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Eike-Geisel-Doku jetzt online: „Triumph des guten Willens“

Leider ist es uns in München nicht gelungen, eine Vorführung der Dokumentation „Triumph des guten Willens“ über den viel zu früh verstorbenen Kritiker der deutschen Zustände, Eike Geisel, zu organisieren. Dafür ist die Dokumentation seit heute online zu sehen.

Im Zentrum stehen Geisels Kritiken an der deutschen Erinnerungspolitik und seine These über die „Wiedergutwerdung der Deutschen“. Texte Geisels aus den 1990er Jahren, u. a. über die Neue Wache und das Holocaust-Mahnmal in Berlin, kontrastieren die heutigen Bilder der beschriebenen Gedenkstätten. Sie zeigen eine Normalität, die es eigentlich nicht geben dürfte.

Zudem analysieren ausführliche Interviews mit Alex Feuerherdt, Klaus Bittermann, Hermann L. Gremliza und Henryk M. Broder Geisels Thesen in Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse heute.

Von der politischen Biografie Eike Geisels ausgehend zeichnet „Triumph des guten Willens“ ein Bild erinnerungspolitischer Debatten der letzten Jahrzehnte und fragt schließlich nach der Möglichkeit von Kritik in unmöglichen Zeiten.

Eike Geisel, der in den 1980er- und 1990er-Jahren zu den schärfsten Kritikern sowohl der Wiederaufbereitung deutscher Vergangenheit als auch des deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches gehörte, löste durch seine Essays und Polemiken teils große Kontroversen aus. Zudem betätigte er sich als Übersetzer und Herausgeber englischsprachiger Texte Hannah Arendts und trat auch als Verfasser historischer Arbeiten, u. a. über das Berliner Scheunenviertel und den Jüdischen Kulturbund, in Erscheinung.

„Triumph des guten Willens“ online ansehen.

John Rabe – der gute Nazi

Deutschland hat einen neuen Helden! 2009 kam der Film „John Rabe“ in die Kinos. Es war die teuerste deutsche Produktion aller Zeiten. Den bayerischen Filmpreis hat das Werk gewonnen, auf der Berlinale wurde auch gejubelt. Der Zweiteiler läuft Montag Abend im ZDF an. Was der Film nicht zeigt, von Caspar Schmidt

Tritt der Regisseur Florian Gallenberger vor die Presse, um seinen Film „John Rabe“ vorzustellen, spricht er von einer „faszinierenden“ und „widersprüchlichen Figur“. John Rabe sei zwar Nationalsozialist gewesen, habe aber 250.000 Chinesen das Leben gerettet. Der Regisseur versichert, er hätte keinesfalls die Absicht, einen Nazi weißzuwaschen. Erwin Wickert, der Entdecker des „Guten Deutschen von Nanking“ sagt, John Rabe dachte zwar er sei Nationalsozialist, aber er „irrte“. Das klingt doch interessant. Werfen wir einen kritischen Blick auf das Leben des irrenden Ehrenmanns – insbesondere auf die Ausschnitte, die der Film nicht zeigt.

Sommer, Sonne, Sklaven
Alles beginnt im Jahre 1903 der wilhelmschen Ära. Während in Deutschland der Kolonialismus kontrovers diskutiert wird, entscheidet sich der junge John Rabe für die Welt der Herren und Sklaven. Der preußische Kaufmann geht von Hamburg nach Afrika. Sein Aufenthalt fiel in die blutigste Phase der deutschen Kolonialherrschaft. Wie andere Deutsch-Nationale kreidet er Kaiser Wilhelm später aber nicht die Kolonialzeit an, sondern einzig, durch falsche Entscheidungen den Ersten Weltkrieg verloren zu haben. 1906 erkrankt John Rabe an Malaria und seine Zeit in Afrika findet ein jähes Ende. Er muss zurück nach Hamburg. Es bietet sich aber schnell eine neue Perspektive. Nur wenige Jahre zuvor hatte das Deutsche Reich seine Chinapolitik radikalisiert. Beim so genannten „Boxeraufstand“ lehrten die wilhelmschen Truppen und Verbündeten die „gelbe Gefahr“ Respekt. John Rabe geht im Jahre 1908 für ein Hamburger Unternehmen nach China. Im Jahr 1911 unterschreibt er bei Siemens China.

Im Jahr 1934 tritt John Rabe der NSDAP bei. Er zitiert hingebungsvoll Gedichte des Reichsjugendführers Schirach in seinem Tagebuch und steht eigenen Angaben zufolge 100-prozentig hinter der „großen Linie des Führers“ . Schließlich arbeitet sich der überzeugte Nationalsozialist zum stellvertretenden Ortsgruppenleiter der NSDAP Nanking hoch, er nennt sich einen „Idealisten reinsten Wassers“.

Von nichts gewusst
Im Rahmen der Ankündigung des Films „John Rabe“ wird oft angemerkt, John Rabe könne im Jahre 1938 gar kein „richtiger“ Nazi gewesen sein. Diese These stützt sich auf dem Umstand ab, er habe sich kein klares Bild vom realexistierenden Nationalsozialismus machen können, da er sich seit Jahrzehnten im Ausland aufgehalten habe. Den Vertretern dieser These entgeht hierbei vermutlich, dass sie damit auf indirektem Weg wissen lassen, man könne den Nationalsozialismus theoretisch (!) für durchaus akzeptabel halten. Darüber hinaus waren die Deutschen in Nanking über die Grausamkeiten der SS gut informiert. Sie hatten Kontakte zu Amerikanern und Briten. John Rabe nannte jedoch die „üblen Erzählungen“ über Verbrechen der Deutschen allesamt „Feindpropaganda“. Er musste auch von der Flucht vieler Juden aus Deutschland gewusst haben. Die chinesischen Großstädte wurden ab 1933 ein Sammelbecken für jüdische Flüchtlingsströme. Wie penibel die Nürnberger Rassengesetze umgesetzt wurden, hat John Rabe auch früh erfahren. Der deutsche Diplomat Dr. Rosen unterrichtete ihn von den Restriktionen, die er als „Vierteljude“ erlitt. Dr. Rosens Karriere stand deshalb kurz vor dem Ende. Rabe kommentiert zum Fall Dr. Rosen in seinem Tagebuch: „die jüdische Großmutter in der Familie hat ihm die Karriere verdorben. Ein tragisches Schicksal!“ In John Rabes veröffentlichten Tagebüchern kommt das „Schicksal“ der Juden sehr selten vor. Aber selbst während den japanischen Angriffen findet John Rabe noch Zeit, die aus Deutschland vertriebenen Juden zu charakterisieren:

Die angeblichen deutschen Chauffeure [der Central China Express Company] sind aber in der Tat stellenlose Juden, die nicht viel vom Autofahren verstehen, aber desto mehr vom Geldmachen (John Rabe 1937, Tagebuch)

Aufbruch Richtung Deutschland
Anders als im Film dargestellt, wird der „Retter von Nanking“ mit den Massakern in China schon bald „chinamüde“, wie er es nennt. Rabe bemüht sich am 06. Februar 1938 um eine Ausreiseerlaubnis, obwohl das Internationale Komitee in Nanking massive Probleme zu bewältigen hat, die Menschen noch lange nicht vor den japanischen Mörderbanden gerettet sind. John Rabe begründet dem Komitee seine Ausreisebemühungen mit einem Telegramm von Siemens, aus dem hervorgeht, John Rabe solle unverzüglich abreisen. Wir allerdings wissen aus seinem Tagebuch, dass Rabe seinen Ausreiseantrag schon vorher eingereicht hatte und das Telegramm von Siemens ihm ein willkommener Vorwand war. Die Verwalter des Flüchtingslagers senden an die Firma Siemens daraufhin ein Telegramm mit der Bitte, John Rabe in Nanking zu behalten. John Rabe verrät seinem Tagebuch, das „paßt mir gar nicht“. Doch John Rabe hat Glück. Siemens lässt sich nicht umstimmen. Er tritt die Heimreise Richtung Deutschland an. Als er in der Deutschland ankommt, erfährt er, dass sein Sohn Otto Rabe zwischenzeitlich als Gebirgsjäger in Österreich einmarschiert ist. Ein kritisches Wort verliert er darüber in seinen Tagebüchern nicht.

Die Aufzeichnungen von John Rabe zwischen 1938 und 1945 – also nach seiner Heimkehr – sind bislang unveröffentlicht und auch nicht Gegenstand des Filmes. Allerdings können wir uns anhand des historischen Kontexts ungefähr vorstellen, was John Rabe in dieser Zeit macht, bzw. nicht macht. John Rabe ist ab 1938 für Siemens in Berlin tätig. Judenverfolgung und Deportationen sind in Berlin spürbar. In der Reichspogromnacht ist John Rabe bereits aus Nanking zurückgekehrt und wird mit den Realitäten konfrontiert. Das Unternehmen Siemens betreibt in Berlin 101 Lager mit 14.679 Zwangsarbeitern. Rabe ist bei Siemens Berlin für Personalfragen zuständig. Selbst wenn er nichts mit der Verwaltung von Zwangsarbeitern zu tun hat, so ist es nicht wahrscheinlich, dass ihm diese Praxis entgeht. Eher ist wahrscheinlich, dass John Rabe bis zum letzten Tage zackig grüßt. Nach der Kapitulation Deutschlands schreibt er in seinem Tagebuch im Jahre 1945, ein Bekannter sei ihm begegnet, mit den Worten: „Na, wo ist jetzt Ihr Heil Hitler? Sie sollten sich schämen!“

Ich bin sehr missgestimmt! Das Vaterland besiegt, geschlagen und vollständig zertrümmert, bedingungslose Kapitulation! […] ein solches Ende des Traums vom tausendjährigen Deutschen Reich! (John Rabe 1945)

Wie Rabe in die Kinos kam
Erwin Wickert grub die Tagebücher John Rabes aus und veröffentlichte 1997 eine editierte Fassung unter dem Titel „Der gute Deutsche von Nanking“. Seine Faszination für die Figur John Rabe war keine Überraschung. Der Vater des prominenten Nachrichtensprechers bemühte sich in der Vergangenheit häufig darum, den vermeintlichen Nazi vom echten Nazi zu trennen. John Rabe, dargestellt als Humanist und NSDAP-Mitglied, war ein gelungenes Portrait zur Untermauerung der – nicht ganz selbstlosen –Mission des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Wickert.

Denn man weiß ja von den bereits genannten terribles simplificateurs, dass die Deutschen alle „Hitlers willige Vollstrecker“ gewesen waren, und die Nazis unter ihnen besonders. Solche pauschalen und rassistischen Urteile mögen jeweils zu ihrer Zeit, politisch korrekt‘ sein oder gewesen sein. […]für die Erkenntnis des Menschen sind sie ungeeignet. (Erwin Wickert, zitiert aus seinem Buch „Der gute Deutsche von Nanking“ )

Der Produzent Mischa Hofmann, der schon Stoffe wie „Der Seewolf“ verfilmen ließ, entdeckte wiederum das Buch von Erwin Wickert und war sofort „fasziniert“. An den Regisseur des Films, Florian Gallenberger, wurde der Film von seinem guten Freund, dem Produzenten Benjamin Herrmann, herangetragen. Benjamin Herrmann brachte auch schon die Hurra-Patriotismus-Streifen „Das Wunder von Bern“ und „Nordwand“ heraus.

Erstmals erschienen im Hinterland-Magazin #10, gekürzte und angepasste Fassung