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Kritik am Editorial der Bahamas #62

Die Bahamas-Redaktion findet in ihrer aktuellen Sommerausgabe lobende Worte zu den Protestaktionen gegen die Lesung von Erich Fried-Gedichten in München. Doch die Proteste der Gruppe Monaco zeigten sich anders als dargestellt und machten auch deutlich mehr Spaß als das Editorial der Bahamas.


Jürgen Jung und Beate Himmelstoß lesen „Höre, Israel!“. Im Hintergrund die Propaganda von Electronic Intifada.

Am 01.07.2011 lud der antizionistische Verein Salam Shalom ins Kellergewölbe der Hochschule für Philosophie der Jesuiten. Auf dem Programm stand die Lesung von Gedichten Erich Fried’s aus „Höre, Israel!“. Die Gruppe Monaco entschloss sich, auf dieser Veranstaltung Protest zu äußern und gestaltete ein Flugblatt: Erich Fried Chicken – Gegen den antizionistischen Gesinnungskitsch! Dem aktuellen Editorial der Bahamas ist zu entnehmen, die Mitglieder der Gruppe Monaco hätten auf der Veranstaltung einzig das Flugblatt verteilt und seien nach wenigen Minuten wieder gegangen. Das ist leider sachlich falsch – auch wenn die Bahamas-Redaktion gerade das für vorbildlich hält.

Charakteristisch für Veranstaltungen des antizionistischen Vereins Salam Shalom ist die kritiklose und gefühlsduselige Gemeinschaft, der sich die Teilnehmenden gänzlich hingeben. Teilweise werden die Vorträge mit geschlossenen Augen verfolgt und nur geöffnet, um der Nachbarin oder dem Nachbarn zwinkernd Zustimmung zu signalisieren, oder um besser mit der Teekanne in die Tasse zu treffen. Viele kennen sich seit ihren gemeinsamen Protesten in den Siebzigern; die Mehrheit ist in christlichen oder anderen spirituellen Zusammenhängen organisiert. Der Hass auf Israel dient der Herstellung der Einheit im Raum, der Abgrenzung der Schicksalsgemeinschaft vom vermeintlich Bösen. Das dominante Gefühl, alle im Raum seien ausnahmslos Teil dieser eingeschworenen Gemeinschaft, hat die Gruppe Monaco mit ihren Protesten empfindlich gestört.

Die anderen mitten unter uns
Zu Beginn der Veranstaltung „Höre, Israel!“ war eigentlich alles wie immer. Eckhard Lenner von Salam Shalom begrüßte die Gemeinde in pastoralem Tonfall und stimmte die knapp achzig Anwesenden auf das kommende Programm ein. Die Musikgruppe Embryo zupfte dazu meditativ, wie auch schon bei einer Veranstaltung mit Ilan Pappe. Dass Gäste erst nach Beginn der Lesung kamen und sich somit das Eintrittsgeld sparten, störte zwar gleich zu Anfang das Entflammen der Sinnlichkeit, wurde aber nicht weiter gedeutet.

Just während der ersten gefühlsgeladenen Passage läutete ein Handy mit Tatort-Melodie und der Empfänger bahnte sich umständlich und telefonierend den Weg nach draußen. Ein Teilnehmer litt unter einem kräftigen Husten, der sich offenbar immer während ergreifender Momente regte; auch kam Beifall zur unpassenden Zeit. Wieder andere versorgten sich regelmäßig mit Bier und Essen, die Tür ging häufig. Nach zirka einer halben Stunde verabschiedete sich ein Mann lautstark protestierend, eine Viertelstunde später eine Frau, danach ein weiterer Mann mit den Worten: „Lang lebe Israel!“. Zu diesem Zeitpunkt war der antizionisitschen Feiergemeinde längst klar, dass sie diesmal nicht allein unter sich sein sollte. Auf jedes Stuhlrücken, auf jedes Knacksen drehten sich Köpfe, um den nächsten Störenfried ausfindig zu machen. „Der ist auch ein israelischer Agent!“, zischelte es. In die Atmosphäre erhöhter Aufmerksamkeit hinein erhob sich nach ca. 80 Minuten der Lesung ein junger Mann vom Stuhl, um das Flugblatt „Erich Fried Chicken – Gegen antizionistischen Gesinnungskitsch!“ an die Anwesenden zu verteilen. Es dauerte drei Reihen lang, bis ihn die Organisatoren von Salam Shalom eingefangen hatten und abführten.

Zum Bahamas-Protestleitfaden
In der Pause äußerte eine Musikerin der Band Embryo, sie könne guten Gewissens nicht mehr auf die Bühne zurück, da der Vortrag „schrecklich einseitig“ sei. Das Unwohlsein war ihr schon von Beginn an deutlich anzusehen. Ingesammt bleibt der Erfolg der Protestaktion mäßig, wie immer, da von besagter Gemeinschaft ehedem niemand zu überzeugen ist, ein kleines Zugeständnis schon das gesamte politische Lebenswerk in Frage stellen würde. Eines hat der Protest aber erreicht: Mitglieder der Gruppe Monaco hatten sichtlich Spass und Salam Shalom weniger. Und daran lässt sich auch der nächste Punkt festmachen, der am Editorial der Bahamas #62 zu kritisieren wäre. Das einleitend formulierte Antideutscher-Protest-Howto ist so zurückgenommen, anständig und spaßbefreit, dass man es eigentlich niemanden wünschen möchte.

Weiterführendes:
Gruppe Monaco: Klarstellung

Der bessere Jude

Während man in Hamburg gegen eine antisemitische Veranstaltung demonstrierte, weil deren Agenda dem jüdischen Staat das Existenzrecht abspenstig machen wollte, finden in München ähnlich antizionistische Happenings beinahe wöchentlich statt – ohne Protest. Ein Beispiel: die kommende Lesung zum Hörbuch „Höre, Israel!“ von Erich Fried.


Fried: „Wechselbälge der Weltgeschichte“

Eine Frau kann – obwohl sie Frau ist – sexistische Aussagen zu Lasten von Frauen formulieren, wie die Bundesministerin Kristina Schröder kürzlich wieder deutlich machte. Und auch am fordistischen Fließband wurde schon zuhauf über die angebliche Faulheit der Kolleginnen und Kolleginnen schwadroniert, sowie es Homosexuelle gibt, denen zu Homosexuellen nichts besseres einfällt, als dem landesüblichen homophoben Stammtisch das Wort zu reden. Nur wenige würden behaupten, Schwarze könnten sich nicht rassistisch äußern, weil sie eine schwarze Hautfarbe haben. Hingegen sind sich ungleich mehr Irrlichter drin einig: Was eine Jüdin oder ein Jude auszusprechen vermag, kann nicht antisemitisch sein. Und weiter: Wer zitiert, was eine Jüdin oder ein Jude einmal ausgesprochen hat, dem ist mitnichten Antisemitismus anzukreiden. Und so hangeln sich Antisemitinnen und Antisemiten in Deutschland für gewöhnlich von einem Zitat mit „Koscherstempel“ zum nächsten und vertrauen darauf, das Gegenüber bewerte das gesprochene Wort nicht. Das klappt auch.

Ein williger Transformer
In den 70er Jahren dichtete der jüdische Schriftsteller Erich Fried einen Fahrplan, der dem Bedürfniss nach Auslebung eines sehr geschätzten Ressentiments trotz und wegen Auschwitz Rechnung trug. Der Gedichtband „Höre, Israel!“ von Fried, der nach dem zentralen Glaubensbekenntnis des Judentums „Sch‘ma Israel“ benannt ist, kann heute als Paradebeispiel für Antisemitismus nach 1945 angeführt werden. Die ersten Kapitel des streckenweise in biblischer Sprach verfassten Bandes beklagen einen angeblichen „Rollentausch“. Fried will in Israel nämlich „Zeichen des Übernehmens und Weitergebens von Verhaltensmustern ihrer Todfeinde von Gestern“ festgestellt haben. Das „Gestern“ geht seinen Ausführungen nach bis auf biblische Zeiten zurück und spielt aber insbesondere im Nationalsozialismus. Und nun:“begannen sie [mit den Palästinensern] so zu verfahren, wie die Antisemiten Europas mit den Juden verfahren waren“, folgert der Holocaustüberlebende. In mehreren Gedichten rückt er schlussendlich die „zionistischen Kämpfer“ in die Nähe der Nazis:

Ihr Hakenkreuzlehrlinge, ihr Narren und Wechselbälge der Weltgeschichte, denen der Davidstern auf euren Fahnen sich immer schneller verwandelt in das verfluchte Zeichen mit den vier Füßen, das ihr nun nicht sehen wollt, aber dessen Weg ihr heut geht!

Warum es sich bei einer solchen Art von Nazivergleichen nicht nur geradeheraus um eine antisemitische Beleidigung handelt, sondern auch um sekundären Antisemitismus in Form einer starken Relativierung des Holocausts, wurde vielfach ausreichend begründet. Der Israel-NS-Vergleich ist Teil der Arbeitsdefinition der Europäischen Union zum Antisemitismus. Ebenfalls als sekundär antisemitisch wird die Einschätzung gewertet, Jüdinnen und Juden würden aus dem Holocaust vor allem Kapital schlagen. Auch das nimmt Fried mit:

Eure Toten, eure toten Eltern und Großeltern, eure toten Brüder und Schwestern, auf die ihr euch immer beruft, eure Toten, die euer Trumpf sind, eure Toten, für die ihr euch Geld bezahlen lasst als Wiedergutmachung, sie sind nicht mehr eure Toten.

„Jüdische Geschichte wird man eines Tags anders lesen“
Obwohl Fried in seinen Gedichten zumeist „Zionisten“ und nicht Jüdinnen und Juden anspricht, vergisst er doch nie, dass diese ebenso Jüdinnen und Juden sind, worauf die Ausgestaltung seiner polternden Beleidigungen schließen lässt, die viele der altbekannten antijüdischen Register zeigt. Er selbst bezeichnet sich demgegenüber als „besserer Jude“. Nach langen wirren Überlegungen zum Thema kommt Fried dann im Band zum Schluss, dass Antisemitismus und Zionismus in etwa gleichermaßen zu verurteilen seien: „[Es gibt] kein Bewusstsein, das den Antisemitismus oder den Zionismus rechtfertigen kann“ und er ruft die USA auf, „ihren israelischen Satelliten nicht weiter rasen zu lassen“. Nebenbei ermahnt er auch die Deutschen „zu helfen“. Die Paradoxie liegt auf der Hand: Die Deutschen, die gerade eben noch den Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden in die Wege geleitet haben, sollen Frieds Hass auf das kleine Häufchen der in Israel verbliebenen Jüdinnen und Juden teilen, ausgerechnet um zu beweisen, aus dem Holocaust gelernt zu haben. Das wird vielen keine Schwierigkeiten gemacht haben. Eine leichtere Methode, mit dem Wissen über den Holocaust umzugehen, als die Judenfeindlichkeit auf diese Weise vom Fleck weg weiterzuleben, ist kaum auszudenken.

Die Gedichte von Fried zum Thema wurden nun nach Jahren wieder ausgegraben und sind als Hörbuch mit dem Titel „Höre, Israel!“ 2011 erschienen, im Verlag von Abraham Melzer, der unter anderem durch den Vertrieb des randständigen Magazins SEMIT Bekanntheit erlangt hat. Die Stimmen zum Hörbuch gaben Beate Himmelstoß und Jüngen Jung aus München. Von Antisemitismus kann freilich keine Rede sein, weil Erich Fried bekanntlich selbst ein Jude war, sogar ein besserer. Die Süddeutsche Zeitung muss also keine Bedenken haben, wenn sie das Werk in ihrem Onlineshop vertreibt. Ebenso nicht die Hochschule für Philosophie in der Kaulbachstraße, in deren Aula am 01. Juli „Höre, Israel!“ in Anwesenheit von Himmelstoß und Jung von Salam Shalom vorgestellt wird.

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