Tag-Archiv für 'buchvorstellung'

Moshe Zuckermann und der „Nebeneffekt auf den jüdischen Koscherladen“

Bei seiner aktuellen Buchvorstellung am Samstag bezeichnete der Soziologe Moshe Zuckermann die Anschläge in Paris als eine „Kleinigkeit“ – gemessen an dem, was er bereits erlebt habe. Außerdem rief der Uni-Professor aus Tel Aviv die über 300 Gäste im Münchner Gewerkschaftshaus dazu auf: „Lasst euch nie einreden, dass ihr Antisemiten seid!“

„Zunächst nicht auf Juden ausgerichtet“ (Zuckermann)

Bereits zu Beginn präsentierte der Veranstalter, Eckhard Lenner, im Hinblick auf die grausame Ermordung von Mitgliedern der Satire-Redaktion „Charlie Bebdo“ und der Anwesenden in einem jüdischen Supermarkt in Paris die seiner Ansicht nach Schuldigen: Die „Wurzeln für diesen Aufstand oder die Fanatisierung der muslimischen Welt“ habe „der Palästina-Israel-Konflikt mit an erster Stelle“ gelegt, so der Vorstand der antizionistischen Vereins „Salam Shalom“ in einer pastoral gehaltenen Einleitung.

Zuckermann sah sich an diesem Abend ebenfalls genötigt, auf die islamistische Mordserie in Frankreich einzugehen. Wohl, weil er eine Grundthese seines neuen Buches „Israels Schicksal – wie der Zionismus seinen Untergang betreibt“ in Gefahr sah. Eine seiner Thesen ist, dass man als Jüdin oder Jude überall sicherer lebt als in Israel – das zionistische Versprechen also nicht eingelöst worden sei. Heute stünden die Israelis Schlange vor der deutschen oder polnischen Botschaft, um einen Pass zu bekommen, so Zuckermann. Da passen die Anschläge von Paris und die 7.000 aus Frankreich 2014 nach Israel ausgewanderten französischen Jüdinnen und Juden freilich nicht ins Bild. Allein 2014 haben sich 50.000 französische Jüdinnen und Juden über die Möglichkeiten einer Auswanderung erkundigt, 2015 werden 10.000 in Israel erwartet.

Ein Nebeneffekt im Koscherladen
„Ja, es gibt dann so etwas, wie es jetzt in Frankreich passiert ist, aber was in Frankreich passiert ist, war ja zunächst nicht auf Juden ausgerichtet“, sagt Zuckermann in seinem Vortrag bezüglich der aktuellen Anschläge. Dann räumt er zwar ein: „Obwohl es auch den Nebeneffekt auf den jüdischen Koscherladen geben hat.“ Um diesen „Nebeneffekt“ dann nicht nur euphemistisch sondern auch inhaltlich zu relativieren, ohne ihn freilich relativieren zu wollen: „Ich habe Zeiten erlebt, wo alle zwei Tage in Tel Aviv ein Bus in die Luft geflogen ist. Gemessen daran ist das, was in Paris passiert ist, eine Kleinigkeit. Aber es ist keine Kleinigkeit, es ist eine Barbarei.“

Vielmehr möchte der Soziologe und Historiker sein Augenmerk darauf richten, wie das Ereignis wohl in Israel „ausgeschlachtet“ werde. „Netanjahu konnte nichts besseres passieren, als was in Paris passiert ist.“ Eine weitere seiner Thesen des Abends ist nämlich, dass es Israel „immer wieder zupasskommt, wenn es Antisemitismus gibt“. Schon Staatsgründer Ben Gurion habe gesagt, „wenn es den Antisemitismus nicht gibt, müssen wir ihn etwas anfachen“, damit Jüdinnen und Juden nach Israel kommen, so Zuckermann in seinem Vortrag. Ähnlich verhielte es sich nach Zuckermann mit dem Holocaust. „Der Holocaust wurde zum Argument für den Zionismus, fast möchte man meinen, es musste erst der Holocaust kommen, damit der Zionismus endgültig seine Politik durchsetzt.“ Der Holocaust sei immer ein „Stück der israelischer Politik“ geblieben, so der Historiker und: „Alle israelischen Politiker betreiben eine Manipulation mit dem Begriff Antisemitismus“, lässt er das Publikum wissen.

Das „barbarische Okkupationsregime“ und der Antisemitismus

„Wenn ich ihnen etwas anraten kann, lassen sie sich nicht beirren. Sie tun Israel kein Gefallen, wenn sie Israel immer wieder solidarisch kommen. […] Wenn in Israel seit über 45 Jahren ein barbarisches Okkupationsregime betrieben wird, dann müssen wir – und das betrifft auch sie – dagegen vorgehen. Und lassen sie sich dabei nicht einreden, dass sie antisemitisch sind.“

Das ist der Stoff, weshalb Zuckermann nach München eingeladen wurde. Die ausgewählten deutschen Gäste wollen von ihm hören, dass ihr wahnhaftes Ressentiment gegenüber dem jüdischen Staat ganz sicher kein Antisemitismus sei. Zuckermann müsse die Menschen in Deutschland „heilen“, wird Veranstalter Lenner etwas später hinzufügen. „Statt Antisemitismus macht man heute in diesem Land Philosemitismus – und das war’s dann schon. Eine Frage der Denkfaulheit, eine Frage des Opportunismus, eine Frage des Mutes“, peitscht der Vorstand von „Salam Shalom“ ein.

Die letzten Aufrechten
In der Fragerunde legt das Publikum – dann schon sichtlich von Zuckermann geheilter – los: „Aus einer relativ sicheren Quelle habe ich erfahren, dass amerikanische Juden, amerikanische Politiker bestechen“, sagt eine Zuschauerin. Hier kann der Professor zumindest noch erkennen, dass es sich um „eine neue Version der Protokollen der Weisen von Zion“ handeln könnte. Ob „Deutschland seine Souveränität erlangt habe“, fragt ein anderer verunsichert. Auch hier versichert Zuckermann: „Deutschland ist souverän“. Meistens gibt er sich jedoch ausgesprochen verständnisvoll gegenüber dem eingeschworenen Publikum. „Es gab sehr viele moderate Köpfe bei der Hamas“, so ein Zuschauer. Ja, man müsse mit der Hamas sprechen, entgegnet Zuckermann. „In Gaza kann es nicht so weiter gehen, weil Gaza das größte Gefängnis dieser Welt ist.“

Inhaltlich lieferte Zuckermann einen allenfalls populärwissenschaftlichen Auftritt ab, der nicht einmal seiner steten Versicherung, dass er Marxist sei, gerecht wurde. Denn mit einer materialistischen Gesellschaftskritik hatten seine Thesen zumindest an diesem Abend nichts zu tun und auch seine Ausflüge in die Psychoanalyse blieben auf einer sehr vulgären Stufe stehen. Ein inhaltlicher Gegenstand, auf dem es sich abzuarbeiten lohnt, war nicht erkennbar. Israel steuere auf einen namentlich „faschistischen Apartheidsstaat“ zu – das war die Kernbotschaft.

Der antizionistische Verein „Salam Shalom“ richtete diese Veranstaltung in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft München in großer Dankbarkeit aus. Die Veranstaltungsmöglichkeiten in München werden tatsächlich knapper, in denen „Salam Shalom“ willkommen ist. Aus dem Pädagogischen Institut in München wurde der Verein bereits ausgeladen, ebenfalls aus dem Amerikahaus. Bislang haben sie noch keine Räumlichkeiten für eine Veranstaltung mit Jeff Halper im ersten Quartal dieses Jahres gefunden.

Weiterführendes:
Letzter Vortrag von Zuckermann in München: „Dann bin ich halt ein Antisemit

Kälteeinbruch schon im Herbst

Im November kommt es dicke. Nicht nur Moshe Zuckermann ist wieder zu Gast, auch wird das Buch „Die Araber und der Holocaust“ vorgestellt – mit freundlicher Unterstützung der Landeshauptstadt München. Ein Ausblick auf frostige, antiisraelische Wochen.

Montag, 12 November:
Was Sie noch nie über Israel wissen wollten, sich aber immer schon gefragt haben | Eine Bayerisch – Israelische Polit-Revue | mit Nirit Sommerfeld und Linda Benedikt |Theater im Fraunhofer | Verantwortlich: Club Voltaire München

Mittwoch, 14. November
Der gewaltfreie Widerstand in Palästina, wohin führt er? | Vortrag mit Diskussion | mit Saeed Amireh | EineWelthaus | Verantwortlich: Club Voltaire München, Landesarbeitsgemeinschaft Frieden und Internationale Politik der Partei Die Linke, Internationaler Versöhnungsbund

Donnerstag, 15 November
Der vergessene Kampf der Beduinen in Israel | Ein Feldbericht | mit Riyad Helow | Räumlichkeiten der Initiativgruppe | Verantwortlich: Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München

Freitag, 16. November
Israels Besatzung ein koloniales Projekt: Die Siedlungen als Geschäft | mit Prof. Dr. Gadi Algazi | Räumlichkeiten der Initiativgruppe | Verantwortlich: Salam Shalom Arbeitskreis Palätina-Israel e.V.

Sonntag, 18. November
Matinee: Was wird aus Jerusalem? | Vortrag, Diskussion und Filmvorführung „Jerusalem – the East Side Story“ | mit Mohammed Alatar | Atelier-Kino | Verantwortlich: Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe

Dienstag 20. November
Ein Huhn in Gaza – Ein Einblick in die Lebensumstände in Gaza | Vortrag mit Diskussion | mit Peter Voß | EineWeltHaus | Verantwortlich: Munich American Peace Committee

Dienstag, 27. November
Der Israel-Palästina-Konflikt: eine unendliche Geschichte? | Aufstellung mit anschließender Reflexion (Workshop) | mit Dr. Ruth Sander | Verantwortlich: Dr. Gabriele Heyers

Donnerstag, 29. November
Die Araber und der Holocaust | Buchvorstellung, Lesung und Diskussion | mit Dr. Gilbert Achcar | EineWeltHaus München | Verantwortlich: Trägerkreis EineWeltHaus München e.V. mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der LH München und dem Verein für solidarische Perspektiven

Freitag, 30. November
Existenzbedrohung – Wahn und Wirklichkeit | mit Moshe Zuckermann | Gewerkschaftshaus | Verantwortlich: der Münchner Aufruf „Kein Krieg gegen Iran“ in Kooperation mit der GEW (Stadtverband München)

Leseempfehlung: Dann bin ich halt ein Antisemit

Veranstaltungshinweis: Ein Märzl für’s Herzl

Wie antisemitisch ist die Occupy-Bewegung? Was könnte die Revolution in Ägypten für Israel bedeuten? Und welche Qualität hatte Antisemitismus im Wien der 20er Jahre? Drei Veranstaltungen vom 14. bis zum 16. März gehen diesen Fragen nach. Eine Empfehlung:


Stadt ohne Juden (1924)

14. März: ‚Volksfeind Banker‘ – Die Occupy-Bewegung zwischen Hass, Neid und Ressentiment
Ein Prozent der Menschheit ist an allem schuld, ein Prozent bereichert sich auf geheimnisvolle Weise an der Arbeit aller anderen, ein Prozent hält die Fäden in der Hand, kontrolliert Regierungen, korrumpiert die Staaten und macht aus gutem Geld böse Kredite, Zinsen und Schulden: Dieses Welterklärungsmuster, auf das die politische Ideologie des Antisemitismus sich schon immer reduziert hat, erhält mehr Zuspruch als je seit dem Zweiten Weltkrieg. Die so genannte “Occupy”-Bewegung, die die 99 Prozent, die unter der Knute der “Schuldknechtschaft” (Jürgen Elsässer), oder wie das früher hieß: “Zinsknechtschaft” (Julius Streicher) leiden, zu vertreten beansprucht, erscheint der politischen und publizistischen Administration respektabel – und das, obwohl der dumpfe Kollektivismus und die eliminatorischen Sehnsüchte dieser Bewegung kaum offensichtlicher sein könnten.

Referent: Alex Feuerherdt (Konkret, Jungle World, Tagesspiegel) | Ort: Kulturfabrik, Theater Halle 7 | Uhrzeit: 19:30 Uhr | Veranstalter: Gruppe Monaco | Eintritt: 3 Euro.

15. März: Buchvorstellung: Krieg oder Frieden – Ägypten, der Nahe Osten und Israel
Der Autor Hamed Abdel-Samad wurde 1972 bei Kairo geboren, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik und arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Er war während des Umsturzes im Frühjahr 2011 in Ägypten und anderen arabischen Staaten. Herr Abdel-Samad analysiert die arabische „Revolution“ und spricht über die Umwälzungsprozesse in der Region. Deutschlandweit bekannt wurde Abdel-Samad unter anderem auch durch den Dreh mit dem Journalisten Henryk M. Broder für die fünfteilige TV-Serie „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“.

Referent: Hamed Abdel-Samad | Ort: Jüdisches Museum München | Uhrzeit: 19:00 Uhr | Veranstalter: DIG München

16. März: Filmvorführung: Die Stadt ohne Juden
Die Stadt ohne Juden ist ein expressionistischer, österreichischer Film aus dem Jahr 1924, der auf dem gleichnamigen Roman von Hugo Bettauer basiert. Sowohl das Buch als auch der Film von Karl Breslauer wirken heute wie eine Vorahnung auf die Geschehnisse in Europa ab 1933. In der sagenhaften Republik Utopia, Adresse: Ballhausplatz in Wien, herrscht Unruhe. Die Arbeiter gehen auf die Straße, das Geld ist nichts mehr wert, Spekulanten treiben mit ihrer Habsucht die Inflation in die Höhe. In den Wirtshäusern kennen die Menschen schon die Lösung: Hinaus mit den Juden. Bei Vorführungen des Films kam es zu Zwischenfällen mit Nationalsozialisten. Der noch erhaltene Film liefert dem heutigen Publikum einen Einblick in die „Normalität“ des Antisemitismus der 1920er-Jahre. Bereits kurz nach der Premiere wurde der Romanautor Hugo Bettauer von einem NSDAP-Mitglied ermordet.

Ort: Kulturladen Westend | Uhrzeit: 20:00 Uhr |

Außerdem:
Am 09. März wird das Buch „Reemtsma auf der Krim“ über Zwangsarbeit im Reemtsma Konzern in Anwesenheit der Autoren im Gewerschaftshaus vorgestellt. Der Eintritt ist frei. Es veranstalten die Basisbuchhandlung und das DGB-Bildungswerk.

Kritik am Editorial der Bahamas #62

Die Bahamas-Redaktion findet in ihrer aktuellen Sommerausgabe lobende Worte zu den Protestaktionen gegen die Lesung von Erich Fried-Gedichten in München. Doch die Proteste der Gruppe Monaco zeigten sich anders als dargestellt und machten auch deutlich mehr Spaß als das Editorial der Bahamas.


Jürgen Jung und Beate Himmelstoß lesen „Höre, Israel!“. Im Hintergrund die Propaganda von Electronic Intifada.

Am 01.07.2011 lud der antizionistische Verein Salam Shalom ins Kellergewölbe der Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Auf dem Programm stand die Lesung von Gedichten Erich Fried’s aus „Höre, Israel!“. Die Gruppe Monaco entschloss sich, auf dieser Veranstaltung Protest zu äußern und gestaltete ein Flugblatt: Erich Fried Chicken – Gegen den antizionistischen Gesinnungskitsch! Dem aktuellen Editorial der Bahamas ist zu entnehmen, die Mitglieder der Gruppe Monaco hätten auf der Veranstaltung einzig das Flugblatt verteilt und seien nach wenigen Minuten wieder gegangen. Das ist leider sachlich falsch – auch wenn die Bahamas-Redaktion gerade das für vorbildlich hält.

Charakteristisch für Veranstaltungen des antizionistischen Vereins Salam Shalom ist die kritiklose und gefühlsduselige Gemeinschaft, der sich die Teilnehmenden gänzlich hingeben. Teilweise werden die Vorträge mit geschlossenen Augen verfolgt und nur geöffnet, um der Nachbarin oder dem Nachbarn zwinkernd Zustimmung zu signalisieren, oder um besser mit der Teekanne in die Tasse zu treffen. Viele kennen sich seit ihren gemeinsamen Protesten in den Siebzigern; die Mehrheit ist in christlichen oder anderen spirituellen Zusammenhängen organisiert. Der Hass auf Israel dient der Herstellung der Einheit im Raum, der Abgrenzung der Schicksalsgemeinschaft vom vermeintlich Bösen. Das dominante Gefühl, alle im Raum seien ausnahmslos Teil dieser eingeschworenen Gemeinschaft, hat die Gruppe Monaco mit ihren Protesten empfindlich gestört.

Die anderen mitten unter uns
Zu Beginn der Veranstaltung „Höre, Israel!“ war eigentlich alles wie immer. Eckhard Lenner von Salam Shalom begrüßte die Gemeinde in pastoralem Tonfall und stimmte die knapp achzig Anwesenden auf das kommende Programm ein. Die Musikgruppe Embryo zupfte dazu meditativ, wie auch schon bei einer Veranstaltung mit Ilan Pappe. Dass Gäste erst nach Beginn der Lesung kamen und sich somit das Eintrittsgeld sparten, störte zwar gleich zu Anfang das Entflammen der Sinnlichkeit, wurde aber nicht weiter gedeutet.

Just während der ersten gefühlsgeladenen Passage läutete ein Handy mit Tatort-Melodie und der Empfänger bahnte sich umständlich und telefonierend den Weg nach draußen. Ein Teilnehmer litt unter einem kräftigen Husten, der sich offenbar immer während ergreifender Momente regte; auch kam Beifall zur unpassenden Zeit. Wieder andere versorgten sich regelmäßig mit Bier und Essen, die Tür ging häufig. Nach zirka einer halben Stunde verabschiedete sich ein Mann lautstark protestierend, eine Viertelstunde später eine Frau, danach ein weiterer Mann mit den Worten: „Lang lebe Israel!“. Zu diesem Zeitpunkt war der antizionisitschen Feiergemeinde längst klar, dass sie diesmal nicht allein unter sich sein sollte. Auf jedes Stuhlrücken, auf jedes Knacksen drehten sich Köpfe, um den nächsten Störenfried ausfindig zu machen. „Der ist auch ein israelischer Agent!“, zischelte es. In die Atmosphäre erhöhter Aufmerksamkeit hinein erhob sich nach ca. 80 Minuten der Lesung ein junger Mann vom Stuhl, um das Flugblatt „Erich Fried Chicken – Gegen antizionistischen Gesinnungskitsch!“ an die Anwesenden zu verteilen. Es dauerte drei Reihen lang, bis ihn die Organisatoren von Salam Shalom eingefangen hatten und abführten.

Zum Bahamas-Protestleitfaden
In der Pause äußerte eine Musikerin der Band Embryo, sie könne guten Gewissens nicht mehr auf die Bühne zurück, da der Vortrag „schrecklich einseitig“ sei. Das Unwohlsein war ihr schon von Beginn an deutlich anzusehen. Ingesammt bleibt der Erfolg der Protestaktion mäßig, wie immer, da von besagter Gemeinschaft ehedem niemand zu überzeugen ist, ein kleines Zugeständnis schon das gesamte politische Lebenswerk in Frage stellen würde. Eines hat der Protest aber erreicht: Mitglieder der Gruppe Monaco hatten sichtlich Spass und Salam Shalom weniger. Und daran lässt sich auch der nächste Punkt festmachen, der am Editorial der Bahamas #62 zu kritisieren wäre. Das einleitend formulierte Antideutscher-Protest-Howto ist so zurückgenommen, anständig und spaßbefreit, dass man es eigentlich niemanden wünschen möchte.

Weiterführendes:
Gruppe Monaco: Klarstellung

Veranstaltungshinweis: Saul Friedländer kommt!

Am 27.02. stellt Saul Friedländer sein neues Buch „Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation“ im Literaturhaus vor. Ein guter Grund, die sonntägliche Tatortrunde zu canceln.

Es gibt Bücher, die schrauben sich ins Gehirn. Die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx ist so eines. Eine Ware ist nach der Lektüre nicht mehr die gleiche Ware, sondern erscheint als widersprüchlicher Ausdruck eines komplizierten aber nachvollziehbaren Herrschaftsverhältnisses. Im Bierglas treten uns von da an jene gegenüber, die das Bierglas produziert haben und umso tiefer wir hineinschauen – ins Glas sowie ins Buch – umso deutlicher wird uns, welche Zwänge und Schranken die ganze Veranstaltung hier mit sich bringt.

Eine weitere Schrift, die den Blick auf die Dinge stark verändern vermag, ist Friedländers Opus Magnum zum Thema: „Das Dritte Reich und die Juden – Verfolgung und Vernichtung“. Auf 458 und 869 Seiten widmet sich der israelische Historiker aus unterschiedlichen Perspektiven der eliminatorischen Praxis des Antisemitismus in Europa zwischen 1933 bis 1945 – wissenschaftlich, aber auch scharfzüngig. Das Werk macht das Unbegreifliche zwar nicht mehr begreiflich, aber zeigt eine Vielzahl der tödlichen Mechanismen auf, die bis in die heutige Zeit hineinwirken. Die europäische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts bekommt ein anderes Gesicht.

Schon in diesen beiden Bänden wird die Rolle der christlichen Kirchen immer wieder thematisiert. Jetzt hat Friedländer ein neues Buch verfasst, Papst Pius XII zu Ehren. Die zentrale Frage ist, warum die katholische Kirche im Dritten Reich so viel dafür getan hat, so wenig zu verhindern. Die bislang unveröffentlichte Dokumentation wird in Anwesenheit des Autors am 27.02. im Münchner Literaturhaus vorgestellt.

Dann bin ich halt ein Antisemit

Moshe Zuckermann stellte letzten Freitag sein medial wenig beachtetes Buch, „‘Antisemit!‘ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“, im Münchner Gasteig vor. Am Samstag beantwortete der Israeli die noch offenen Fragen in Anwesenheit eines durchgeknallten Kaffeekränzchens im EineWeltHaus.


„Die schwächste Stelle konzentriert angreifen“

Die Tische im großen Saal des EineWeltHauses formen ein Quadrat. An einem Ende nehmen Moshe Zuckermann und Eckhard Lenner sowie Christoph Steinbrink vom antizionistischen Verband Salam Shalom Platz. Die etwa 25 bis 30 Zuhörerinnen und Zuhörer sitzen in U-Form ums Kompetenzzentrum. In der Luft liegt ein Gemisch aus Kaffeeduft und dem erregenden Geruch alter Männer. Lenner verliest zur Einstimmung in pastoraler Tonlage ein Gedicht des aktuellen Friedensnobelpreisträgers, Liu Xiaobo, in dessen Schatten er sich vorortet, auch wenn er den Namen nicht richtig aussprechen kann, es gar nicht erst versucht, sondern es gleich zugibt.

Dabei haben sich die Teilnehmenden hier eingefunden der Aussprache wegen, genauer, einmal das auszusprechen, was sie ehedem jeden Tag von sich geben und auch hier noch einmal – in aller Deutlichkeit. Die erste Wortmeldung ist dementsprechend eine Buchempfehlung. Ein Buch über die „inneren Zirkel der Elite“ von David Ross wird nahegelegt. Weil eben das „Rückgrat der Israelis oder auch der Saudis die Rothschilds oder Rockefellers sind“, sei es hilfreich, die dazugehörigen Firmen zu boykottieren und „wie David den Goliath besiegt hat, die schwächste Stelle konzentriert anzugreifen“.

Deutsche Zivilcourage und der „Rufer in der Wüste“
Ein anderer, Günther, kann der Gruppe schon erste Erfolge vorweisen. Der Schlange an der Supermarktkasse hat der rüstige Einkäufer schon ordentlich vor den Kopf gestoßen:

Wenn ich heute an der Supermarktkasse stehe und nehme mir ganz bewusst Obst aus Israel mit und gebe sie dann an der Kasse zurück und sage dann ganz laut, dass es die Schlange hört: Solange Israel seine Besatzungspolitk aufrecht erhält, kaufe ich keine israelischen Waren! Da schauen mich die Leute oft blöd an, aber ich denke auch, es macht manche nachdenklich.

Auch Lenner von Salam Shalom weiß ein Anekdötchen beizutragen. Denn nicht jeder traue sich etwas zu sagen. Als er den Erhard Eppler, einen „Vordenker der SPD“, auf dem Kirchentag getroffen habe, fragte er ihn, „Herr Eppler, wo bleiben sie bei unserem Thema“. Eppler soll geantwortet haben: „Besatzungsregime haben sowieso keine lange Lebensdauer und das sage ich auch so, aber wenn ich mehr sage, bin ich ein Antisemit“. Herr Zuckermann merkt an, diese alten Leute befänden sich aufgrund ihrer persönlichen Geschichte in einem „destabilisierten Zustand“. Aber auch die gesamte „politische Klasse in Deutschland“ bliebe still, würde „sich nicht einfallen lassen, was sie innerhalb ihren vier Wänden denken, zu artikulieren.“ Er sei aber angetreten, „die verfahrene Struktur aufzubrechen“. Als: „Rufer in der Wüste“.

Gute Noten für die Süddeutsche Zeitung
Lenner macht dem Rufer in der Wüste Mut. Die Süddeutsche Zeitung wird eine Rezension des neuen Zuckermann-Buches veröffentlichen, verrät er. Herr Steinfeld habe es versprochen, „da machen wir was“, habe der Chef vom Feuilleton gesagt. Wir „als Deutsche haben in Deutschland die Aufgabe unseren Mund aufzumachen, zu rufen und zu schreien und Partei zu nehmen“ wirft eine Frau ein, die sich mit einer Palästina-Plakette schmückt, auf die sie angeblich schon viele positive Reaktionen erntete.

Zuckermann dämpft den Optimismus:

Aber machen sie sich nicht vor, indem sie den Pappe, den Halper oder den Zuckermann nach München holen, dass sie die Vertretung der israelischen Gesellschaft nach München holen. Sie haben das Randständigste vom Randständigsten, das Ausgekotzteste vom Ausgekotztesten nach München geholt. Das ist der Grund übrigens, warum solche Knallköpfe, wie die von der Deutsch-Israelischen-Gesellschaft sich anmaßen können, überhaupt etwas zu sagen: Weil sie haben die Abfederung von der israelischen Botschaft, vom Außenministerium u.s.w.

Und endet nach weiteren wirren Thesen mit einer Anklage gegen die Unsichtbaren:

Und ich möchte wissen von den ganzen Raumverbietern, die sollen mir sagen, worin ich irre. Es ist ja kein Zufall, dass die sich hier nicht zur Diskussion stellen, sie nur mit Raumverboten und Aggressionen kommen können, mit Antisemitismus u.s.w. Ich möchte einmal einen sehen, der das widerlegt, was ich gerade gesagt habe.

Tipps für Antisemitinnen und Antisemiten, die keine sein wollen
Ein Mann meldet sich zu Wort, dessen Mundart – nicht der Inhalt – stark an Gerhard Polt erinnert. Er schlafe sehr wenig, gesteht er, während er sich seinen Bauch zurecht schiebt und von seiner 34-jährigen Beschäftigung bei der Süddeutschen Zeitung erzählt. Einen 91-jährigen Juden habe er am Sterbebett gefragt, was dieser denn „darüber denke“. Und der Sterbende verriet ihm wohl, er sei „mit dem Problem Palästina, also mit dieser Politik, überhaupt nicht zufrieden“. Der Mann aus Bayern wird lauter, gleitet, vom moralischen Rückenwind angetrieben, vom Jämmerlichen ins Polternde. Man brauche „eine vernünftige Justiz in der BRD, die nicht engstirnig herangeht, wenn jemand das Maul aufmacht und Israel kritisiert. Dann wird gleich mit dem Schwert des Antisemitismus vorgegangen. Es gibt Tausende von Deutschen, die ihr Maul aufgemacht haben und die bestraft worden sind. Und wie sind sie bestraft worden?!“

Ja, wie eigentlich? Herr Zuckermann gibt ein paar Tipps aus dem praktischen Leben eines Mannes, der schon „von allen Seiten“ als „jüdischer Antisemit“ bezeichnet worden sein soll. Weniger darüber jammern und mehr „Zivilcourage zeigen“, sei das Motto. Und „sorgen sie dafür, dass der Vorwurf aufgeknackt wird“. Es sei ein Skandalon, dass man „bestimmten Gruppen die Deutungsmacht gelassen hat, was Antisemitismus ist“. Das gelte es „rigoros zu bekämpfen“, da man mit diesem „Kulturkapital“ nicht so „unbedarft umgehen“ könne.

Querdenkerinnen-Alarm
Eine junge Stuttgarterin stellt sich als „absolute Querdenkerin“ vor. Das Wort „Kulturkapital“ könnte sie aus dem Schlaf gerissen haben. Sie betreibt den „FDP-nahen“ Blog Palästina-Klub Stuttgart OST. Sie hat Mathematik studiert und „denkt“, wie sie findet, „sehr“. Sie möchte „das Staatenkonzept abschaffen“. Indem „wir als Deutsche allen Israelis und Palästinensern anbieten, wenn sie wollen, können sie einen deutschen Pass haben“. Ihr eigentliches Thema sei aber, räumt sie dann ein, „die deutsche Geschichte zwischen 33 und 45 und die ganzen Tabus, die es dort gibt“. Dürfe man beispielsweise darüber reden, dass Deutschland nicht allein Schuld am Zweiten Weltkrieg war? Sie plant eine Veranstaltung zum Thema mit Norman Paech im Januar. Und, so meint sie, „da könnte man auch wunderbar Palästina mit reinbringen“. Bestimmt.

Einer alten Frau platzt der Kragen …
… aber nicht etwa aufgrund der Dummheit, die sich nun schon seit über einer Stunde Bahn bricht, sondern weil sich die jüdische Gemeinde in München so „aufführt“:

Mich treibt etwas um. Wir reden über Israel. Das ist weit weg alles. Aber was machen wir hier in München? […] Früher war ich sehr oft in der [alten] Israelitischen Kultusgemeinde. Aber jetzt führen sie sich auf. Ich boykottiere dieses [neue] Zentrum, seitdem ich da mal reingegangen bin. Ich habe nur Bücher gespendet. Ich bin so angemacht worden von diesem Militär, dass ich das Haus nicht mehr betrete. Das ist Boykott und das ist natürlich Antisemitismus. Aber es ist für mich kein Antisemitismus. Ich bin in Japan groß geworden, ich bin erst 1947 nach Deutschland gekommen. Ich war also gar nicht hier, als das hier ablief. Niemand hat das Recht mich als Antisemitin zu beschimpfen. Aber diese Geschichte treibt mich um. Und dieses Zentrum, die mischen sich sogar in die Uni ein! Ein Vortrag von iranischen Wissenschaftlern ist boykottiert worden! Entfällt! Weil sie wollten über das Gottesbild im Islam reden! […] Also ich bin wütend! Also mir reichts!

Ein Typ erzählt von seinem Engagement auf einer Demonstration, um „die Palästinenser zu unterstützen“. Ein etwa 17-jähriger Israeli sei auf ihn zugekommen und habe mit ihm geredet. Und zum Schluss fragte ihn der Israeli dann: „Sind sie ein Antisemit?“. Und er habe geantwortet: „Wenn Du der Meinung bist, ich bin ein Antisemit, dann bin ich halt ein Antisemit“. Lenner ergänzt, das sei alles so „blöd und absurd“. „Antisemit“ sage „überhaupt nichts mehr aus“, man müsse sich „nicht um die Leute kümmern“, die “dem Antisemitismusvorwurf das Feld bestellen“. Allen, die so bezeichnet werden, könne er nur sagen: „Willkommen im Club“.