wollte:

“Die Lebhaftigkeit der sittlichen Reaktion gegen das Treiben, wie es namentlich an der Börse, in den „Gründungs“-Manipulationen, in einem Teil der Presse und der öffentlichen Vergnügung hervortrat, musste sogar als eine durchaus erfreuliche Erscheinung gelten. Es war eine Empörung des deutschen Volksgemüts, das in seinem Innersten nach Maß und Gerechtigkeit verlangt“ […]
Leider mischten sich der aus so berechtigten Ursprüngen hervorgegangenen Bewegung alsbald Elemente bei, welche auf das Prädikat einer gerechten, humanen und vorurteilsfreien Gesinnung nur sehr bescheidenen Anspruch hatten. Unter dem Einfluss derselben verkehrte sich die sittliche Reaktion gegen vereinzelt hervortretende Untugenden in eine Hetze gegen die Staatsbürger mosaischen Glaubens oder israelitischer Herkunft. […]

Antisemitinnen und Antisemiten gehen ihrer Leidenschaft in der Regel sittlich nach. Selbst Hitler war nicht jeder Antisemitismus recht. In einer Rede im Jahre 1922 polterte er: „Uns ist die Judenfrage nicht Wahlmanöver, wir sehen das als einen unmoralischen Antisemitismus an.“

Zum 200. Jahrestag der Emancipation

Am 11. März 1912 – kommenden Sonntag vor genau 100 Jahren – begangen Jüdinnen und Juden in Deutschland hoffnungsvoll den 100. Jahrestag der sogenannten Emancipation (1812). Die Festlichkeiten wurden auch in den Abwehrblättern kommentiert. Eine gekürzte und – nach Auschwitz umso mehr – beklemmende Abschrift:

Die jüdischen Gemeinden und Vereine in Preußen haben das 100-jährige Jubiläum der Judenemancipation festlich begangen. Am 11. März 1812 unterzeichnete Friedrich Wilhelm III. das Edikt, dessen grundlegender Paragraph lautete:

“Die in unseren Staaten jetzt wohnhaften, mit Generalprivilegien, Naturalisationspatenten, Schutzbriefen und Konzessionen versehenen Juden und deren Familien sind für Einländer und preußische Staatsbürger zu achten.“

Vor dem Emancipationsedikt galten die Juden als Fremde im Lande. Sie durften nur einen auf Geldgeschäfte, Pfandleihen und dergleichen beschränkten Handel treiben, waren vom Handwerk fast ganz ausgeschlossen, durften nicht Grundbesitz erwerben, durften nur in sehr beschränkter Zahl und nach besonderer Erlaubnis heiraten; in manchen Orten war ihnen sogar der Aufenthalt gänzlich untersagt. Dagegen hatten sie Sondersteuerlasten zu tragen.

Wenn es nach dem Staatskanzler von Hardenberg gegangen wäre, so würde das Judengesetz nur vier Worte enthalten haben: „Gleich Rechte, gleiche Pflichten.“ Der König aber, der überhaupt kein Freund von Neuerungen war, und mehrere seiner Ratgeber, konnten sich zu einer vollen Gleichstellung der Juden mit den Christen nicht entschließen. Trotzdem war der Erlass des Edikts ein Akt von größter Bedeutung und Tragweite und wurde als befreiende Tat von den Juden mit Jubel begrüßt.

Trotzdem die Juden sich sonach als würdige Söhne des Vaterlandes benommen hatten, wurden ihnen nach den Befreiungskriegen die wichtigsten Rechte wieder entzogen. Es lag dies allerdings an dem allgemeinen reaktionären Zug, der damals in Preußen herrschte und über den die christlichen Bürger sich nicht minder zu beklagen hatten. Das Gesetz vom 23. Juli 1847, das für die ganze Monarchie mit Ausnahme der Provinz Posen galt, brachte eine weitere Regelung der Verhältnisse der Juden, mit der manch Fortschritte verknüpft waren.

Wohl ist in Preußen die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden seit mehr als 60 Jahren in der preußischen Verfassung garantiert, wohl hat die Verfassungsbestimmung des Norddeutschen Bundes vom 3. Juli 1869, die dann von der Verfassung des Deutschen Reiches übernommen wurde, den Juden die volle Gleichberechtigung zugestanden.

Aber wer wolle behaupten, dass die Juden die gewährleisteten Rechte wirklich zuteil werden? Obgleich die Juden auf allen Kulturgebieten den Wettbewerb mit den Christen mit Erfolg aufgenommen und die hervorragenden Leistungen auszuweiten haben, obwohl sie auf den böhmischen und französischen Schlachtfeldern ihr Blut für das Vaterland vergossen haben, wird ihnen beständig und systematisch durch gesetzwidrige Verwaltungswillkür vieles vorenthalten, was die Verfassung ihnen zusichert. Von zahlreichen öffentlichen Ämtern und von Offizierkorps sind sie grundsätzlich ausgeschlossen, bei Besetzung anderer Stellen müssen sie sich die kränkenden Zurücksetzungen gefallen lassen. Mit einem Worte: Die volle Gleichberechtigung steht nur auf dem Papier.

Freilich ohne harten Kampf gegen die rückschrittlichen Mächte werden die Juden die volle Gleichberechtigung, in deren Besitz ihre Glaubensgenossen in anderen zivilisierten Ländern sich schon längst befinden, nicht erringen. Gerade der Gedenktag der Emancipation sollte die Juden anspornen, Schulter an Schulter mit ihren freiheitlich gesinnten christlichen Mitbürgern den Kampf mit frischen Kräften fortzuführen. Möge in nicht zu ferner Zeit der guten Sache der Sieg beschieden sein.

Erscheinen in: Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin 13. März, 1912.

Karl Marx und die Juden.

Um die anerkennenswerte Arbeit des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus (Abwehrverein) zu würdigen, werden künftig in diesen Blog mit Abstand ausgewählte Schriften der Abwerblätter übertragen und zitierbar gemacht. Der Aufschlag: In einem Beitrag aus dem Jahre 1927 nimmt der Sozialdemokrat Eduard Bernstein Karl Marx in Schutz, aus dessen Aufsatz „Zur Judenfrage“ Antisemiten derzeit Fragmente zitierten.

Vorwort: Von den Antisemiten wird gerne im Sinne antisemitischer Beweisführung auf einen Ausspruch von Karl Marx Bezug genommen, der scheinbar judengegnerisch ist. Aus besonderem Anlass hatte sich einer unserer Freunde an den bekannten Marxforscher, Reichstagsabgeordneten Eduard Bernstein mit einer diesbezüglichen Anfrage gewandt. Die Antwort, welche Eduard Bernstein erteilt hat, drucken wir mit von diesem freundlich erteilter Genehmigung ab. Die Schriftleitung.

Von interessierter Seite wird folgende Frage an mich gestellt:

[…]
Ist dieser Aufsatz [Zur Judenfrage] aus irgendwie zeitlichen gebundenen Ereignissen zu erklären? Hat Marx seine Ausführungen irgendwo oder irgendwann ergänzt bzw. wiederrufen?

Hier meine Antwort: Der Aufsatz „Zur Judenfrage“, den Karl Marx in dem ersten und einzigen Heft der von ihm im Verein mit Arnold Ruge herausgegebenen „Deutsch-französischen Jahrbücher“ veröffentlicht hat, war keine programmatische Abhandlung von ihm, sondern die kritische Besprechung von zwei Abhandlungen Bruno Bauers über die Judenfrage. Marx rekapituliert darin wiederholt Darlegungen Bruno Bauers, ohne sie durch Anführungsstriche auszuzeichnen, sodass oberflächlich Leser heute leicht vermeinen können, es mit Ansichten von Marx zu tun zu haben, während dieser sie im weiteren Verlauf des Aufsatzes selbst kritisiert.

Nun fehlt es im Aufsatz freilich auch nicht an abfälligen Äußerungen über die Juden, die unmittelbar von Marx selbst herrühren. Mit Bezug auf sie darf aber zunächst nicht außer Betracht gelassen werden, dass der Aufsatz noch der frühesten Periode des Sozialisten Marx angehört, wo dieser sich noch nicht mit eigenen Untersuchungen ökonomischer und sozialwissenschaftlicher Natur befasst hatte und daher in verschiedenen Punkten von Voraussetzungen ausging, die er später als irrig selbst verworfen hat. So glaubte er zum Beispiel, dass Deutschland auf einem Stand der Entwicklung angelangt sei, wo nur noch die mit allem Alten radikal aufräumende Revolution erwartet werden könne, und schreibt denn auch in dem gleichen Heft in dem gleichen Aufsatz „Zur Kritik der Hegelschen Rechts-Philosophie“:

“In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich, als die Emanzipation von den teilweisen Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren“

Es ist klar, dass demjenigen, der von dieser Auffassung ausging, Teilrevolutionen als sehr nebensächliche Dinge, Bewegungen für politische Reform wie die staatsbürgerliche Emanzipation der Juden, als irreführend bzw. aussichtslos erscheinen mussten, und dass es ihm daher nichts verschlug, an ihnen eine Kritik zu üben, die ihn als grundsätzlichen Gegner erscheinen ließ. Dazu kommt, dass Karl Marx als der Sohn eines getauften Juden aufgewachsen war und schon deshalb von dem Juden keine gute Meinung hatte. So nur war es möglich, dass dieser scharfsinnige Geist das Judentum als ein Ganzes nach der Schablone der handvoll jüdischer Großfinanziers und der jüdischen Händler kennzeichnete, die selbst in Deutschland nur eine Minderheit dessen Juden waren – von Russland und Polen ganz zu schweigen – und ganz unberücksichtigt ließ, dass selbst die große Mehrzahl der jüdischen Handelsleute, die mit dem Ranzen auf dem Rücken gebückt über Land zogen, doch auch nur proletarische Existenzen waren, für die es grausamer Hohn war zu schreiben:

“Welches ist der praktische Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.“ „Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher.“ „Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“

Aber Marx beschränkte sich indes nicht darauf, den Juden ein verhältnismäßig großes Stück Verantwortung für die Ausbreitung des Schachers und der Geldherrschaft in der modernen Gesellschaft zuzuschreiben. Er hob zugleich hervor, dass diese moderne Gesellschaft selbst den Schacher und das Geld zur Herrschenden Macht erhoben habe. Im gleichen Aufsatz schreibt er:

“Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert. Indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Aus ihren Eingeweiden erzeugt die christliche Gesellschaft fortwährend den Juden.“

Von dieser Auffassung aus konnte Marx den Aufsatz mit den Sätzen abschließen:

“Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der (so begriffene! Anm.: Eduard Bernstein) Jude unmöglich geworden, weil sein Bewusstsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist. Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“

Aus dieser stark deduzierenden Sprache in unsere heutige volkstümliche Sprache übersetzt heißt das: Die Verwirklichung des Sozialismus macht dem, was man heute die Judenfrage nennt, ein Ende.

Da damals selbst die konservativen Elemente Deutschlands noch nicht auf jene Stufe der Verlogenheit herabgesunken waren, die heute die Hauptmasse der sich antisemitisch oder völkisch nennenden Revolutionäre kennzeichnet, ist es auch, soweit mir die Literatur bekannt ist, keinem von ihren Wortführern eingefallen, den Marx’schen Aufsatz gegen Bewegungen für die staatsbürgerliche Gleichheit von Juden ausschlachten zu wollen. So hat er denn auch keine politische Polemik von irgendwelcher Bedeutung hervorgerufen, und so ist auch Marx nicht auf ihn zurückgekommen und hat ihn der Vergessenheit überlassen. Sein tieferes Eindringen in die sozialen Zusammenhänge ließ Marx erkennen, dass die bestimmende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Gebiet der Produktion zu suchen ist, und ihrer Erforschung galt fortan sein Studium.

Er arbeitete den Plan einer von dieser Erkenntnis ausgehenden Geschichtsbetrachtung aus, die er, nachdem er mit Friedrich Engels Freundschaft geschlossen, gemeinsam mit diesem zu einer Geschichtsauffassung vervollkommnet, die von ihnen materialistische Geschichtsauffassung genannt worden ist, und das klassische Produkt ihrer Zusammenarbeit, das Ende 1847 verfasste Manifest der Kommunistischen Partei, spricht eine ungleich klarere, jedes Missverständnis ausschließende Sprache. Es beschäftigt sich nicht mit der spintisierenden Auslegung von ideologischen Begriffen, sondern mit der Feststellung der Entstehung und den materiellen Lebensbedingungen von Gesellschaftsklassen, ihren Gegensätzen und Kämpfen, und den geschichtlichen Ergebnissen dieser Kämpfe. Das schloss eine Behandlung der Judenfrage, wie sie in diesem Aufsatz geschah, aus. Um mit Marx zu reden, nur Narren und Schufte können durch herausgerissene Sätze aus ersteren dessen Sinn fälschen und den großen Theoretiker des Sozialismus zum Kronzeugen für Demagogie herabwürdigen, der das Wirken von Marx als Politiker nie das kleinste Zugeständnis gemacht hat.

Erschienen in Abwehrblätter – Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin 21. Februar, 1927