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Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben

Um Menschen dazu zu bringen, Gegenständen ohne persönlichen Gebrauchswert – und ohne Gegenleistung – eine hohe Aufmerksamkeit abzuringen, bedarf es einer spezifischen Dressur. Ein ausschweifender Kommentar am Thema vorbei. Von Caspar Schmidt.


Hitlerjugend beim Müll eintreiben, 1938

Eine Menschensortieranleitung wie das Buch „Deutschland schafft sich ab“ führte hierzulande lange die Bestsellerlisten an. Türkische Milieus sind schlecht für das Wohl der Nation, will Thilo Sarrazin herausgefunden haben. Um mit Karl Kraus zu sprechen: „Das ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist“. Denn der Versuch der medialen Sarrazin-Opposition, Migration als eine Art nationale Bereicherung zu verkaufen, bedeutet immer noch, Menschen danach zu beurteilen, ob sie der Nation dienlich sind und nicht etwa dem Menschen selbst. Einmal in diesem Diskursrahmen gefangen, ist ein mieser Auftritt vorprogrammiert.

Das Wohl der Nation als Paradigma
Während die sinkende Geburtenrate bitterlich beklagt wird, ist es den Behörden andererseits ordentlich viel Mühe wert, Flüchtlinge von der Gesellschaft fernzuhalten, in Lagern zu kasernieren und ins Ausland abzuschieben. Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.

Was die genannten Prioritäten ideologisch verleimt, ist die Sorge um die Ordnung in der Saftheimat und die allgemeine Angst vor Veränderung. Veränderung wird als das Unkraut der modernen Welt betrachtet, das solange zu jäten ist, bis das Rad wieder schön stillsteht. Tausende demonstrieren lieber für den Erhalt ihres bescheidenen Arbeitsplatzes, obwohl sie sich jeden Morgen zur Arbeit zwingen müssen und vom Schichtbeginn an die Minuten zählen, anstatt ihr Recht auf Lust, Luxus und Müßiggang einzufordern. Der Wunsch nach sozialer Regression wird nur vom Wunsch nach Ordnung übertroffen. Die Menschen, die Orte, die Zeit, die Einkommen, der Verkehr, die Moral, alles soll wohl sortiert sein – und schließlich auch der Müll.

Die Genese der Mülltrennung in Deutschland
Der Ordnungswahn, das Festhalten am Alten und die Bereitschaft, den Menschen nicht als des Menschen höchstes Wesen anzusehen, sondern ihm die Nation oder Bäume voranzustellen, sind Talente, die eine Mülltrennungsneurose gehörig fördern. Daher wäre es denkbar, dass die Mülltrennung eine Errungenschaft der Grünen ist, da sie die genannten Talente perfekt zu kanonisieren wissen. Dem ist aber nicht so. Die Mülltrennung ist eine Hervorbringung der kriegswirtschaftlichen Ökonomien. Schon im Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die Trennung von Küchenabfällen zur Pflicht – allerdings eher aus hygienischen Gründen. Insbesondere die Nazis forcierten dann aber eine wirtschaftliche Autarkie der Nation und verpflichteten 1936 die deutschen Haushalte mit einem scharfen Gesetz zur Mülltrennung. Rohstoffe, die im Gegensatz zu „Heimstoffen“, nicht in Deutschland gewonnen werden konnten, sollten entweder substituiert werden oder in einer Kreislaufwirtschaft zirkulieren.

Hierfür wurde 1937 die Dienststelle des „Reichskommissars für Altmaterialverwertung“ eingerichtet. 1939 brachte es Hermann Göring mit einem Appell an die Bevölkerung auf den Punkt: „Es stimmt, wir haben wenig Rohstoffe, aber wir haben sie bei uns“. Im selben Jahr wurden die Gesetze zur häuslichen Mülltrennung abermals verschärft. Die „Altmaterialverwertung“ galt als „kriegswichtige Aufgabe“ und wurde propagandistisch stark gefördert. An „Schulsammelstellen“ mussten die Schülerinnen und Schüler dem „Altstofflehrer“ die häuslichen Abfälle übergeben. Die „Deutsche Arbeitsfront“ las die Materialien im Kleingewerbe auf, und die „Hitlerjugend“ wurde von Haus zu Haus geschickt, um jenes sicherzustellen, was die „Hausverantwortlichen“ nicht schon den Behörden übergeben hatten (siehe Bild). Es wurden sogar Apfelkerne gesammelt, um daraus Öl zu pressen.

Der Öko-Patriotismus des „Recycling-Weltmeisters“
Der Aufstieg Deutschlands nach 1945 zum „Recycling-Weltmeister“ ist nicht ohne diese Vorgeschichte erklärbar. Umso kritischer kann es gesehen werden, wenn das Relikt der NS-Kriegswirtschaft heute als patriotische Qualität gegen andere Nationen gewendet wird. Gerne möchte man Vorwürfe ans Ausland richten, das es mit der Mülltrennung weit weniger sorgfältig hält. Doch faktisch rangiert Deutschland im engen Kreis der stärksten Umweltverschmutzer im weltweiten Vergleich mit ganz oben auf der Liste. Umweltschutz hat nämlich mit Mülltrennung verhältnismäßig wenig zu tun, sondern ist von einer fundierten Kritik der politischen Ökonomie abhängig. Zumal der Abstecher mit dem Auto zur Flaschensammelstelle sogar ein ökologischer Reinfall ist. Ebenso negativ schlägt es sich in der Umweltbilanz nieder, wenn Plastikbecher oder Alufolie mit Wasser ausgespült werden. Umweltschonender als das wäre es, alles in einer Tonne zu entsorgen, und die Trennung den Profis der Entsorgungswirtschaft zu überlassen.

Mit der Entfuzzisierung beginnen
66 Jahre nach Kriegsende ist es an der Zeit, den deutschen Haushalt von seinem Kriegskurs abzubringen. Die ökonomischen und ökologischen Nachteile wären hinnehmbar, in Anbetracht der Chancen. Ein Bewusstsein, das sich gegen die eigene Scholle richtet, gegen kulturelle Isolation und für eine kosmopolitische Welt eintritt, sich gegen die Arbeit im Kapitalismus wendet und das universelle Recht auf Lust, Luxus und Müßiggang einfordert, fängt bereits beim Mülleimer an.

*Erschienen im aktuellen Hinterland-MagazinSortieren“, mit freundlicher Genehmigung des Autors, gekürzte Fassung.

Weitere Themen im Heft u.a.:

Komplexe Fragen der Freiwilligkeit
über die Menschenhandeldebatte und andere Mechanismen der Ausgrenzung
Von Susanne Kimm und Petra Sußner

Sortenreine Kulturen
über den „Ethnopluralismus“ der „Neuen Rechten“
Von Till Schmidt

Mädchen haben eine Klitoris, Buben einen Penis
über die Zweifelhaftigkeit der (zwei-)geschlechtlichen Einordnung
Von Bettina Enzenhofer

Sortieren und vergrämen
Zum Unterschied zwischen Normal- und Problembären
Von Stanley Schmidt

Reisende der Angst
Der scheele Blick des Westens auf Afrika.Teil II
Von Friedrich C.Burschel

http://www.hinterland-magazin.de/

Diesseits von Afrika

Artikelempfehlungen zur neuen Hinterland-Ausgabe Diesseits von Afrika


Gesehen auf dem Parkdeck des Möbelhauses XXXLutz in München, 2010

Die neue Hinterland-Ausgabe vom Bayerischen Flüchtlingsrat ist über 100 Seiten dick und kommt weitestgehend ohne Entwicklungshilfe-Brille aus. Der Arbeitskreis Panafrikanismus München spricht mit der Antirassismusexpertin Grada Kilomba und stellt die Annahme auf die Probe, alle subsaharischen Flüchtlinge würden mit dem Boot übers Meer nach Europa schippern. Die unter anderem durch ihre Beiträge in der Jungle World bekannte Kulturwissenschaftlerin Imke Leicht leistet einen empfehlenswerten Grundlagenbeitrag zum beständigen Gegensatz von Universalismus und Kulturrelativismus. David Schwarz wirft einen Blick auf die aktuellen Diskurse um Homosexualität in Afrika. Im Rahmen von Gender Studies könnte die Arbeitsteilung auf äthiopischen Baustellen interessant sein. Skurril sind die wöchentlichen Demonstrationen der „Mad-Germans“ vor der deutschen Botschaft in Mosambik. Sie fordern ihre rechtmäßigen Rentenansprüche noch aus DDR-Zeiten ein. Die Anzahl Magenschmerzen verursachender Artikel hält sich in Grenzen.

Alle Beiträge sind auch online abrufbar unter:
http://www.hinterland-magazin.de/
Kritik von Nichtidentisches:
Korrekturen am Hinterland

Veranstaltungshinweis: Rage wieder da

Gegen die rassistische Abschiebepraxis der europäischen Gemeinschaft richtete sich das Rage Against Abschiebung Festival. Sieben Jahre lang fand es statt, doch nach dem achten Jahr war 2007 Schluss. Die Veranstaltung war zu kostspielig geworden und der Veranstalter, der Bayerische Flüchtlingsrat, hatte zuletzt finanzielle Verluste kompensieren müssen. Diesen Samstag meldet sich das „Rage“ zurück. Egotronic machen mit.

„Nach acht aufwendigen Festivals ist jetzt einfach Zeit für einen Schnitt. Vielleicht nur eine Pause, denn zu Grabe möchten wir das Rage eigentlich nicht tragen. Abgeschoben wird nach wie vor. Das neue Rage wird sicher anders, vielleicht kleiner, vielleicht wieder politischer – wir werden sehen – alles neu, zurück zu unseren Wurzeln“ Matthias Weinzierl in: Rage Against Größenwahn, Hinterland Magazin, 2007

Kleiner wird das Festival im Jahre 2010 sicher ausfallen. Es werden keine vier Hallen bespielt, sondern nur zwei. Derart politikferne Bands wie Die Sterne sind nicht mehr im Programm, womit das Rage Against Abschiebung heuer schon ohne Mühe politischer sein wird. Wehmutstropfen: die SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend) veranstaltet am Rande mit.

Umso erfreulicher hingegen: Egotronic sind mit von der Partie, womit ein Zeichen gesetzt ist. Einer Vereinigung, die das Wortungetüm Deutsche Arbeiterjugend im Namen trägt, der also die Arbeit das Höchste und das Deutsche das Erste ist (wonach der Auftakt sozialistisch nurmehr als eine ernste Drohung verstanden werden kann), ist damit etwas entgegengesetzt. Das eben, was Matthias Weinzierl mit „Wurzeln“ gemeint haben könnte: Eine undeutsche Bewegung, die Lebenslust und Freizügigkeit der Arbeitsamkeit und Beschränktheit voranstellt. Aber nicht nur Egotronic, auch Antitainment sowie Thomas Lechner vom Candy Club stehen auf dem Programm. Es wird also gut.