Tag-Archiv für 'antiamerikanismus'

Her mit den geilen Startbahnen!

Wird der Münchner Flughafen um eine dritte Startbahn erweitert? Seit Wochen werben Befürwortende und ihre Gegnerschaft um die Stimmberechtigten beim anstehenden Bürgerentscheid. Doch eine weitere Startbahn kann nur der Anfang sein. München bräuchte mehr davon.


Macht eine prima Figur: die Goldrute

Wenn sich die Fussballvereine FC Bayern München und TSV 1860 München, die Industriegewerkschaft Metall München, Reinhold Messner und Charlotte Knobloch einmal in einer Sache einig sind, kann die so falsch nicht sein. Alle Genannten unterstützen den Bau der dritten Startbahn. Der Münchner Flughafen stößt über viele Stunden am Tag an seine Leistungsgrenze, eine weitere Startbahn wäre nötig, „damit wir auch in Zukunft bestens vernetzt und international angebunden“ sind, resümiert der Bergsteiger Messner weltgewandt. „Zukunft“, „vernetzt“ und „international angebunden“, das klingt gut, doch in den Ohren derer, die sich nicht in Zukunft, sondern im Erdinger Niedermoor eine bessere Welt erhoffen, klingt jedes einzelne Wort wie eine Kriegserklärung.

Eine alte Leidenschaft
In der Münchner Postille zur Vervielfältigung kleinbürgerlicher Anliegen, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Süddeutschen Zeitung, erscheinen seit Wochen Artikel gegen die geplante Startbahn. Aktuell ist von einer Biologin zu lesen, die offenbar nahe dem Münchner Flughafen unterwegs ist, und in den Tümpeln auf den sogenannten Ausgleichsflächen Pflanzen stalked. Ihr Befund: „Mit dem ursprünglichen Niedermoor im Erdinger Moos hat das hier nichts mehr zu tun“, so die Expertin. Denn: Die nordamerikanische „Goldrute“ verdränge mit ihrer „robusten Art“ die einheimischen Pflanzen. Durch die dritte Startbahn drohe nun darüber hinaus „der letzte Rest Erdinger Moos vernichtet“ zu werden, ist in selbigem Beitrag zu lesen. Verdrängung und Vernichtung der Einheimischen (Pflanzen) im Niedermoor, durch einen robusten nordamerikanischen Eindringling noch dazu, das weckt Erinnerungen. Die Münchner NPD-Tarnorganisation „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ bezog ebenfalls Stellung gegen eine dritte Startbahn. Nicht, weil sie das Thema „instrumentalisiert“, wie manche meinen, sondern weil sie das notwendig auch so sehen muss, wie diese Biologin.

Bionade-Bourgeoisie macht den Sack zu
Den Befürwortenden des Bauvorhabens kann entgegengehalten werden, dass ihre Forderung noch zu kurz greift. Denn drei Startbahnen werden bei Weitem nicht reichen, um das ungeschriebene allgemeine Recht zu gewährleisten, dieses Land jederzeit in Richtung freie Welt verlassen zu können. Flugreisen nach allen Ecken des Globusses dürfen nicht in der Hauptsache das Privileg von Besserverdienenden bleiben, das sich Haushalte mit niedrigem Einkommen allenfalls lange Zeit vom Mund absparen müssen. In die andere Richtung gilt das Eintreten für das sogenannte „Right to move“ verstärkt. Ab 1993 trat in Deutschland und später in Europa faktisch die „Sichere Drittstaatenregelung“ in Kraft. Flüchtlinge dürfen nur in dem Land Asyl geltend machen, über das sie eingereist sind. Da Deutschland in der Mitte Europas liegt, sind Flüchtlinge, die in Deutschland erfolgreich Asyl beantragen wollen, heute umso mehr auf das Flugzeug angewiesen, weil sie direkt ohne Umwege in Deutschland anzukommen haben. Deshalb sind die hohen Kosten für Flugreisen durch zu knapp gehaltene Landemöglichkeiten letztendlich die Vervollkommnung der Abdichtung Deutschlands gegen Migration aus Ländern wie Afrika oder Asien. Die NPD weiß schon, was sie will. Im Grunde bedarf es viele Startbahnen mehr und der starken Subvention von Langstreckenflügen, um die Flucht nach Deutschland hin (und vom deutschen Alltag weg) erschwinglich zu machen.

Deshalb: Für eine kosmopolitische Welt!
Gegen Regionalismus und „Unser Land“-Wahn! Autofreie Zonen ohne Ende, ja! Einschränkung der globalen Bewegungsfreiheit und der Migration, nein! Für eine dritte Startbahn! Für mehr Startbahnen! Für den Einmarsch der nordamerikanischen Goldrute im Erdinger Moos!

Der „Vasallenstaat für den Imperialismus“ und seine „Imperialistenknechte“

Die Sozialistische deutsche Arbeiterjugend und zwei Neonazis stören eine würdige Erinnerung am Tag der Befreiung in München.


Demonstration gegen den deutschen Schlussstrich, München, 08. Mai 2012

“Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpften.“ (Schwur der Überlebenden aus dem KZ Buchenwald, 19. April 1945)

Entmündigung der Opfer von Buchenwald
Am 08. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Zu verdanken ist das den alliierten Streitkräften, die sich fähig und willens zeigten, nicht etwa an den Grenzen des nationalsozialistischen Staates halt zu machen, sondern ihn zu besetzen. Zum Ausdruck kam der Dank insbesondere im sogenannten „Schwur von Buchenwald“. Die bekannte Rede im Namen der Lagerinsassen ist ein Statement für den Krieg gegen den Faschismus. Eine Mehrheit der 68er-Generation stellte diese Rede allerdings auf den Kopf: „Nie wieder Kieg, nie wieder Faschismus“ war ihre Lesart der unzweideutigen Überlieferung und nicht der geschworene Dank an die alliierten Armeen.

Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und ihre Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) riefen dieses Jahr erneut mit der zweifelhaften Interpretation „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ zum 67. Jahrestag der Befreiung auf. Obwohl die DKP München Tage zuvor sogar antijüdische Sozialisten geladen hatte, ließen sich einige antifaschistische Gruppen am 08. Mai 2012 auf eine sogenannte „Befreiungsfeier“ im Bund mit der SDAJ quer durch die Münchner Altstadt ein.

Die antiimperialistische Nationale
Eine etwa zwanzigköpfige Gruppe entschied sich allerdings entgegen dem kommunizierten Konsens der „Befreiungsfeier“ dazu, mit den Fahnen der Alliierten aufzuschlagen, um an sie zu erinnern. Laut einem Schlamassel Muc vorliegenden Bericht wurde diese Gruppe nach ihrem Erscheinen erst „höflich“ dann „rauer“ zum Ablegen der Fahnen aufgerufen. Andere Teilnehmende äußerten der Gruppe gegenüber, dass es zwar „nicht ok“ sei, würde jemandem der Fahnen wegen „aufs Maul“ gehauen; Schuld hätte sie im Fall des Falles aber selbst.

Nachdem sich der Demonstrationszug in Bewegung gesetzt hatte, wuchs offenbar der Unmut einiger an; insbesondere die Fahne der USA wirkte offenbar provozierend. Ein „Mittdreißiger“ rannte dem Bericht zufolge aufgeregt „hin und her“, nannte besagte Gruppe abwechselnd „Spalter“ und „Imperialistenknechte“, schubste, und unternahm auch immer wieder Versuche, die Fahnen herunterzureissen. Die neonazistische Website des „Freien Netz Süd“ ließ indes wörtlich und inhaltlich nicht weit davon entfernt verlautbaren, dass Deutschland nach dem 08. Mai 1945 zum „Vasallenstaat für den Imperialismus“ geworden sei. Gestört wurde die Performance zur Erinnerung an die befreienden Armeen zudem von zwei angerückten Neonazis, denen die Fahnen der Alliierten erheblich mehr aufgestoßen sein dürften, als beispielsweise die Annahme der SDAJ, Betriebsräte hätten bei Zwangsarbeitende etwas zum Besseren gewendet.

Die selbsternannten Sicherheitskräfte der Demonstration bemühten sich dem Bericht zufolge redlich, die Alliierten- und Israelfahnen von ihrer Demo getrennt zu halten, was angeblich einige Teilnehmende zu weiteren verbalen Ausfällen und wenig subtile Drohungen veranlasst haben soll. Zur Abschlusskundgebung am Gärtnerplatz wurde der Gruppe von der Polizei dann schließlich doch ein eigener Platz – getrennt von der Demonstration – zugewiesen.

Hoch die Tassen!

Am 29. April 1945 befreite die US-Armee, angeführt von Colonel Felix Sparks, die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Dachau. Am 30. April wurde München eingenommen, das nicht nur als „Hauptstadt der Bewegung“ sondern auch als Vorposten der sagenumwobenen deutschen „Alpenfestung“ galt. Zeitgleich erschien im NS-Druckwerk in der Schellingstraße 50 der „Völkische Beobachter“ ein letztes Mal, doch konnte nicht mehr ausgeliefert werden.

Wie sich nach der Befreiung der Überlebenden aus den Konzentrationslagern – durch eine kriegerische Intervention wohlgemerkt – die Parole „Nie wieder Krieg!“ halten konnte, bleibt bis heute ein gut gehütetes Geheimnis der Friedensbewegung. Eine naheliegende Parole wäre gewesen: „Krieg den antisemitischen Regimen! Nie wieder bedingungslose nationale Souveränität!“. Diese Platitude ist auch nicht belastbar, aber nimmt die Ereignisse der Zeit wenigstens ernst. Viele Bayern vergaßen nicht, es den US-Militärs auf ihre Art zu danken.

Die Mehrzahl der bayerischen Bevölkerung behandelte Frauen, die sich mit Amerikanern abgaben, durchweg mit Verachtung, ganz besonders, wenn sie sich mit farbigen Soldaten einließen. […] Bei den Militärbehörden gingen reihenweise Beschwerden über den Verfall der Sitten ein und Briefe voller Haß, für die die Amerikaner die Bezeichnung „hate-sheets“ einführten. Oft wurde sogar mit Selbstjustiz gedroht, also den „Amiflitscherln“ die Haare abzuschneiden oder ihnen noch Schlimmeres anzutun. (Froyleins, Amiflitscherln, Schokoladenhuren. Trümmerfrauen und Besatzer, Bayerischer Rundfunk, „Bayern – Land und Leute“, 12.5.1996 )

Dem entgegen und zur Feier des Tages möchten wir heute gerne anstoßen. Hoch die Tassen!

Verschränkte Ressentiments

Im aktuellen Heft der Zeitschrift für Soziologie ist ein interessanter Beitrag zum Verhältnis von Antiamerikanismus und Antisemitismus erschienen. Die drei Thesen der Studie lauten:

H1 (Projektion): Je unzufriedener eine Person mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ist, desto ausgeprägter sind ihre antisemitischen Einstellungen.
H2 (Projektionsverschiebung): Je unzufriedener eine Person mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ist, desto ausgeprägter sind ihre antiamerikanischen Einstellungen.
H3 (Umwegkommunikation): Antiamerikanische Einstellungen und antisemitische Einstellungen zeigen einen positiven Zusammenhang.

Stuttgart Zeitschrift für Soziologie, Jg. 39, Heft 3, Juni 2010, S. 215–232