Tag-Archiv für 'friedensbündnis'

Sittlicher Antisemitismus

Die Argumentationsmuster von modernen Antisemiten verändern sich nur langsam. Das legt zumindest ein Blick in die historischen Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus nahe.

Von einer „Auschwitz-Keule“ zu reden, war erst nach Auschwitz möglich. Dennoch bediente sich der Antisemit Heinrich von Treitschke schon zirka sechzig Jahre vor Auschwitz eines ähnlichen Kniffs. Im Rahmen des „Berliner Antisemitismusstreits“ (1879) beklagte er das „umgekehrte Hep-Hep-Geschrei“ in der deutschen Republik, womit Gestalten wie er angeblich „mundtot“ gemacht werden sollten. Die Hep-Hep-Pogrome (benannt nach den Rufen des Mobs) waren antijüdische Massaker im Jahre 1819, die in Deutschland auf die Emancipation folgten.

Auch die Bemühungen, die Vorgänge im Kopf von Antisemitinnen und Antisemiten zu erahnen, führten vor und nach Auschwitz teilweise zu ähnlichen Ergebnissen. Der israelische Psychoanlaytiker Zvi Rex brachte die heute sehr aktuelle Täter-Opfer-Umkehr mit dem prominenten Satz auf den Punkt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ Deutlich vor Auschwitz schon legte Lion Feuchtwanger aber in seinem Roman „Jud Süß“ der Figur Landauer bezüglich der antijüdischen Pogrome in Ravensburg in den Mund: „Aber wenn [er] solches Unrecht getan hat, versteht sich, dass [der Ravensburger] weiter gegen [Juden] gereizt ist, auch nach 300 Jahr.“

Dem Antisemiten sein jüdischer Staat ist schon älter als Israel
Die Gründung Israels hat die Lage vieler Jüdinnen und Juden stark verändert. Doch durch die antisemitische Brille erschienen auch schon vor Israel gewisse Staaten als vermeintlich jüdisch. Zum Beispiel die angeblich „jüdisch-bolschewistische“ Sowjetunion. Die Deutsche Tageszeitung veröffentlichte im Februar 1922 einen Beitrag mit dem Titel „Aus den Leidenstagen der deutschen Wolgakolonien“, der ohne viel Aufwand dem heutigen Antizionismus angepasst (kursiv) werden kann:

„Aber man war wehrlos den (zionistischen) jüdischen Blutfängern ausgeliefert, die unter dem Zeichen des (Davidsterns) Sowjetsterns ihr menschenschändendes Geschäft betrieben. Es ist das einer der Augenblicke der Weltgeschichte, wo Antisemitismus zur sittlichen Pflicht wird. Eine gewisse deutsche Presse aber wusste auch in diesen Tagen nichts anderes zu bringen aus (Israel) Russland als (Meldungen über Raketen aus Gaza) Pogrommeldungen. Der Leser ahnte nicht, dass diese (Raketen) Pogrome nur das natürliche Ventil dumpfer Instinkte waren, die von den (Zionisten selbst) bolschewistischen Machthabern in kluger Voraussicht gefördert wurden als bester Schutz gegen ihr eigenes Treiben.“


Wo Antisemitismus zur sittlichen Pflicht wird

Interessant am Zitat aus der Deutschen Tageszeitung des Jahres 1922 ist auch die Unterscheidung zwischen „sittlichem Antisemitismus“ einerseits und „dumpfen Instinkten“ andererseits – eine Trennung, die Heinrich von Treitschke zu diesem Zeitpunkt bereits vervollkommnet hatte, um sich von „Radau-Antisemiten“ abzugrenzen (1879) und die die linke taz im Jahre 2012 noch weiterentwickeln wird, um ihre Israelkritik vor Günter Grass in Sicherheit zu bringen.

In der ultrakonservativen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erschien 1892 ein Beitrag gegen die Börse – inhaltlich durchaus verwandt mit der heutigen „Occupy-Bewegung“ – dessen Autor die „Empörung des deutschen Volksgemüts“ ebenfalls nicht in einem Topf mit Antisemitismus verrührt sehen wollte:

“Die Lebhaftigkeit der sittlichen Reaktion gegen das Treiben, wie es namentlich an der Börse, in den „Gründungs“-Manipulationen, in einem Teil der Presse und der öffentlichen Vergnügung hervortrat, musste sogar als eine durchaus erfreuliche Erscheinung gelten. Es war eine Empörung des deutschen Volksgemüts, das in seinem Innersten nach Maß und Gerechtigkeit verlangt“ […]
Leider mischten sich der aus so berechtigten Ursprüngen hervorgegangenen Bewegung alsbald Elemente bei, welche auf das Prädikat einer gerechten, humanen und vorurteilsfreien Gesinnung nur sehr bescheidenen Anspruch hatten. Unter dem Einfluss derselben verkehrte sich die sittliche Reaktion gegen vereinzelt hervortretende Untugenden in eine Hetze gegen die Staatsbürger mosaischen Glaubens oder israelitischer Herkunft. […]

Antisemitinnen und Antisemiten gehen ihrer Leidenschaft in der Regel sittlich nach. Selbst Hitler war nicht jeder Antisemitismus recht. In einer Rede im Jahre 1922 polterte er: „Uns ist die Judenfrage nicht Wahlmanöver, wir sehen das als einen unmoralischen Antisemitismus an.“

Bei Rechts und Links beliebt: Christoph Hörstel

Der ehemalige ARD-Redakteur Christoph Hörstel referiert vielerorts, auf dem iranischen Kanal IRIB oder auf Radio Lora, beim deutsch-nationalen „Münchner Stammtisch“ oder auf der „Internationalen Münchner Friedenskonferenz“. Über das Erfolgsrezept eines gefährlichen Demagogen.


Hörstel (links im Bild) ruft zum Marsch aufs Kanzleramt

Wenn der Sender des iranischen Regimes IRIB World Service – Das Deutsche Programm eine deutsche Meinung benötigt, greifen seine Macher regelmäßig auf einen gebürtigen Bremer zurück. Christoph Hörstel liefert dem regimtreuen Organ dann zuverlässig Sendetaugliches, wie beispielsweise letzte Woche in einem Interview zur Münchner Sicherheitskonferenz:

“Deutschland hat seit 2007 durch Frau Merkel – aufgrund amerikanischer Interessen – Israels Sicherheit zur Staatsräson Deutschlands erklärt. Das kann man nur als eine Politik des Hochverrats bezeichnen. So sieht es eine ziemliche große Anzahl Deutscher. Wir haben überhaupt keine Verantwortung für die Sicherheit Israels, auch nicht für das Existenzrecht Israels. So ein kompletter politischer Unsinn.“

„Hochverrat“, „kompletter politischer Unsinn“, das sind markige Worte, doch der Schonwaschgang des ehemaligen Schwergewichts der ARD. Anderenorts kündigte Hörstel bereits an, dass er die „Palästina-Politik der Bundesregierung zertrümmern“ helfen werde, bis sie „in kleinen Stücken am Boden liegt.“ Bei einer Großdemonstration von Verschwörungsfans am 10. September 2011 hielt er eine erschöpfende Brandrede, die heute auf Youtube mit dem Titel: „Deutschlands Helden der Wahrheit (Christoph Hörstel)“ gefeiert wird. In dieser Rede hetzte er eindringlich gegen eine angeblich „verdammt kleine Clique“, der er massenhaft „Verbrechen“ – unter anderem eine Impfstoff- und Lebensmittelverschwörung – zur Last legt.

Tacheles beim „Münchner Stammtisch“
Im Frühjahr 2010 referierte Hörstel beim sogenannten „Münchner Stammtisch“, einem deutlich rechtslastigen Treffen der Münchner Verschwörungsfans, dem bereits einschlägig bekannte Redner wie Michael Friedrich Vogt, Andreas Clauss und Jürgen Elsässer beiwohnten. Vor wenig Vertrauen erweckenden Glatzköpfen gewährte Hörstel dabei Einblicke in seinen „Aktionsplan“: Vom wohlwollenden Beifall ermutigt, kündigte er einen Marsch aufs „Kanzleramt“ an, bei dem man „im entscheidenden Moment“ die Polizei nicht „um Erlaubnis fragen“ werde. Den Vorgesetzten des Verfassungsschutzes drohte er darüber hinaus vorsorglich an, sie „dienstrechtlich“ näher anzusehen, „wenn die Verhältnisse sich ändern“ sowie er der aktuellen Bundesregierung in Aussicht stellte, ihr den „Prozess“ zu machen – was „seinetwegen“ auch in Nürnberg stattfinden könne. Hörstel erklärte den Anwesenden in München auch, dass ein angeblich „sozial unverkraftbarer Ausländeranteil“ in Deutschland ebenfalls von den Verschwörern eingeleitet worden sei.


Größte Sorge: „Kein Krieg gegen den Iran“ (Siko-Proteste 2012)

Der perfekte Mann für die Münchner Friedensbewegung
Wer Hass auf Israel schiebt und der Bundesregierung einen Prozess nach Nürnberger Vorbild – also den Strick – androht, der kann kein schlechter Mensch sein, dachten sich wohl die Verantwortlichen der „Internationalen Münchner Friedenskonferenz“, die regelmäßig parallel zur „Münchner Sicherheitskonferenz“ stattfindet und luden Hörstel 2010 ein, um zur Lage in Afghanistan und Pakistan eine Expertise abzugeben. Diese Veranstaltung konnte im übrigen damit auch die extrem rechte Zeitschrift Blaue Narzisse reinen Gewissens empfehlen. Hörstels Referat bei der sogenannten „Münchner Friedenskonferenz“ ist heute ziemlich genau zwei Jahre her, doch seine Beliebtheit in Kreisen der Friedensbewegung hält an. Vor nur wenigen Wochen, am vorweihnachtlichen 20.12.2011, ging auf dem 68er-Sender Radio Lora wieder ein Interview mit Hörstel über den Äther. Ein Auszug aus dem Ankündigungstext:

In vierzehn Jahren als Nachrichtenredakteur und Moderator hat er einen genauen Einblick erhalten in die Arbeit und hinter die Kulissen der Fernsehanstalten. Heute, als selbstständiger Journalist keinem Sender mehr verpflichtet, kann er hingegen auspacken – und tut dies. Im Interview plaudert er 50 Minuten lang aus dem Nähkästchen und erlaubt Einblicke in eine Welt, die viel mit Manipulation, jedoch wenig mit Journalismus zu tun hat.

Hörstel ist gefährlich, weil er weiß, das Publikum charismatisch, trotz anscheinender ideologischer Differenzen – von iranischen Islamisten über Rechtsradikale bis hin zur Friedensbewegung – auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen: den Hass auf den jüdischen Staat und seine angeblich die Welt beherrschenden Marionetten. Solchen Figuren in die Parade zu fahren, wäre nötig. Doch davon sind nicht nur die Münchnerinnen und Münchner weit entfernt.

Ordnung ist das ganze Leben

Bei der Demonstration gegen die Münchner Sicherheitskonferenz kam es im Februar 2011 zu antisemitisch motivierten Übergriffen aus dem sogenannten Internationalistischen Block. Jetzt nahm die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend zum Vorfall Stellung. Ein Trauerspiel in zwei Akten.


Nicht auf diesem Bild: Die Schreie „Israel zurück ins Meer!“, Foto: luzi-m

Linker Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Arbeiterbewegung. Deshalb hatten Jüdinnen und Juden in der Regel nicht viel Schutz von Linken zu erwarten. Die Vernichtungsdrohungen aus Teheran werden heute in vielen dieser Kreise ebenso als vernachlässigbare Schrullen gesehen, wie ehemals die hitlerschen oder die zeitgleich formulierte antijüdische Hetze einiger KPD-Funktionäre. Es ist kein Zauberwerk, Antisemitismus in der Linken heute sichtbar zu machen. Die Konfrontation mit der Fahne des Staates der Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen reicht. Wer beim Anblick der Fahne nicht wenigstens ruhig bleiben kann, sondern die Fassung verliert, steht gewissermaßen in einer linken Tradition – im schlechtesten Sinne.

Akt 1: Der deutsche Mob
Um diesen Zusammenhang aufzuzeigen, hat sich eine Gruppe an den Rand der Demonstration gegen die Münchner Sicherheitskonferenz bemüht. Ein märtyrerhaftes Geschmäckle hat das schon. In der Vergangenheit wurden Menschen für ähnliche Versuche krankenhausreif geschlagen. Neben der Israelfahne hielt die Gruppe ein Transparent mit der Aufschrift: „Gegen Antisemitismus – Den Iran in die Schranken weisen“. Da ein in die Schranken gewiesenes antisemitisches Regime aber für etliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine unagenehme Vorstellung ist, wurde die Gruppe – wie zu erwarten war – tätlich angegriffen. Einige aus der Demonstration versuchten sie zu verteidigen. Am Ende beschlagnahmte die Polizei die Fahne. Soviel zum Fall.


Internationalistisch-nationalistische Zusammenarbeit, Foto: luzi-m

Die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, die notorisch ihrer Selbstbeschreibung verplichtet bleibt und über viele Jahrzehnte hinweg weder einen kritischen Begriff von Sozialismus, noch von deutsch, noch von Arbeit und keinesfalls von Jugendkult zu entwickeln vermochte, veröffentlichte nun eine „Nachbereitung der Anti-Siko-Proteste 2011″. Von einer „Massendeligation des Bündnisses“ ist die Rede und „sehr wohl organisierten Reihen“, mit „massenhaft Schildern“ und einem „entschlossenen“ Block. Ein Dorn im Auge sind den deutschen Ordnungshütern nur die „unorganisierten Leute zwischen organisierten Ketten“. Und eben die „antideutschen Provokateur_innen“. Wer die Demonstration stört, lautet das Urteil, mit einem Plakat, das „Solidarität mit Israel [sic] – Iran in die Schranken weisen“ fordert, hat mit linker Bewegung „nichts zu tun“, polterts aus dem Kader.

Akt 2: Lösung der Israelfrage
Interessanterweise wollen die Sprachrohre der Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend schon einräumen, dass die Schreie aus dem internationalistischen Block, wie zum Beispiel, „Israel zurück ins Meer“, antisemitisch waren, es also einen Israel-bezogenen Antisemitismus gibt. Aber, obwohl dessen gewahr, wollen sie im Zweifelsfall trotzdem nicht für den jüdischen Staat und gegen den Antisemitismus eintreten. Die Antisemitinnen und Antisemiten dürfen infolge also weiter in den „organisierten Ketten“ mitmarschieren. Für das „Problem“ mit den „Antideutschen Provokateur_innen“ hat die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend hingegen schon einen „Schlüssel zur Lösung“ für das nächste Mal gefeilt: Eine „breiter aufgestellte Ordner_innenstruktur“ muss her. Opa wäre begeistert gewesen und schluckte – der richtigen Sache wegen – sicher auch das Gender-Gap.

Was gut ist
In der „Nachbereitung“ wird ebenso bemängelt, dass „der Block“ von den autonomen Gruppen Münchens dieses Jahr deutlich weniger breit getragen wurde. Das ist tatsächlich so und hat vielerlei Gründe. Ein nicht unwesentlicher ist, dass in einigen Gruppen kein Konsens mehr herzustellen ist, wenn es darum geht, sich mit Antisemitinnen und Antisemiten in eine Reihe zu stellen. Das ist gut.

Nachlesen:
Nachbereitung der Siko-Proteste 2011
Mit der Friedensbewegung geht es dem Ende zu
Eine Kultur gegen Krieg braucht es, sagen sie – eine Kultur gegen Deutschland wäre mal was Nettes
Vorbemerkungen zum Aktionsbündnis gegen die Münchner Sicherheitskonferenz II
Vorbemerkungen zum Aktionsbündnis gegen die Münchner Sicherheitskonferenz

Mit der Friedensbewegung geht es dem Ende zu

Der Trend sinkender Teilnehmerinnen- und Teilnehmerzahlen hält auch dieses Jahr an. Die Polizei zählt auf der Schlusskundgebung der Demonstration gegen die 47. Münchner Sicherheitskonferenz 1.500 Protestierende, beim Marsch in der Spitze nurmehr 3.200. Es waren schonmal knapp 20.000.


Autonome und antifaschistische Gruppen nahmen diesmal weniger teil. Kaum Flüchtlingsorganisationen sind dem Aufruf des Aktionsbündnisses gegen die Münchner Sicherheitskonferenz gefolgt. Die Gewerkschaften ver.di und GEW standen zwar noch mit auf dem Zettel, ein auffallender Gewerkschaftsblock trat aber nicht in Erscheinung. Die linken Flügel der bürgerlichen Parteien haben sich schon lange verabschiedet, nur die grüne Jugend München hält noch die Fahne hoch. Die Übriggebliebenen: DKP, Linkspartei, ein paar versprengte K-Gruppen, die stark christlich geprägten Münchner Friedensbewegten sowie der „Internationalistische Block“.

Der eigentliche Skandal bleibt unbemerkt
Von antiisraelischen Kommentaren sahen die Rednerinnen und Redner der Schlusskundgebung auf dem Marienplatz 2011 ab – im Gegensatz zur Auftaktkundgebung am Freitag. Allerdings richteten sie deutliche Solidaritätsadressen an Magdi Gohary und Felica Langer. Beide machten in der Vergangenheit insbesondere mit antiisraelischen Äußerungen viel Aufhebens. Eine Abgeordnete der Linkspartei, Sevim Dagdelen, kritisierte in ihrer Rede die Einladung des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai zur Sicherheitskonferenz. Der eigentliche Skandal blieb aber unbemerkt: Laut EU-Abkommen darf Ali Akbar Salehi, Irans neuer Außenminister, nicht in die EU-Mitgliedsstaaten einreisen. Nach seiner Einladung zur Sicherheitskonferenz zog die EU aber das Einreiseverbot zurück, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Die Münchner Sicherheitskonferenz – im Grunde eine Privatveranstaltung – trägt damit nicht zum ersten Mal zur Aushöhlung der Sanktionsbemühungen gegen den Iran bei.


Dagdelen: „Für die Macht der Reichen, gehen sie über Leichen“

Hauptredner der Schlusskundgebung war der Theologe Eugen Drewermann. Den pastoralen Tonfall hat er trotz Austritt aus der katholischen Kirche beibehalten, seine Lippen bekommt er kaum auseinander, weshalb die Worte dünn und blechern anklingen. Drewermann ist ein Mensch ohne viel Kategorien. Soldatinnen und Soldaten landen unterschiedslos und ihrem Kontext enthoben in einem Topf: von den Angeklagten der Nürnberger Prozesse bis hin zur sowjetischen Armee, von den japanischen Invasoren in Nanking bis zu den amerikanischen Bomberpiloten, die den Verbündeten der Deutschen in Japan ein Ende machten, sie alle werden erwähnt und subsummiert. „Bezahlte Auftragsmörder“, „Tötungsmaschinen“, die „ihre eigene Würde schänden“ und „aufgehört haben Mensch zu sein“ ist die eine Kategorie, die Drewermann kennt und da fallen eben alle hinein.


Drewermann ist gegen den „Schlachthof“ in Afghanistan

Zum Abschluss seiner Rede zitiert Drewermann frei aus dem Prosatext des Wehrmachtsangehörigen Wolfgang Borchert, der sich nach seiner Teilnahme beim Feldzug gegen die Sowjetunion und dessen Scheitern urplötzlich dem Pazifismus verpflichtet sah:

Und Pfarrer auf der Kanzel! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen. Pfarrer auf der Kanzel! Sag nein!
Denn wenn ihr nicht nein sagt, wird alles wiederkommen!

Ich [Drewemann] sage als Theologe zu der Pastorentochter Merkel, 2000 Jahre nach der Bergpredigt: Versuchen sie es doch wenigstens einmal! Das wäre Verteidigung des Christentums in Deutschland! Alles andere ist ein Verrat daran!

In Konkurrenz zur Verteidigung des Christentums in Deutschland trat offensichtlich nicht …


… die FDJ – hat aber wenigsten einen kritischen Imperialismusbegriff im Angebot

Am Rande der Demonstration kam es zu einem unerfreulichen Zwischenfall. Eine Gruppe mit Israelfahne (Foto) wurde angegriffen, berichtet das Münchner Nachrichtenportal luzi-m. Augenzeugen mutmaßen, die angreifende Fraktion könnte aus Nordrhein-Westfalen stammen. Teile der Demonstration sollen wiederum versucht haben, sich vor die Gruppe mit der Israelfahne zu stellen. Sicher ist: die Polizei konfiszierte in Reaktion die Fahne (Foto). In einem Cafe kam es noch zu weiteren antisemitischen Übergriffen auf die „Provokateure“.

Eine „Kultur gegen Krieg“ braucht es, sagen sie – eine Kultur gegen Deutschland wäre mal was Nettes

„Kultur gegen Krieg“ lautete das Motto der Auftaktkundgebung im Rahmen der zweitägigen Proteste gegen die Münchner Sicherheitskonferenz. Im Fadenkreuz der Demonstrierenden: die USA, Israel und das Finanzkapital. Karl Grün hätte seine Freude gehabt.


Deutsche Kulturbombe: der Clown „Ecco“ auf dem Münchner Marienplatz, 04.02.2011

Zwei spanische Touristen sitzen am Rindermarkt und zählen belustigt die vorbeifahrenden Polizeiautos. Zwölfe sind es bis jetzt. Allzu lange können sie demnach da noch nicht sitzen. Fünf Minuten vielleicht. In der Altstadt wimmelt es von ca. 3.400 Polizistinnen und Polizisten, sowie den dazugehörigen Vehikeln. Überall sind Einheiten anzutreffen, sogar auf dem Klo des Cafe Rischart am Marienplatz muss ich zusammen mit drei Polizisten das Geschäft verrichten. Der Bayerische Hof, Tagungsstätte der Sicherheitskonferenz, wurde weiträumig abgesperrt. Eine Frau mit Pfenningabsätzen will passieren. Sie als „deutsche Bundesbürgerin“ habe ein Recht darauf, meint sie. Der Beamte lässt mit sich reden, aber drängt dafür der jungen Bundesbürgerin sein Geleit auf. Ein langer Autokorso bahnt sich die Prinzregentenstraße hinunter den Weg Richtung Isar. Polizei, Polizei, Limousiene, Polizei, Polizei, Limousiene …. Eine Auswahl der Tagungsgäste macht sich auf, um im Feinkost Käfer exzellent zu speisen, wie immer, wenn Sicherheitskonferenz ist. Andere wiederum haben dem Hofbräuhaus den Vorzug gegeben – obwohl man da nicht gut essen kann. Die Chauffeure langweilen sich direkt vor dem Eingang des Hofbräuhauses in den Autos.

„Kultur gegen Krieg“ – made in Germany
Am Marienplatz hat sich ein mageres Grüppchen von etwa 60 bis 80 Protestierenden vor einer LKW-Bühne eingefunden. Es fällt schwer zu glauben, dass hiervon die Bedrohung ausgehen soll, die dem heutigen Polizeieinsatz zu Grunde liegt. Die einzige Bedrohung, die von dieser Gruppe ausgeht, ist das Fortschreiten der Barbarisierung emanzipatorischer Werte. Dafür wurde eigens ein Clown engagiert, Ecco Meineke, der Hauptact der Gegendemonstration an diesem Abend. Komödiantisch verpackt prognostiziert der Komiker – alle seine Witze dem Blatt entnehmend –, die Israelis würden erst dann einen Friedensplan akzeptieren, wenn es nurmehr die „letzten zwei Palästinenser“ gäbe. Und die Gäste der Münchner Sicherheitskonferenz hätten wohl nun Angst, dass „die Ägypter und Tunesier die Plästinenser noch [zuvor] rausboxen“. Dabei wird die einzige Angst der Gäste der Sicherheitskonferenz im Moment sein, dass sie zwar exzellent im Käfer essen, aber von den kärglichen Portionen nicht satt werden könnten. Eine Befürchtung, die den Gästen des Hofbräuhauses zumindest erspart bleibt.

Am Samstag geht es gerade so weiter
Am zweiten Tag erwartet das Aktionsbündnis gegen die Münchner Sicherheitskonferenz als Hauptredner den christlichen Theologen Eugen Drewermann. Drewermann trat in der Vergangenheit öfter als scharfer Kritiker des „Zinssystems“ auf. Ein Schelm wer an Luther denkt, zumal auch Drewermann orakelt, Jesus habe „diese Kirche nicht gewollt“. In einem Interview aus dem Jahre 2002 unterstellte der Ex-Katholik den amerikanischen Jüdinnen und Juden kollektiv nicht friedenswillig zu sein.

Terrorismus ist in der Asymmetrie der Kriegsführung die Waffe der Unterlegenen. Diese Lunte auszutreten, liegt einzig und allein in der Vollmacht der Vereinigten Staaten, sie hätten die dringlichste Pflicht, auch den sechs Millionen jüdischen Mitbürgern in den USA klar zu machen, dass es für einen freien israelischen Staat gar nichts Besseres gibt, als dass es endlich zum Frieden in der Region kommt.

Vorbemerkungen zum Aktionsbündnis gegen die Münchner Sicherheitskonferenz

Die Vorbereitungen zur Demonstration gegen die Münchner Sicherheitskonferenz im Februar laufen gerade erst an und schon liegt der Verdacht nahe, dass besser fahren könnte, wer fernbleibt.

Im Jahre 2009 gab es Kritik aus den Reihen der Grünen: Bei den Protestaktionen gegen die Sicherheitskonferenz könnte Antisemitismus „laut werden“, so die leisen Befürchtungen zweier Funktionäre der Ökopartei. Der Landesverband unterschrieb den Aufruf gegen die Sicherheitskonferenz daraufhin nicht, wohl aber der grüne Stadtrat Siegfried Benker, dessen Ding „Präventiv-Verunglimpfung“ nicht sei. Anlass zur Kritik gaben die angekündigten Redebeiträge der antiisraelischen Hardliner Magdi Gohary und Sophia Deeg. Tatsächlich sollten es dann nicht weniger sondern mehr zweifelhafte Reden als angedroht werden.

Pro-iranische Agrumentation in 2011 nicht ausgeschlossen
Bei den anstehenden Protesten 2011 sind ähnlich dämonisierende und identitätsstiftende Aktionen zu erwarten. Das liegt an der bunten Breite des Bündnisses und aber auch an den Personen, die mit der Koordination des Bündnisses betraut wurden. Federführend ist nämlich wieder das DKP-Mitglied Claus Schreer, das viel Federlesen nicht macht. Zuletzt hat Schreer für die Unterschriftenaktion zur Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran geworben. Auf Platz eins der Unterzeichnenden des Aufrufes ist übrigens kein Geringerer als der wenig talentierte Erhard Arendt vom Palästina Portal. Im Januar wird Schreer in diesem Sinne eine Veranstaltung mit Ali Fathollah-Nejad im EineWeltHaus abhalten. Fathollah-Nejad startete seine Politkarriere als Ansprechpartner der regimenahen iranischen Organisation CASMII und ist bis heute ein rotes Tuch für die meisten Exiliranerinnen und -Iraner.

Schulterschluss der Nachkommen mit Tradition
Da Schreer auf seiner Website Veranstaltungen des antizionistischen Verbandes Salam Shalom und ähnlichen Verdächtigen bewirbt, ist davon auszugehen, dass ihm Positionen, die nachgerade antisemitische Denkweisen anschließen lassen, nicht aufstoßen. Ein gerüttelt Maß an Sensibilität legt der Koordinator des Aktionsbündnisses hingegen bei den Opfern von Hiroshima an den Tag, für die er im fünfjährigen Turnus ein Gedenken ausruft, ohne dabei die Verantwortung der damaligen Achsenmacht Japan und ihren Beitrag zum Faschismus mit einzubeziehen.

Ob ein Aktionsbündnis, das solche Figuren in den Vordergrund rückt, zu einer cleveren und nötigen Kritik an der NATO bis Februar im Stande ist und der antiisraelischen Agitation Einhalt gebietet, bleibt mit Spannung abzuwarten.

Siehe auch: Vorbemerkungen zum Aktionsbündnis gegen die Münchner Sicherheitskonferenz II

Wenn das Eine-Welt-Haus schließt, knallen hier die Sektkorken

Jedes Jahr gibt es Streit in München. Die rot-grüne Regierung möchte das Eine-Welt-Haus weiterhin mit 500.000 Euro jährlich subventionieren, FDP und CSU sind dagegen. Auch der Stadtrat Marian Offman, Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, spricht sich gegen Subventionen aus und verweist unter anderem auf „sehr israelkritische Kreise“. Warum die nicht wegzudenken sind und sich auch niemand darüber beschwert.

Im Ein-Welt-Haus haben in den letzten zwölf Monaten sinnvolle Veranstaltungen stattgefunden. Zum Beispiel die Informationsveranstaltung zur Menschenrechtssituation in Syrien und gegen die Abschiebung dorthin. Oder der Filmabend „Die Unerwünschten“ von Sarah Moll. Hinzu können noch zwei bis drei weitere Veranstaltungen addiert werden. Aber in Summe lassen sich die erfrischenden Momente im Eine-Welt-Haus an einer Hand abzählen.

Wesentlich dominanter sind die antizionistischen Organisationen, die sich mehrmalig pro Monat dort zu Sitzungen einfinden und in Hochzeiten wöchentlich Veranstaltungen, Seminare und Workshops abhalten. Kein Land der Welt – auch Deutschland nicht – wurde im Eine-Welt-Haus in den letzten zwölf Monaten so oft und dabei so fundamental „kritisiert“ wie Israel. Innerhalb des Hauses erscheint dieser Eifer weder auffällig noch beschwert sich jemand. Das liegt daran, weil das Eine-Welt-Haus programmatisch so ausgelegt ist, dass antisemitische Denkweisen von verschiedenen Seiten her anschlussfähig sind.

Säule 1: verkürzte „Kapitalismuskritik“ bzw. die Suche nach den Schuldigen

Wer von Heuschrecken, Finanzhaien und Zinsknechtschaft bzw. natürlicher Wirtschaftsordnung spricht, ist immer auch äußerst „israelkritisch“ eingestellt. Obwohl beides, der Geldkreislauf und Israel, objektiv in gar keinem besonderen Zusammenhang stehen, gibt es diesen besonderen Zusammenhang doch – in den Köpfen. Die Klammer, die beides in einem Kopf zusammenhält, also jede Person die Zinsknechtschaft sagt, auch schlecht über Israel denken lässt, ist der antisemitische Gehalt in beiden Glaubensmustern. Da eine historische und theoretische Erklärung ein kurzer Blog-Eintrag nicht leisten kann, muss an dieser Stelle die Feststellung hinreichen, dass es da einen abfragbaren Zusammenhang gibt. Zur weiteren Lektüre kann Postone oder, weil’s leichter bekömmlich ist, Bierl zum Seminar herangezogen werden.

Veranstaltungen, die verkürzte Kapitalismuskritik in den schillerndsten Farben zeichnen, finden im Eine-Welt-Haus regelmäßig statt. Ein „Entwicklungsingenieur und Philosoph“ stellte beispielsweise erst kürzlich sein Buch „Welt Macht Geld“ vor und eine „Wirtschaftspublizistin“ durfte das Thema: „Falschgeld – die Herrschaft des Nichts über die Wirklichkeit“ erörtern. Was diesen Theorien, neben einer falschen Darstellung von Wirtschaft, in weiteren Schritten zwangsläufig folgt, ist die Präsentation der „Täter“, also jenen Personen, die hinter dem Geld vermutet und damit für ökonomische Ungerechtigkeiten verantwortlich gemacht werden. So versprach auch eine Veranstaltung dieses Jahres im Eine-Welt-Haus, Name und Anschrift der Schuldigen zu offenbaren:

Wo sitzen in München das große Geld und die Täter bzw. Opfer der internationalen Finanzkrise? Wo die Bank für die 10.000 reichsten Deutschen – ohne Schalter und Öffnungszeiten?
Eine Stadtführung mit Martin Schmidt-Bredow. EineWeltHaus, Raum 211

Säule 2: die „Israelkritik“

Die „Israelkritik“ bzw. Antizionismus sind seit seinem Bestehen chronische und am meisten ausgeprägte Bestandteil der Programmplanung des Eine-Welt-Hauses. Zu den geladenen Gästen, allein der letzten zwölf Monate, zählten nur die härtesten Kanten: Jeff Halper, Ilan Pappe, Norman Finkelstein, Abraham Melzer, Rabbi Jeremy Milgrom, Sabine Schiffer und Norman Paech. Am liebsten werden Juden geladen. Dies basiert auf der falschen Annahme, dass die Aussagen einer Jüdin oder eines Juden nicht antisemitisch sein können. So hangelt man sich auch bei der eigenen Agitation von einem „koscheren“ Zitat zum nächsten, immer mit dem Verweis auf die jüdische Urheberschaft.

Den eigenen Antisemitismus scheint man also wenigstens schon zu erahnen. Dafür sprechen auch die Veranstaltungen zum Antisemitismus selbst. Dabei kommt es aber nicht zu einer kritischen Selbstreflexion – die bitter nötig wäre – sondern es brechen sich sekundär-antisemitische Thesen Bahn, bei denen der Holocaust zwar nicht geleugnet, aber gegen die Nachkommen der Opfer gewendet wird. Zum Beispiel referierte Shraga Elam über eine angebliche „Holocaust Religion und Holocaust Industrie“ die herrsche. In einer anderen Veranstaltungsankündigung, zur „Gleichschaltung der Medien“, ist die Frage zu lesen:

Greift man hintersinnig zum Antisemitismusvorwurf, sobald sich ein kritischer Geist zum Thema Nahost oder Zentralrat der Juden in Deutschland meldet?

Säule 3: die „indigenen Völker“ als Gegenentwurf

Ein Kernbestandteil des Antisemitismus ist es, den vermeintlich „unnatürlichen“ oder auch „entfremdeten“ gesellschaftlichen Verhältnissen, dem Modernen, wie Zivilisation, Geldsphäre oder auch dem Judenstaat, eine rückwärtsgewandte Positivfolie entgegenzusetzen. Diese Rolle wird seit dem Aufkommen des modernen Antisemitismus den Völkern und in besonderem Maße den indigenen Völkern zugedacht. Veranstaltungen zur Huldigung von mehr oder weniger urigen Volkskonstruktionen finden im Eine-Welt-Haus nahezu wöchentlich statt. In bester Leni-Riefenstahl-Manier zeichnet zum Beispiel die Gesellschaft für bedrohte Völker das Bild vom „edlen Wilden“ nach, dessen Naturverbundenheit doch den Hörerinnen und Hörern ein Beispiel sei. Das schlägt sich in Veranstaltungstiteln nieder wie: „Was ist Lebensqualität? Wertevorstellungen aus anderen Kulturen. […]Es sprechen Jhenny Muñoz und Guadalupe Hilares aus dem peruanischen Regenwald“. Oder „Eine andere Welt ist möglich. Die indigenen Völker am Amazonas setzen sich zur Wehr“ oder so: „Das kalte Paradies schmilzt: Wie der Klimawandel das Leben der indigenen Völker unter dem Polarkreis verändert – Reportagen von einem russischen Eisbrecher“.

Selbst Veranstaltungen zu Roma – von denen es eigentlich nicht genug geben kann – schießen sich selbst ins Knie, wenn der Veranstaltungstitel, wie im Eine-Welt-Haus dieses Jahres, „Roma – Menschen anderer Welt“ lautet und damit antiziganistische Annahmen reproduziert. Da hilft es dann auch nichts, die falsche Annahme, Roma seien Menschen einer anderen Welt, nachträglich zu parfümieren. Besser wäre es gewesen, zum Thema ganz zu schweigen.

Säule 4: christlicher Fundamentalismus bzw. lateinamerikanische „Befreiungstheologie“

Bei der Verbreitung von Antisemitismus war das Christentum jahrhundertelang federführend. Noch heute stechen dabei vor allem christliche Zusammenschlüsse und Splittergruppen hervor, die stark am Evangelium und „nah am Volk“ orientiert sind, wie beispielsweise einige evangelikale Gruppen in den USA oder lateinamerikanische Befreiungstheologen. Der Grund liegt auf der Hand, kämpfte der „Christ“ Jesu doch das ganze Neue Testament lang inmitten einer eingeschworenen Gemeinschaft aufopfernd gegen geldscheffelnde und verschwörerische Pharisäer und andere gläubige Jüdinnen und Juden. So lässt sich das Neue Testament zumindest lesen und so wurde es viele Jahrhunderte auch verstanden.

Im Eine-Welt-Haus fanden dieses Jahr mehrere Veranstaltungen von „ChristInnen für Sozialismus“ bzw. befreiungstheologischen Geistlichen statt, die den „gekreuzigten Völkern“ Beistand leisten. Dabei wurde aber nicht der Antisemitismus in den eigenen Reihen verhandelt, sondern im Gegenteil, beispielsweise anhand einer „materialistischen Bibellektüre“ im Evangelium des Matthäus die (Anm.: „jüdische“) „Ökonomie der Geldvermehrung“ der (Anm.: „christlichen“) „Ökonomie der Solidarität“ gegenübergestellt.

Das Eine-Welt-Haus wäre besser eine McDonalds-Stube

Nimmt man die vier Säulen zusammen, sind wesentliche Teile des Veranstaltungskalenders im Eine-Welt-Haus und damit die dort vorherrschenden Interessen abgedeckt. Wer all die Veranstaltungen der letzten zwölf Monate besucht hat und sich nicht kritisch damit auseinandersetzt, hat elementare Bausteine verinnerlicht, die den Neuen Antisemitismus ausmachen, selbst wenn dies oder jenes gar nicht „antisemitisch gemeint“ ist – zusammen gibt es ein Ganzes. Deshalb verwundert es auch nicht, dass derzeit, initiiert vom „Münchner Friedensbündnis“, eine Unterschriftenliste im Hause umgeht, die um Stimmen gegen die Sanktionen gegen den Iran wirbt. Niemand kommt auf die Idee, diesem „Friedensbündnis“ ein Hausverbot auszusprechen. Solidarität mit dem Antisemiten in Teheran versteht sich anscheinend von selbst, während dieser Text hier keine fünf Sekunden im Eine-Welt-Haus ausliegen könnte.

Sicher ist es mehr als notwendig, dass Migrantinnen und Migranten in München über Orte und Mittel verfügen können, um ihre Selbstorganisation zu gestalten. Aber das kann kein Ort sein, dessen Programm maßgeblich von DKP-Mütterchen und -Väterchen, greisen Ostermarschierern und antisemitischen Gruppen gestaltet wird. Das muss ein Ort sein, an dem Migrantinnen und Migranten nicht als Projektionsflächen für positiv-rassistische Phantasien der weißen Mittelschicht herhalten und als Feigenblatt zur Verbreitung von völkischen und antisemitischen Theorien dienen, sondern sich tatsächlich selbst organisieren können.

„Münchner Friedensbündnis“ und „Graue Wölfe“ demonstrieren gemeinsam gegen Israel

Die Operation „Free Gaza“ nahm ein katastrophales Ende. Bei dem Versuch die israelische Seeblockade zu durchbrechen wurden mindestens neun Aktivisten der „Mavi Marmari“ getötet. Indes finden weltweit zahlreiche Demonstrationen statt. Dabei geht es in der Regel nationalistisch und antisemitisch zu – auch in München.

Israel maximalbrutal: Schwarze, Indianer, Holocaust, Palästinenser - alles dabei

Der ganze Platz ist mit türkischen und palästinensischen Nationalfahnen übersät. Vereinzelt sind auch Fahnen der radikal-islamistischen Organisationen Hizbollah und Hamas zu entdecken. Bei der Protestkundgebung in Istanbul am Anfang dieser Woche wurde feurig gepredigt. Gott hat die Juden auf den falschen Weg geführt, ist zu hören. Und Israel hat sich die Türken zum Feind gemacht. Tausende recken ihre Fäuste in die Höhe und skandieren: „Nieder mit Israel“ und „Allah ist groß“. Das nationalistische und religiöse Lager sind sich einig. „Mit dem Töten kennt ihr euch gut aus“, gibt Staatschef Erdogan wiederholt in Richtung Israel zu verstehen. Hitlers „Mein Kampf“ belegte – bevor Bayern auf sein Urheberrecht pochte – Platz zwei der türkischen Bestsellerliste. Das Werk wurde anscheinend auch aufmerksam gelesen.

Die Juden und das Töten

Der Topos, die Juden würden heimtückisch morden, ist in der Geschichte des Antijudaismus und Antisemitismus ein immer wiederkehrendes Muster. In Böhmen kam es beispielsweise 1161 zu Pogromen, weil jüdische Ärzte angeblich Christen vergiftet hätten. Das erste Pogrom in München ist datiert auf das Jahr 1285. Eine Frau „gestand“, die Juden hätten ein Christenkind getötet und das Blut getrunken. In Frankreich kam es ca. 1348 zu den sogenannten Pestpogromen, die schon bald über Mainz, Genf, Koblenz, Köln und Trier nach Deutschland schwappten. Keimzelle der Ausschreitungen war das Gerücht, die Pest hätten die Juden zu verantworten, weil sie die Brunnen vergiften. Wenn Erdogan äußert, die Juden würden sich mit dem Töten ja auskennen, spielt er auf diese Gerüchte an. Der Judenstaat verhalte sich eben entsprechend des antisemitischen Ressentiments.

Wien
Antisemitische Kundgebung in Wien am 01.06.2010

München zieht gleich

Zur Demonstration „Free Gaza! Solidarität mit den Palästinensern“ auf dem Münchner Marienplatz riefen unterschiedlichste Organisationen auf. Unter anderem das „Münchner Friedensbündnis“, die Linkspartei, SDAJ, sowie die faschistische türkische Organisation „Graue Wölfe“. Das abgegebene Bild entsprach den bekannten Szenen aus Wien, Berlin und Istanbul. Türkischer und Palästinensischer Nationalismus prägte die Veranstaltung. Etliche zogen sich gleich beide Fahnen über. Ein allgemein bejubeltes Highlight war der Türkeifahnen-Schwenker auf dem Kirchturm.

Von Anfang bis Ende der Veranstaltung wurde immer wieder die antisemitische Parole „Kindermörder Israel“ skandiert. Bei zahlreichen Kriegen und Konflikten weltweit werden Kinder Opfer der Auseinandersetzung. Nur in einem Fall wir einer Partei penetrant vorgeworfen, es explizit auf Kinder abgesehen zu haben. Wie Erdogans Auslassungen zum Thema „die Juden und das Töten“ verweist die Parole „Kindermörder Israel“ auf den antisemitischen Topos vom „kindermordenen Juden“. Ein kleines Grüppchen mit Israelfahne am Rande der Demonstration erntete den zu erwartenden Hass der Teilnehmer und konnte für den Polizeischutz dankbar sein. Das Bozkurt Handzeichen, Erkennungsmerkmal der ultra-nationalistischen Grauen Wölfe, wurde mehrmals gezeigt, wie in folgendem Video zu sehen ist.

„Die unglaubliche Wiederauferstehung der Deutschen nach 1945“

Während letzte Woche eine weitere Gedenktafel für die deutschen Vertriebenen in Tschechien (oder Polen, egal) – unter Tränen der Rührung – eingeweiht wurde, die undeutsche deutsche Lena für Deutschland den Eurovision Song Contest gewann, die frechen Griechen noch einmal ordentlich zurechtgestutzt wurden, die schwarz-rot-goldenen Wimpel an den Autos bereits auf eine kommende Weltmeisterschaft hinweisen und die „nationale Katastrophe“ mit der Nominierung von Wulff zum Präsidentschaftskandidaten abgewendet wurde, kümmert sich die deutsche „Friedensbewegung“ darum, mit dem hässlichsten aller deutscher Makel aufzuräumen: Der historischen Täterschaft. Die Nachkommen der Opfer der europäischen Vernichtung – so der Wunsch – sollen heute Täter sein. Und die Nachkommen der Täter, die mit dem großen Zeigefinger. Diese Form der Schuldumkehr, in der Literatur oft Sekundärer Antisemitismus genannt, war auf der Demonstration in München am 04. Juni 2010 prominent vertreten.

Weitere Bilder:


Ausgleichende Gerechtigkeit: Die Nürnberger Prozesse sitzen tief


Richtige Deutsche warnen vor falschen Freunden – zum Wohle Israels


Kinderbild schon fast perfekt: Nur die Hakennase, die üben wir nochmal