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Edmund Hufnagel und das Ende der „Freiheit“

Edmund Hufnagel gewann 1931 bei der Arbeiterolympiade in Wien. Für seinen ersten Platz im Jiu-Jitsu wäre er von der Stadt München fast ausgezeichnet worden. Doch die Nazis fuhren ihm in die Parade. Eine Erinnerung an den letzten (fast) gewürdigten Arbeitersportler aus dem Westend.


Schwerathleten üben am Rande der Arbeiterolympiade 1931

1.600 Einladungen verschickte die Stadtverwaltung noch zur großen Ehrenbriefverleihung am 15. März 1933. Doch die Weimarer Republik war am 15. März faktisch schon abgemeldet. Die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung“ trat in Kraft, die Hakenkreuzflagge wehte vom Turm des Münchner Rathauses. Fünf Tage später wird sich der konservative Bürgermeister Scharnagl zum Rücktritt gezwungen sehen. Unter den Ehrenbriefen an diesem Abend befanden sich aber noch zwei, die überhaupt nicht in die neue Zeit hineinpassten. Die sozialistischen Fahrradfans vom Arbeiter- und Radfahrerbund „Solidarität“ sollten für ihren ersten Platz im Saalfahren 1932 in Halle einen Teampreis erhalten. Und ein Ehrenbrief für den Arbeitersportler Hufnagel vom Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“ war auf Lager. Aber wurden diese beiden Auszeichnungen inmitten der nationalsozialistischen „Erhebung“ verliehen? Und wer überhaupt war dieser Hufnagel?

Eine Rekonstruktion: Aufschlag der Hufnagels in München
Vater Hufnagel kam 1892 im Alter von 21 Jahren nach München. Das Westend, eine stinkende Ausgeburt der Industrialisierung auf der Sendlinger Haid, zog zwischen 1880 und 1900 circa 27.500 Menschen an, zumeist Jugendliche aus den bayrischen Provinzen. Wo und wann Vater Hufnagel, wohnhaft in der Kazmairstraße, dann Margareta Zilk aus der Oberpfalz einen Heiratsantrag machte, nach einem gemeinsamen Besuch beim ersten Fußballspiel auf der Theresienwiese 1895 oder nachdem er mit einem Fleisch vom Rossmetzer aus der Wirtschaft „Pferdebahnhof“ getorkelt war, ist nicht überliefert. Jedenfalls heirateten beide 1899 und nur wenig später erblickten drei weitere Hufnagels das Licht der Welt, wovon der zweite, Edmund, am 10. April 1902 geboren wurde.

Als Edmund zwölf Jahre alt war, zog es seinen Vater mit 43 Jahren noch in den 1. Weltkrieg, allerdings kam er schon 1916 vorzeitig zurück, und mietete sich in die Ganghoferstraße 19 ein. Die Schulen im Westend dienten während des 1. Weltkrieges als Reserve-Lazarette und der kleine Edmund wird seine Tage wie die anderen Kinder auch in der Ganztagsschule in Laim verbracht haben. Der 23-Jährige Edmund kam ab 1925 dann als Formerlehrling bei Theresa Schmidthuber unter, am Rande des Westends, jenseits der Gleise, im Hinterhaus der Ganghoferstraße 76.

Der Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“
Edmund Hufnagel begeisterte sich bald für die Arbeitersportbewegung, die sich parallel zur Herausbildung des Industriekapitals geformt hatte. Er wurde Mitglied im Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“. Dieser gründete sich 1923 im Zuge der aufkommenden Jiu-Jitsu Begeisterung, die in Deutschland vor allem von Berlin her angestoßen wurde. Nahezu zeitgleich entstanden in München beispielsweise der „Jiu-Jitsu Club München e.V.“, die „Münchner Jiu-Jitsu Vereinigung 1923“ und etwas später der kommunistische „Jiu-Jitsu Club Athena“.

Dem kleinen Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“ diente als Ringermatte ein unzureichendes Provisorium aus Holzwolle, an notwendiger Sportkleidung mangelte es ebenfalls. 1924 beantragte der Verein bei der Stadt eine finanzielle Förderung, die teilweise gewährt wurde. München dürfe hinter Berlin nicht zurückstehen, hieß es im Antrag auf Förderung der „Freiheit“. Außerdem verdiene Jiu-Jitsu „schon deshalb so große Beachtung, weil es kaum eine Leibesübung gibt, die in so hohem Maße den Sport als den angenehmen Teil mit der Selbstverteidigung als nützlichen Teil“ verbinde.

Reise ins „Rote Wien“
Im Juli 1931 machte sich Hufnagel mit 29 Jahren dann auf zur Arbeiterolympiade nach Wien. An diesem Event nahmen tausende Menschen teil, beim einleitenden Festzug sollen circa 100.000 aufgelaufen sein. Teilnehmende aus 15 Nationen reisten an. Die längsten Anreisewege nahmen die Sportlerinnen und Sportler aus Palästina und ein Leichtathlet aus den USA auf sich. Weshalb aber die meisten der mindestens 100 angereisten zionistischen Sportlerinnen und Sportler doch nicht an den Wettkämpfen teilnahmen, bleibt bislang ungeklärt. Mr. Lange, der erste und letzte US-Amerikaner, der je an einer der drei Arbeiterolympiaden teilgenommen hat, erreichte im Zehnkampf der Männer den vorletzten Platz. Insbesondere sein kurzreichender 27-Meter-Speerwurf verhagelte ihm die Bilanz.

Die Jiu-Jitsu-Wettkämpfe machten 28 Österreicher und acht Deutsche unter sich aus. Von den acht Deutschen kamen mindestens drei aus München: Edmund Hufnagel, Franz Zachmann und Josef Hammerstingl. In manchen Gewichtsklassen fanden sich kaum mehr als zwei Teilnehmer. Hammerstingl – seines Zeichens auchVorstand vom Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“ – erreichte den dritten Platz im Bantamgewicht, in dieser Gewichtsklasse waren es aber nur vier Teilnehmer. Hufnagel hatte sich im Weltergewicht immerhin gegen sechs weitere Kontrahenten durchzusetzen.


Konnten ihr Versprechen nicht halten: Die Arbeiterfußballer 1931

Die Ungnade der späten Auszeichnung
Eigentlich hätte Hufnagel für seinen ersten Platz schon 1932 mit einem Ehrenbrief der Stadt München bedacht werden können, hätte der Arbeiter-Athleten-Bund das Gesuch für Hufnagels Ehrung nicht viel zu spät eingereicht. Die Auszeichnung wurde aufs Folgejahr verschoben. Vieles deutet aber darauf hin, dass Hufnagel seinen Ehrenbrief auch an diesem Abend des 15. März 1933 nicht entgegennehmen konnte.

Die Nationalsozialisten gaben im Münchner Rathaus faktisch schon den Ton an, kommunistische und sozialdemokratische Kader wurden auf offener Straße zusammengeschlagen. Heinrich Himmler schwang sich am Tag der Ehrung zum kommissarischen Polizeipräsident in München auf. Der Arbeitersportler Hufnagel stieg vor den Augen der SA-Schergen demnach vermutlich nicht auf das Podium im Festsaal, um seinen Ehrenbrief im Namen des sozialistischen Arbeitersports in Empfang zu nehmen.

Dafür spricht auch das Original-Manuskript der Rede des zweiten Oberbürgermeisters Küfner an diesem Abend, das im Münchner Stadtarchiv zu finden ist. Ein Satz des Entwurfs seiner Rede wurde nämlich nachträglich durchgestrichen: „Das Arbeiter Sport Kartell ist vertreten mit einem Meister im Jiu-Jitsu und einer Mannschaft im Radfahren.“

Weiterführendes:
Arbeiter-Olympiade in Wien: Was war mit den zionistischen Arbeitersportlern los?

Arbeiter-Olympiade in Wien: Was war mit den zionistischen Arbeitersportlern los?

Bei der Arbeiter-Olympiade 1931 wurden auch mindestens 100 Arbeitersportlerinnen und -sportler aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina erwartet. Diese kamen auch – teilweise auf dem Motorrad direkt aus Haifa – nach Wien. Aber nur wenige traten tatsächlich bei den Wettbewerben an. Warum, bleibt im Dunkeln. Eine Spurensuche.

Auf dem 17. Zionistischen Weltkongress flogen am 13. Juli 1931 buchstäblich die Fetzen. Nach einem Handgemenge mit den Delegierten der Arbeiterparteien rissen die Revisionisten die zionistische Fahne von der Galerie. Die Revisionisten wollten in Basel eine Debatte darüber führen, was das endgültige Ziel des Zionismus sei – ihrer Meinung nach ein Judenstaat, westlich und östlich des Jordans gelegen. Die Sozialisten hingegen, die im damaligen Palästina eine deutliche Mehrheit hatten, trieben viel konkretere Fragen um. Ben Gurion machte seinem Ärger gegenüber der Jüdischen Rundschau Luft: „Statt eine Überwindung der Stagnation in Einwanderung und Siedlung zu erzwingen, befasste sich der Kongress tagelang mit der Debatte um Formeln, die dem Zionismus schweren Schaden zufügen muss.“

Verbunden mit dem anschließenden Kongress der Arbeiter-Internationale in Wien – auf dem sich die sozialistischen Zionisten Chaim Arlosoroff und Berl Locker weiter plagen mussten – fand die 2. Arbeiter-Olympiade (18. bis 26. Juli) in Wien statt. Sie gilt mit 25.000 Teilnehmenden und einem Vielfachen an Publikum als das monumentalste Massenfestspiel der Sozialdemokratie in den Zwischenkriegsjahren. Als Highlight galt auch die Teilnahme des noch jungen Arbeitersportverbandes „Hapoel“ (Der Arbeiter). Es wurden über 100 jüdische Sportlerinnen und Sportler aus dem Mandatsgebiet bei der Olympiade erwartet, unter ihnen eine Fußball- und eine Tauziehmannschaft.

Laut „Wettkämpfer-Verzeichnis“ waren es unter den Radfahrern insgesamt elf Arbeitersportler aus Palästina, die sich zum Straßenfahren „rund um Wien“ und zu anderen Rad-Disziplinen angemeldet haben. Weitere acht Teilnehmer wurden namentlich bei den Motorrad-Wettbewerben gelistet. Vier Arbeitersportlerinnen trugen sich für die 4×100-Meter-Stafette ein, Brachah Goldin und Hasaj Kohn standen u.a. beim Schleuderballwerfen, Hochsprung und Weitsprung im Programm. Darüber hinaus haben sich acht Männer für die Leichtathletik-Wettbewerbe registrieren lassen.

Die Anreise über Basel und das große Hallo
Achtzig Turnerinnen und Turner aus dem Mandatsgebiet reisten über Marseille ein, aber machten einem Bericht zufolge am letzten Kongresstag der Jewish Agency (17. Juli) zuvor in Basel halt. Dort brachten sie sich vor dem Messegelände in Form und wurden von Arlosoroff begrüßt. Der derzeit einflussreiche Politiker kündigte an, die Arbeiterolympiade in den nächsten Tagen ebenfalls zu besuchen. Auch die Radfahrergruppe „Hapoel“ begab sich nach der Überfahrt zuvor nach Basel. Sie wurde zum Begrüßungsabend des Basler Makkabi am Rande des 17. Zionistenkongresses eingeladen. Meschulam Schor bedankte sich herzlich für die Einladung. Er wollte beim Straßenfahren „Rund um Wien“ teilnehmen. Auch die Motorradfahrer-Gruppe näherte sich indes. Sie war mit ihren Maschinen von Haifa aus gestartet.

Nachdem die meisten jüdischen Sportlerinnen und Sportler den Schabbat am 18. Juli 1931 noch in Basel verbrachten, reisten sie in der Nacht zum 19. Juli nach Wien ab. Sie wurden am nächsten Tag laut Die Stimme vom jüdischen Nationalrat Julius Deutsch und einer „vieltausendköpfigen Menge“ begeistert am Wiener Westbahnhof empfangen. „Als die großen Überlandautos mit den Palästinensern – eine blau-weiße Fahne in der Mitte – durch die Straßen Wiens fuhren, wurden sie vom Publikum überall herzlich begrüßt.“ Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten im Apollo-Theater am selben Tag wurde jede der 22 teilnehmenden Nationen mit einer kurzen Ansprache gewürdigt: „Das rote Wien grüßt die Genossen aus Palästina, die jüdische Arbeiter aus Haifa, Tel Aviv und den Kolonien, die eine Heimstätte der Zukunft ihr Volk bauen“, waren laut der Jüdischen Rundschau die an die Sportlerinnen und Sportler gerichteten Worte.

„Bravo Palästinenser“
Es folgten in den nächsten Tagen eine Reihe großspurige Umzüge, die die vermeintliche Stärke der Sozialdemokratie auf den Straßen Wiens demonstrieren sollten. Vielerorts war Berichten zufolge die – in eine rote Standarte eingenähte – blau-weiße Fahne mit Davidstern zu sehen. Beim Fackelzug am Samstag, dem 26. Juli, marschierte die Delegation aus dem Mandatsgebiet Palästina vorneweg, beim Festzug am Sonntag über die Ringstraße hinten nach. Bei letzterer Veranstaltung sollen Zuschauer laut einem etwas überschwänglich verfassten Artikel in Die Stimme begeistert „Schalom“ und „Bravo Palästinenser“ gerufen haben.

Gut dokumentiert ist das Fußballspiel gegen Ungarn im neu erbauten Wiener Praterstadion am Donnerstag, 23. Juli – vor 60 000 Zuschauerinnen und Zuschauern. In der Halbzeitpause (1:1) herrschte laut Die Stimme „allgemein die Meinung, dass nach der Pause die Palästinenser zweifellos den Sieg erringen würden“. Am Ende gewann Ungarn aber mit 3:1. Der Leiter der Arbeitersportler, Herr Schochat (möglicherweise diese coole Socke), erklärte gegenüber Die Stimme das enttäuschende Endergebnis mit der Müdigkeit der Mannschaft aufgrund der langen Reise. Außerdem seien die Plätze im Mandatsgebiet Palästina kleiner „und auch sonst anders“. In einem Artikel der antimarxistischen Die Neue Welt heißt es dazu, die Mannschaft spiele viel besser auf Sand als auf Rasen. Gegen Dänemark konnte sich das Team am Freitag dann mit 3:2 durchsetzen, verlor aber das Samstagsspiel 4:0 gegen Norwegen. Im Anschluss setzte die Mannschaft ihre Tournee Richtung Deutschland und Polen fort. Sie trat beispielsweise am 29. Juli gegen das oberschlesische Sportkartell in Hindenburg an.


Hapoel Tel Aviv (1930)

Weshalb trat die weit überwiegende Mehrheit nicht an?
Aber was war mit den anderen Sportlerinnen und Sportlern aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina los? Von den 80 angereisten Turnerinnen und Turnern nahmen offenbar nur 36 am gemeinsamen Turnen teil. Noch verwunderlicher ist, dass laut technischem Bericht weder die Radfahrer von „Hapoel“ noch die Motorradfahrer an den Wettkämpfen teilnahmen, zu denen sie sich zuvor eingetragen hatten. Über die Leichtathletik-Gruppe zeigte man sich im technischen Bericht der Arbeiter-Olympiade verwundert: „Palästina hatte zwar acht Sportler und vier Sportlerinnen gemeldet, sie waren auch anwesend, sind aber nicht angetreten. Warum, bleibt der Wettkampfleitung noch heute ein Rätsel.“ Im technischen Bericht sind ausschließlich die 18 Fußballspieler aus dem Mandatsgebiet Palästina gelistet – in keinem anderen dort dokumentierten Wettkampf traten die, je nach Bericht, zwischen 100 und 150 Sportlerinnen und Sportler aus Palästina an.

Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass sie den Wettkämpfen den Rücken kehrten, obwohl sie – bis auf Heinrich Lange (USA) – den weitesten Weg zurückgelegt hatten. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Hat die parallele Auseinandersetzung auf dem Kongress der Sozialistischen Arbeiter-Internationale in Wien etwa für Verstimmung gesorgt? Dort wurde der Zionismus teilweise als „objektiv-reaktionär“ dargestellt. Die britische Independent Labor Party (ILP) beantragte gar, Solidarität mit den nationalistischen arabischen Bewegungen zu üben. Hiergegen nahm Berl Locker in einer bemerkenswerten Rede Stellung. Er erinnerte daran, dass es „auch im Orient Klassengegensätze“ gäbe, weshalb „jede sozialistische Partei sehr vorsichtig sein müsste, bevor sie sich mit irgend jemanden dort verbindet“. Darüber hinaus berichteten sozialistische Zionisten aus der Sowjetrussland über die Verfolgung von Zionisten vor Ort und forderten vom Kongress eine „machtvolle Protestbewegung“ – die allerdings ausblieb. Ist hier der Grund für das Fernbleiben der Sportlerinnen und Sportler zu suchen? Im jüdischen Gemeindeblatt Frankfurt heißt es 1932: „In Wien traten im Arbeitersportverband starke antisemitische Strömungen auf.“ Eine Begründung fehlt allerdings.

War offener Antisemitismus auch in der sozialdemokratischen Arbeitersport-Bewegung verbreiteter, als die Wettkampfleitung das wissen wollte? Zahlreiche bürgerliche Sportverbände in Österreich hatten jedenfalls ein offenes antisemitisches Programm, wie beispielsweise der Alpenverein oder der Kraftsportverband. Konnte die österreichische Arbeitersportbewegung in einem solchen Klima da wirklich ein Hort der Seeligen bleiben? Oder war den Arbeitersportlerinnen und -Sportlern aus Palästina die Massendressur, die sich bei der Arbeiterolympiade Bahn brach, einfach zu dumm?