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Münchner Antisemitismusstreit 2018: LMU-Lehrbereich bekennt Farbe

Nach heftigen Protesten hat die Veranstaltung mit dem Titel „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“ am 7. November im Hauptgebäude der LMU stattgefunden. Überraschungen gab es keine. Der Lehrbereich Meyen der LMU präsentierte eindrücklich eine Neuauflage des Antisemitismusstreits von 1879 – und positionierte sich in der Debatte eindeutig.

Andreas Zumach, nur relative Person der Zeitgeschichte, und doch mit zeitloser Ideologie

Es wird still im Saal, als Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU, ans Mikrophon tritt. Der Hörsaal ist brechend voll, viele müssen stehen. Im Vorfeld hatte die Veranstaltung viel Kritik geerntet. Ein gutes Dutzend Organisationen warfen der Veranstaltung Antisemitismus oder eine Nähe zur Israelboykott-Bewegung (BDS) vor. Darunter der Verband der Jüdischen Studenten in Bayern, die Zionistische Organisation München, die Jewish Agency und mehrere Jugendverbände linker Parteien, des DGB, der DIG sowie die „Münchner Bürger gegen Antisemitismus und Israelhass“.

Das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus“ rief die Studierenden dazu auf, eine „Haltung einzunehmen“ und sich mit „Jüdinnen und Juden gegen Antisemitismus“ zu solidarisieren. Vor dem LMU-Gebäude verteilen einzelne kurz vor Veranstaltungsbeginn noch Flugblätter gegen das Event. Im Saal versprengte Grüppchen halten kleine Israelfahnen in den Händen, einige Menschen mit Kippa sind zu sehen.

Auftritt Meyen
Meyen, dessen Lehrbereich die Veranstaltung ausrichtet, ist die Nervosität leicht anzusehen. Er eröffnet mit Verweisen auf wissenschaftliche Kapazitäten, um die Folgen staatlichen Eingreifens in den öffentlichen Diskurs darzustellen. Als erstes wählt Meyen den Volkswirtschaftler Albert Schäffle (1831-1903), der durch das Werk „Bau und Leben des sozialen Körpers“ 1881 auffällig wurde. Meyen kommt ins Schwärmen: „Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe in Albert Schäffle meine Jugend wiedergefunden, ich habe da wiedergefunden, was passiert, wenn gewisse Themen und Perspektiven aus der Öffentlichkeit ferngehalten werden.“

Tatsächlich hatte Schäffles Buch seinerzeit Furore gemacht – als ein maßgebliches Werk zur Begründung des Modernen Antisemitismus nämlich. In „Bau und Leben des sozialen Körpers“ entwickelt Schäffle den „socialen Parasiten“, der sich die Arbeitskraft und das Vermögen seines Wirts zunutze mache, ohne selbst etwas dazu beizusteuern. Als besonders gefährlichen Teil dieses „Sozialschmarotzertums“ bezeichnete er in seinem Werk die im Kreditwesen tätigen, „wuchernden“ Juden. In jüngeren Auflagen kommen die Juden nicht mehr vor, dennoch bleibt in Schäfflers Ideologie und Buch der strukturelle Antisemitismus erhalten – selbst wenn Juden nicht mehr explizit erwähnt werden.

Meyen schickt seiner Lobpreisung Schäffles zwar voraus, dieser „längst vergessene Öffentlichkeitstheoretiker“ sei auch deshalb vergessen, „weil er Gesellschaft mit einem Körper verglichen hat. Solche theologischen Analogien sind heute out in der Sozialtheorie. Nutzt man nicht mehr“, vereinfacht Meyen. Der Professor verliert kein Wort über das antisemitische Moment, legt stattdessen eine Folie mit wuchtigen Wortzitaten auf: „Wer Öffentlichkeit einschränkt oder beseitigt, der verstümmelt den ’socialen Körper‘“ und schwäche die „geistige Volkskraft“, steht darauf geschrieben.

Biologisierung des Sozialen „heute out“: Aber affirmativ präsentiert an der LMU 2018

Nach einer kurzen Abhandlung bis zur Unkenntlichkeit verkürzter Thesen Hannah Arendts und Ulrich Becks zu Tatsachen und Definitionsmacht hastet Meyen zu seinem conclusio: Es sei ein „Kampf um Deutungshoheit“, den wir aktuell erleben. Dazu gehöre die „öffentliche Diffamierung als Verschwörungstheoretiker, als Querfrontler, als Antisemit“. Der Münchner Stadtrat habe, so folgert Meyen weiter, mit dem Anti-BDS-Beschluss eingegriffen in „den Kampf um Definitionsmacht“ und damit „ letztendlich, Albert Schäffle, die Zivilgesellschaft in München geschwächt“, sagt Meyen. Hannah Arendt, eingerahmt von Bezügen auf den glühenden Antisemiten Albert Schäffle – die Veranstaltung ist eröffnet.

Zumach eröffnet Vortrag mit Drohung
Der Journalist Andreas Zumach vom „Bündnis zur Beendigung der Israelischen Besatzung“ (BIB) schließt mit dem Hauptvortrag an – und leitet mit seiner Einschätzung ein, wo die Grenze des Sagbaren in jedem Falle für ihn verlaufe: „Wer mich mit der Absicht der Verleumdung falsch zitiert, der bekommt großen Ärger, das sage ich in aller Klarheit, das wird viel Geld kosten.“ Er habe gute Anwälte, fügt er hinzu. Diverse Gruppen hatten zuvor insbesondere Zumachs Äußerungen in Würzburg (ab Minute 4) über eine angebliche Israellobby kritisiert, gegen die er aufrief, „die Stimme zu erheben“. Diese Lobby, gegen die sich Zumach richten wolle, beschrieb der Journalist im Würzburg-Vortrag unter anderem als ein Konglomerat aus Antideutschen, mindestens einem Mossad Agenten bei der Jerusalem Post, Grüne- und Linksjugend sowie Charlotte Knobloch, der Präsidentin der IKG München und Oberbayern.

Auch im heutigen Vortrag stellt Zumach angeblich von der „Hasbara“ beeinflussten Kreise zusammen. Eine israelische Stabstelle für strategische Angelegenheiten finanziere diese Lobby teilweise. Benjamin Weinthal von der Jerusalem Post erscheint wieder in der Aufzählung, hinzu kommt der grüne Politiker Volker Beck, der „einer der eifrigsten Verleumder von Kritik an israelischer Regierungspolitik“ sei. „Hinterrücks“ habe Beck die Absage einer Tagung der evangelischen Akademie in Tutzing erwirkt. „Ich könnte noch einige Namen aus München nennen, das lasse ich jetzt mal“, sagt Zumach vielsagend. Für wen dieser Platzhalter Zumachs steht, ist nicht schwer zu erraten.

Anti-Antisemitismus-Kampagne ist wahrer Antisemitismus
Über den Vortrag hinweg entwickelt Zumach eine seiner zentralen Aussagen. „Unsere besondere Verantwortung“ sei laut Zumach wie folgt wahrzunehmen: „Es kann und wird eine sichere und unbedrohte Existenz Israels nur geben, wenn auch das Recht der Palästinenserinnen auf die universellen Menschenrechte und auf ihre staatlich Selbstbestimmung verwirklicht ist.“ Gruppen, die das „als antisemitisch kritisieren“, möchte er entgegenhalten: „Ihr seid die im Grunde ärgsten Feinde Israels!“ Durch die Denunziation der „notwendigen Kritik […] tabuisiert ihr eine Kritik an der israelischen Regierung, die die größte Gefahr für die Existenz Israels ist.“

Der „inflationäre […] Antisemitismusvorwurf“ dieser Kampagne banalisiere zudem den „Antisemitismus und Judenfeindlichkeit“. Und damit auch den Holocaust. Ergo sei „diese Anti-Antisemitismus-Kampagne im Grunde eine antisemitische Anti-Antisemitismus-Kampagne in ihrer Wirkung“, stolpert Zumach durch einen sperrigen Argumente-Friedhof. Antisemitismus könne Zumach hingegen in den „antisemitischen Tiraden“ von Trump, Orban, Erdogan, Putin und Nethanjahu gegen den „ungarischen Juden Georg Soros“ erkennen, in denen sich das judenfeindliche Stereotyp des „raffgierigen Juden“ zum „Teil auch fortsetzt“. Der israelische Präsident Benjamin Netanjahu also auch ein Antisemit, Haken dran.

Beschimpfung der politischen Gegnerinnen und Gegner
Ausgiebig beschimpft Zumach an diesem Abend seine Kritikerinnen und Kritiker. Neben Hasbara-Volker Beck, der „hinterrücks“ agiere, sei Jonathan Shay, Gesandter der Jewish Agency for Israel, ein „eingefleischter, rechtsextremer Agitator“, so Zumach. Auf eine spätere Nachfrage aus dem Publikum, ob es „zielführend“ sei, „einen hier im Saal anwesenden Juden als rechtsextrem“ zu bezeichnen, entgegnet Zumach: „Er kann sich meinetwegen dagegen wehren, auch juristisch.“ Auf die Stellungnahme des „Linken Bündnis gegen Antisemitismus“ werde er unter anderem deshalb nicht eingehen, weil „dieses linke Bündnis völlig feige, hinterhältig und anonym agiert, irgendwo im Internet“, beklagt Zumach.

Ein paar Tage zuvor antwortete die LMU in einem Schreiben an Kritiker der Veranstaltung, dass Meyen den Verantwortlichen der LMU habe darlegen können, „dass es sich um eine wissenschaftliche Veranstaltung handelt, die in eine Unterrichtsreihe eingebunden ist und der es nicht um eine politische Diskussion pro und contra BDS“ gehe. Die Wissenschaftlichkeit kann nun stark bezweifelt werden, vielmehr geifert Zumach von der Kanzel.

Zumach verteidigt BDS-Kampagne
Zumach stellt die Inhalte der BDS-Kampagne vor und beschreibt in der anschließenden Diskussion, wo seine Diskussionsgrundlage endet: „Kauft keine Produkte aus besetzten Gebieten [Forderung von Pax Christi], oder auch das, was BDS ist, ist ein Beitrag auch die Unrechtssituation der Besatzung zu beenden. Wenn wir uns in dieser Grundfrage nicht einig sind, dass es sich um einen Besatzungsstatus handelt […] brauchen wir eigentlich gar nicht weiter zu diskutieren.“

Die EU-Kommission habe außerdem den „Aufruf für BDS ausdrücklich unter die Meinungsfreiheit gestellt“, behauptet Zumach. Es gebe „einen höchstrichterlichen Beschluss des Verfassungsgerichtes, bei dem nach meiner Einschätzung auch die Klage gegen den Münchner Stadtratsbeschluss enden wird und gekippt wird, wenn dann nicht spätestens vor dem europäischen Menschenrechtsgerichtshof“, orakelt Zumach weiter. Die Verhandlung beginne erstinstanzlich kommenden Mittwoch in München.

Darüber hinaus richtet sich Zumach an all jene, die die BDS-Kampagne mit der nationalsozialistischen Parole „Kauft nicht bei Juden“ in Verbindung bringen. Unter vielen anderen hatte Charlotte Knobloch die BDS-Kampagne beispielsweise immer wieder als modernisierte Fassung der Parole „Kauft nicht bei Juden“ beschrieben. War so argumentiere, sagt Zumach, habe „den Holocaust nicht verstanden oder verarbeitet“. Es folgen starke Unruhe und Zwischenrufe aus dem Publikum.

Hitzige Diskussion
Bereits während des Vortrags hatten sich Menschen mit Israelfahnen im Zuschauerraum, und mindestens ein Mensch mit der Fahne der palästinensischen Autonomiegebiete vor der Türe aufgestellt. „Frage, Frage“-Rufe waren jeweils schnell zu hören, wenn die Wortmeldungen zu Erläuterungen ausuferten. Immer wieder wurden Teilnehmende von jüdischen oder israelsolidarischen Organisationen Berichten zufolge von Nebenstehenden angezischelt, sie sollen doch gehen, als Faschisten bezeichnet oder ähnliches. Zwei Teilnehmende, eine Shoah-Überlebende und ihre Tochter wurden angeraunzt, sie sollen doch „ihre Schnauze halten“ und „zur AfD gehen“.

Zuerst regen sich in der Fragerunde die üblichen Verdächtigen, wovon einige seit vielen Jahren auf antiisraelischen Veranstaltungen herumturnen und im Grunde immer ähnliche Wortmeldungen abgeben. Franz P., vom antizionistischen Verein „Salam Shalom“, hebt als erster an: „Das Ministerium für Strategische Studien (!) hat jetzt offiziell zugegeben, dass sie (!) die Lüge als strategische Waffe einsetzen.“ Dies täten sie mit der Begründung, so P., dass „die Israelkritiker nur damit beschäftigt sind, diese Falschbehauptungen zu untersuchen, und darauf ihre ganze Zeit investieren.“ Ganz schön raffiniert, die Juden und ihre Lügen, möchte man anmerken.

Adrian Paukstat von der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“ (JPDG) folgt bald darauf und beschwert sich, dass die JPDG im Bericht des Simon Wiesenthal Centers 2015 erwähnt wird. Zusammen auf einer Liste mit dem „Islamischen Staat“ sehe man sich selbst nicht richtig eingeordnet, beklagt Paukstat. Die BDS-Unterstützergruppe, die als eine solche nicht mehr verortet werden möchte, wolle ihre Fragen wieder „in einer kritischen Öffentlichkeit verhandeln und nicht in irgendwelchen privaten Rückzugsräumen“.

Nicht fehlen darf bei dergleichen Veranstaltungen Jürgen Jung, der seit 2010 Vorstand des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“ ist. Jung beklagte in seiner Wortmeldungen heute an der LMU, den „Ungeist, der in der Republik hier seit Jahren zu beobachten“ sei. Dieser hänge damit zusammen, „dass die Realität in Palästina nie wirklich zur Sprache“ käme. Und „was hier im Lande läuft“. Dann hält Jung Papier hoch und sagt: „Ich habe hier 13 Seiten mit annähernd 100 Veranstaltungen in der Republik, die alle versucht wurden, zu verhindern.“

Kritische Wortmeldungen
Auch einige kritische Fragestellungen werden im Laufe der anschließenden Diskussion an Zumach gerichtet, die offensichtlich aus dem Lager derjenigen kommen, die Proteste angekündigt haben. Wie Zumach behaupten könne, dass der Staat Israel mit hohen arabischen Richtern und demokratisch gewählten arabischen Mitgliedern in der Knesset, ein Apartheidsstaat sei. Ob er keine „Korrelation zwischen Antisemitismus und Antizionismus“ erkennen könne. Wie er zum besonderen Vererbungsstatus von Vertriebenen und Flüchtlingen sowie ihren Nachkommen von 1948 stehe. Auch Meyen muss sich kritischen Fragen stellen lassen, die allerdings teilweise Zumach auf sich bezieht und für den Kommunikationswissenschaftler beantwortet.

Ob es die Verantwortlichen nicht als antisemitisch empfinden, „wenn hier in einem akademischen Raum“ der Redner sage, ein jüdischer Staat könne nicht demokratisch sein. Eine andere Frau spricht die Kommunikationswissenschaftler direkt an. Man habe heute eine „ausgeprägte Position“ gehört. „Wenn man wollte, könnte man eine ebenso stringente Position, die historisch-politische Ereignisse anders bewertet, danebenstellen. Das unterbleibt hier“. Das sei sehr schade.

LMU: In antisemitischer Tradition
Die Veranstaltung fiel nicht hinter die Erwartungen zurück. Bereits einleitend wurde die „Grenze des Sagbaren“ ausgelotet, indem ein glühender Antisemit und Emporkömmling des Berliner Antisemitismusstreits (1879-1881), Albert Schäffle, als Opener herangezogen wurde. Schäffle war in der dem Streit nachfolgenden Debatte ohne Frage antisemitisch positioniert – an seine Tradition knüpfte die Veranstaltung heute an.

Heinrich von Treitschke, der Wortführer der antisemitischen Position damals, argumentierte auf den letzten Seiten seines maßgeblichen Beitrages „Unsere Aussichten“ (1879) im Übrigen stellenweise ähnlich wie auf der heutigen Veranstaltung vorgetragen. Dort klagt Treitschke die Juden an, dass sie in Deutschland angeblich die „Zeitungen beherrschen“ – also die Öffentlichkeit kapern – wollen.

Ebenso wie Zumachs Vorwurf des nicht verarbeiteten Holocausts, begründet Treitsche im Text angebliche jüdische Fehlleistungen mit der „tiefen Einprägung“ durch die „vielhundertjährige christliche Tyrannei“. Die Lüge, dass man ja offene Worte über Juden nicht immer aussprechen könne („Wort wird hier leicht missverstanden“) findet sich auch bei Zumach („Ich könnte noch einige Namen aus München nennen, das lasse ich jetzt mal“).

Die Wortmeldung von Franz P. („Sie setzen die Lüge als strategische Waffe ein“) ist im gleichen Textabschnitt ähnlich enthalten („Unbestreitbar hat das Semitenthum an diem Lug und Trug […] einen großen Anteil“). Und schlussendlich gipfelt Treitschke in seiner bekannten Aussage, dass die Juden selbst schuld daran seien, sodass es heute ertöne „wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück“. Kurz: die Juden haben den Antisemitismus selbst zu verantworten. Das ist keine der heutigen Veranstaltung völlig enthobene Behauptung. Da kommt Ähnliches freilich verschwurbelter daher: „Die Anti-Antisemitismus-Kampagne ist im Grunde eine antisemitische Anti-Antisemitismus-Kampagne“, sagt man. Das durften sich die teilnehmenden Mitglieder des Verbands der Jüdischen Studenten in Bayern, der Zionistischen Organisation München, Holocaustüberlebende sowie der Jewish Agency usw. heute an einer deutschen Universität anhören. Damit die „geistige Volkskraft“ stabil bleibt.

Münchner Uni: Jüdische und israelsolidarische Organisationen fordern Absage von Anti-Israel-Veranstaltung

Ein Bündnis aus jüdischen und israelsolidarischen Organisationen hat den Präsidenten der LMU, Bernd Huber, in einem offenen Brief dazu aufgefordert, die kommende Veranstaltung mit dem Titel „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“ abzusagen. Zuvor hatte das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus“ die Studierenden dazu aufgerufen, sich mit dem veranstaltenden Lehrbereich Meyen kritisch auseinanderzusetzen.

Weit hat es die angebliche „Israel-Lobby“ gebracht! Nicht einmal über Genderforschung oder Kurdistan darf mehr öffentlich gesprochen werden. Mit folgendem Mitleid erregenden Ankündigungstext lädt jedenfalls der Lehrbereich Meyen am 7. November ins Hauptgebäude der LMU ein:

„Für das Münchener Rathaus ist die Sache klar: keine städtischen Räume für Veranstaltungen, auf denen Israel kritisiert und die Kampagne zum Boykott israelischer Produkte (BDS) erwähnt wird. Am besten auch keine Konzerte mehr in München mit BDS-Sympathisanten wie Roger Waters, der einst Pink Floyd mitgründete. Seit dem entsprechenden Stadtratsbeschluss von Ende 2017 ist die Szene in Aufruhr. Vorträge und Filme werden abgesagt, selbst prominente Rednerinnen finden keine Veranstalter mehr und damit auch kein Publikum. Der BDS-Verdacht greift sogar dann, wenn es um Genderforschung geht oder Kurdistan.
Medienrealität live fragt, was solche Tabus mit einer Gesellschaft machen, die auf Öffentlichkeit baut – auf Journalistinnen, die ungehindert Themen setzen, und auf Bürgerinnen, die sich aus einer Vielzahl von Quellen informieren können, damit die Gesellschaft sich über ihre Probleme klarwerden und diese lösen kann.“

Als Referent ist Andreas Zumach, taz-Korespondent und Beirat des „Bündnisses zur Beendigung der israelischen Besatzungspolitik“ (BIB), genannt. Zumach hatte kürzlich dazu aufgerufen, gegen „diese Lobby“, die „hier agitiert“ die „Stimme zu erheben“. Die Lobby, gegen die sich Zumach richten wolle, beschreibt der Journalist unter anderem als ein Kartell aus Antideutschen, Charlotte Knobloch, dem Mossad und politischen Jugendorganisationen. Außerdem wurde auf kommender Veranstaltung eine Stellungnahme der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“ angekündigt.

Der heute versendete Brief gegen diese Veranstaltung ist von der Jewish Agency, dem Verband jüdischer Studenten in Bayern, dem Jungen Forum der DIG, der Zionistischen Organisation München, der Europäischen Janusz Korczak Akademie sowie Honestly Concerned unterzeichnet. In dem Brief heißt es:

„Sowohl BDS, das BIB als auch die angekündigten Redner der Veranstaltung haben die Grenze der ‚Israelkritik‘ in der Vergangenheit eindeutig überschritten. Sie dämonisieren und delegitimieren Israel und wenden bei der Bewertung der israelischen und palästinensischen Politik doppelte Standards an. Wir stufen die Veranstaltung daher als antisemitisch ein und fordern ihre Absage bis spätenstens Samstag, den 3. November.“

Teilnahme jüdischer Gruppen angekündigt
Ansonsten kündigen die Organisationen an, an der Veranstaltung teilzunehmen, um ihre „Solidarität mit Israel und Menschen jüdischen Glaubens“ offen zu bekunden. Außerdem sei geplant „im Rahmen der Veranstaltung als auch medial über die Ziele der BDS-Kampagne und der Redner“ aufzuklären.

Deutliche Worte widmen die Organisationen auch dem Kommunikationswissenschaftler Kerem Schamberger, der Mitarbeiter im Lehrbereich Meyen ist und die Veranstaltung ebenfalls bewarb. Schamberger habe das Handeln der Streitkräfte des jüdischen Staates bereits in die Tradition der nationalsozialistischen Judenvernichtung gestellt. Das sei eine „unsägliche Täter-Opfer-Umkehr und Merkmal des Post-Shoah-Antisemitismus“, kritisieren die Organisationen. Schamberger versucht seit längerem, die kurdischen Befreiungskämpfe und vom Antisemitismus beseelte palästinensische Gruppen zusammenzuführen. Kurden und Palästinenser sollten „Seite an Seite gegen die Türkei und Israel stehen“, sagt Schamberger. Allerdings wollen ihm die Kurden in dieser Frage nicht recht folgen.

Linkes Bündnis steht auf jüdischer Seite
Ein paar Tage zuvor veröffentlichte das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus München“ eine Stellungnahme zur geplante Veranstaltung an der LMU. Die beteiligten Organisationen kritisieren unter anderem den Lehrbereichsleiter Michael Meyen, der regelmäßig für das “verschwörungstheoretisch aufgeladene Anti-Establishment-Portal ‚Rubikon‘“ schreibe. Insbesondere legen sie Meyen die Nähe zu Ken Jebsen zur Last . „In Meyens Blog werden zahlreiche Verschwörungstheoretiker*innen protegiert, eine ganze Ansammlung des Who-Is-Who der Freunde alternativer Fakten“ tummle sich darin, heißt es in der Stellungnahme weiter.

Die geplante Veranstaltung am 7. November an der LMU mit dem Titel „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“ sei „ein Schaufenster von Querfrontaktivist*innen, Verschwörungstheoretiker*innen und BDS-Unterstützer*innen“. Es gebe eine Grenze mindestens dort, heißt es seitens des Bündnisses weiter, „wo zu befürchten ist, dass sich antijüdische Hetze Bahn bricht“.

Die Organisationen fordern eine Auseinandersetzung mit der politischen Agenda des Lehrbereichs Meyen und rufen die Studierenden der LMU dazu auf, eine Haltung zur Veranstaltung einzunehmen. „Wir erklären uns solidarisch mit allen Jüdinnen und Juden gegen Antisemitismus!“ Das Linke Bündnis gegen Antisemitismus wird unter anderem von Linksjugend und Grüner Jugend, sowie DGB-Jugend und Falken getragen. Außerdem ist das „Antifa Referat“ der LMU Bündnismitglied.

In jedem Falle dürfte die geplante Veranstaltung am 7. November nicht ohne Widerstand über die Bühne gehen. Das ist zu begrüßen. Vor wenigen Jahren noch war es in München nahezu wöchentlich üblich, auf Veranstaltungen gegen Israel, Zentralrat der Juden und andere jüdische Organisierungen unwidersprochen hetzen zu können.

LMU-Dozent für Schulpädagogik: „Etablierte Juden reagieren bei uns immer in Panik“

In einer Sendung von Radio Lora darf Christoph Steinbrink, Lehrbeauftragter der LMU für Schulpädagogik, über den jüdischen Staat, jüdische Gemeinden, die „zionistische Lobby“ und „nicht-jüdische Israelfreunde“ vom Leder ziehen. Außerdem wirbt der ehemalige Gymnasiallehrer für die Israelboykott-Kampagne (BDS). Ein Lehrstück über antizionistischen Antisemitismus in knapp 50 Minuten.

Israelbezogener Antisemitismus in seiner stumpfen, leicht erkennbaren Form.

Christoph Steinbrink ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war einst Mitorganisator und Frontman des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“. Bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Von der Last der Deutschen mit dem Staate Israel“ (2002) zog er dermaßen vom Leder, dass die Münchner IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch anschließend prüfen lassen wollte, ob der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt sei.

Als ehemaliger Leiter der „Arbeitsstelle Eine Welt“ am Pädagogischen Institut der Landeshauptstadt München musste Steinbrink 2009 seinen vielleicht bedeutendsten Rückschlag hinnehmen. Die DIG München verhinderte mit ihrer Intervention den Vortrag des umstrittenen Historikers Ilan Pappe am Pädagogischen Institut, den Steinbrink dort gerne hätte platzieren wollen. Das Schulreferat unterband den Vortrag in den Räumlichkeiten des Instituts. „Schande über München!“, kommentierte Steinbrink anschließend.

Ab 2011 wurde es etwas stiller um den ehemaligen Gymnasiallehrer für Englisch, Französisch und Ethik. Er schien seiner „Ein-Welt-Gruppe“ am Willi-Graf-Gymnasium sowie seiner Tätigkeit als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Schulpädagogik der LMU München nachzugehen.

Vor etwa drei Wochen aber sendete Radio Lora dann einen als Interview getarnten etwa 50-minütigen Vortrag Steinbrinks (online) zum Stadtratsantrag „Gegen jeden Antisemitismus! – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung“. CSU und SPD wollen BDS-nahen Gruppen städtische Räumlichkeiten entziehen – das hat Steinbrink offenbar aufgebracht.

Zeit der öffentlichen Zurückhaltung vorbei
Von „grober Unrichtigkeit geprägt“ sei dieser Antrag, ein “Pamphlet“, Zeichen eines „Rückfalls in ein autoritäres Verständnis von Kommunalpolitik“, wettert Steinbrink gegenüber dem alternativen Radiosender. „Der Hut“ gehe ihm hoch, wenn er darin von einer „antisemitischen BDS-Kampagne“ lesen müsse, die seines Erachtens nicht antisemitisch sei. Das eigentliche Ziel der Antragsteller sei es, dass Vertretern von Menschen- und Völkerrechten ein „Maulkorb umgelegt“ werde, so Steinbrink.

„Es ist doch ein Unding, dass in unserem Land Nazis jederzeit im öffentlichen Raum Hassparolen grölen dürfen, gar den Hitlergruß zeigen [… aber] Es darf nicht darüber gesprochen werden, über die erschreckende Barbarisierung israelischer Politik und politischer Strategien dagegen.“

In dieser Sendung wolle Steinbrink nun darüber sprechen, wie „wir gerade auch als Deutsche“ eine kritische Position zur „Internationales Völkerrecht missachtenden 50-jährigen brutalen Politik der Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch den Staat Israel beziehen“ können.

Dazu arbeitet er sich einleitend am Begriff des israelbezogenen Antisemitismus ab, der laut Steinbrink „ein Kampfbegriff und kein wissenschaftlicher Begriff“ sei, mit dem man nicht „operieren“ könne. Nach den Maßstäben des Begriffes gehöre er (Steinbrink) nämlich „eigentlich auch dazu“.

Wie Deutsche den Antisemitismus-Vorwurf abwehren sollen
„Was machen wir Deutschen, wenn wir den Antisemitismus-Vorwurf an den Kopf kriegen?“, fragt Steinbrink und bleibt in der Sendung eine offen ausgesprochene Antwort schuldig. Seine Antwort vermittelt er vielmehr subtil durch die Gestaltung seines Vortrages. Steinbrink hangelt sich von einem Zitat einer Jüdin oder eines Juden zum nächsten, legt die häufig krassen, gegen jüdische Interessen gerichtete Statements nebeneinander und verdichtet sie zu einem antijüdischen Gesamtkunstwerk.

Die Israelis und Juden „können keinerlei Recht beanspruchen, als Opfer von gestern Täter von heute zu sein“, zitiert er Felicia Langer. Die Deutschen seien „gerade wegen ihrer Vergangenheit verpflichtet, sich einzumischen.“ Juden hätten „kein Recht die Schuldgefühle der Deutschen zu funktionalisieren“. Den auf diese Weise behandelten Deutschen stünde ein Verbund entgegen, sagt Steinbrink mit dem Verweis auf ein Zitat des Publizisten Moshe Zuckermann.

Steinbrink: „In Deutschland gibt es zudem die Verbandelung von nicht-jüdischen Israelfreunden, [Zuckermann] nennt hier die Antideutschen, weil es die lautstärkste Gruppe ist, jüdischen Amtsträgern und Mitgliedern jüdischer Gemeinden mit der staatsoffiziellen deutschen Israelpolitik und eine sich auf Juden-Zionismus-Israel selbst zensierenden Medienwelt. Und das muss aufgebrochen werden.“

„Paradoxerweise“ sei der Zionismus „schon immer am Fortbestand des Antisemitismus in der Welt interessiert“ gewesen, zitiert Steinbrink Zuckermann weiter, fügt dem aber hinzu: „Das ist jetzt ein jüdischer Standpunkt, den würde ich mir als Deutscher so nicht zutrauen, weil ich den Hintergrund nicht habe.“

Koscher-Stempel von Zuckermann, Langer, Sommerfeld, Verleger, Pappe und Co.
Steinbrinks Strategie ist deutlich erkennbar: Wenn es darum geht, sich eine antijüdische Diffamierung zu leisten, wie beispielsweise die, dass Israelis und Juden ein Recht beanspruchen wollten, „als Opfer von gestern Täter von heute zu sein“ oder der Zionismus den „Fortbestand des Antisemitismus“ begrüße, wird ein Zitat einer Jüdin oder eines Juden aus der Mottenkiste gezogen.

An einer Stelle der Sendung kommt sowohl Steinbrinks Strategie als auch die Haltung des Interviewers Heinz Schulze (Nord-Süd-Forum) deutlich zum Ausdruck:

Steinbrink: „Jetzt kommt das Fatale, wenn wir jüdische Wissenschaftler einladen […], regierten die etablierten Juden bei uns immer in Panik, weil dann müssen sie begründen. Sie können ja nicht Moshe Zuckermann einen Antisemiten nennen. Das ist absurd. Wird aber gemacht.“

Heinz Schulze: „Man kann es tun. Aber da müssten bei einigen die Ohren dann auch klingeln.“

Warum Äußerungen von Jüdinnen und Juden nicht antisemitisch sein können, so wie Äußerungen von Frauen frauenfeindlich, von Homosexuellen homophob und von Nichtweißen rassistisch, bleibt wohl das Geheimnis der beiden.

Steinbrink nennt BDS-Kampagne „phantastisch“
Steinbrink hatte die 2010 gefasste „Stuttgarter Erklärung“ mit dem Zusatz „Salam Shalom“ unterschrieben, die zur Unterstützung der BDS-Kampagne aufruft. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Münchner Lehrbeauftragte in der behandelten Radiosendung ebenfalls als glühender Verfechter des Israel-Boykotts auftritt.

Die BDS-Kampagne sei laut Steinbrink „eine zivilrechtliche Kampfform, ein legitimier Ausdruck eines zivilen Widerstandes gegen ein Unrechtssystem“ und das sei „phantastisch“, schwärmt er bei Radio Lora. Da gehe es „Israel an den Kragen“, erklärt er. Zur Kampagnen-Begründung zitiert Steinbrink eine BDS-Mitbegründerin mit den Worten: „Die Straßen der Welt sind der Ort, an dem ein wehrloses unterdrücktes indigenes Volk eine Chance auf Gerechtigkeit hat.“

Nebenbei schimpft Steinbrink allerhand. Über die „zionistische Lobby hier“ und „die Israelis“, die „sehr viel Geld reinstecken“, um „Presse und Leute einzukaufen“. Über die Münchner Stadtverwaltung, die bei Veranstaltungen wie den „Palästina-Tagen“ bei den Verwaltenden der Räumlichkeiten anrufe und klage: „Um Gottes Willen, wir haben einen Anruf von der IKG erhalten“, parodiert Steinbrink. Es würde daraufhin „systematisch ein Maulkorb“ verhängt. Er schimpft über den Grünen Stadtrat Dominik Krause, der sich „anheischig“ mache, einem „jüdischen Menschen das Etikett antisemitisch anzuhängen“ sowie über „Extreme“, zu denen er neben den Antideutschen auch die Grüne Jugend München zähle.

Umso weniger jüdisch, umso besser
Lobende Worte findet Steinbrink für seine eigene Musikauswahl im Radio-Beitrag. Der Musiker „Gilad Atzmon ist in der jüdischen Szene bekannt, das ist ein radikaler Antizionist, der sich ziemlich losgelöst hat a) vom Glauben und b) von Israel“, schwärmt Steinbrink. Wenn sich also ein Jude möglichst weit vom jüdischen Glauben und vom jüdischen Staat distanziert – also möglichst wenig jüdisch ist, scheint Steinbrink das Jüdische noch am erträglichsten. Wenn „etablierte Juden“ durch die Veranstaltungen von Steinbrink und Konsorten „in Panik“ geraten, wenn ein „indigenes Volk“ auf der Straße Israel „an den Kragen“ geht und das solidarische und projüdische Miteinander gegen diesen Furor „aufgebrochen“ wird, dann ist das für Steinbrink hingegen ein leicht erträglicher Gedanke.

Im Übrigen:
Save the Date: Am 16. November kommt David Hirsh zur Buchvorstellung „Contemporary Left Antisemitism“ nach München.

LMU-Didaktik 2010: „Nach Afrika zu den Negern“

Die Ludwigs-Maximilian-Universität (LMU) rühmt sich für ihre moderne Forschung auf dem Feld der Didaktik. Deshalb staunten die Studentinnen und Studenten für Grundschullehramt nicht schlecht, als ihnen am 27.09.2010 ein rassistischer Text von Otfried Preußler vorgelegt wurde.


Rassistische Stereotype in Nachkriegskinderbüchern: Räuber Hotzenplotz

Die praxisbegleitende Seminarstunde für Didaktik an der LMU ist gut besucht. Wie eine Lesestunde mit Kindern vorzubreiten ist, sollen die angehenden Grundschullehrerinnen und -Lehrer heute erfahren. Ein Handout macht die Runde; es ist eine Lektion mit der Überschrift „Eine Lesestunde ohne Stoßsäufzer“ von Claudia Crämer. Die Sprachwissenschaftlerin empfielt den Teilnehmenden des Seminars, der Grundschulklasse einen Textauszug des Buches „Die Katze mit der Brille“ von Preußler vorzulesen. In Gruppenarbeit sollen die Kinder dann an die „Lernziele“ herangeführt werden – zur Förderung von Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und zur „Wahrung einer einheitlichen Kulturtradition“. Nachdem die Teilnehmenden des Seminars das Handout begutachtet haben, meldet sich eine aufgebrachte Studentin zu Wort: „Wie kann es sein, dass wir hier – vor dem Hintergrund einer fortschrittlichen Pädagogikausbildung – einen solchen Text lesen?“, fragt die angehende Lehrerin und zitiert eine Textstelle:

… Ich würde nach Russland fliegen, wo in den Wäldern braune Bären hausen. Oder nach Afrika zu den Negern. In Schottland sollen die Männer Röcke tragen, in China sind alle Menschen gelb im Gesicht …

Dozentin will den Text gar nicht kennen
Neben dem N-Wort, das ein kolonialistisches Verhältnis konkret ausdrückt, ist der Text von Preußler in vielerlei Hinsicht problematisch. Allein: Wie wird denn ein schwarzes Kind in der Schule nach dieser Lesestunde der Klasse vorkommen? Ist es noch eines von ihnen oder ist es eher – ähnlich den Bären in den russischen Wäldern – natürgemäß Afrika zuzurechnen? Der Text zielt auf Differenz ab und wirft dabei auch die Frage auf, wie Preußler ein so gestörtes Verhältnis zu Hautfarben entwicklen konnte, warum die Hautfarbe sein Alpha-Kriterium zur Fassung von Menschen ist. Diesen Fragen wird aber in der anschließenden Grundschulübungen der Sprachwissenschaftlerin Crämer nicht nachgegangen, ein kritischer Umgang mit dem Text steht nicht auf dem Lehrplan. Auf die scharfe Kritik der Studentin reagiert die Dozentin der Ludwigs-Maximilian-Universität mit einer Ausrede. Sie habe das Handout (das sie gerade verteilt hat) nicht selbst zusammengestellt und auch gar nicht durchgelesen.

Lernziel erreicht
Dass Preußlers Bücher in Deutschland so beliebt waren und sind, ist symptomatisch. Der ehemalige Wehrmachtsoffizier aus dem tschechischen Liberec (ehemals Reichenberg) kam nach seiner Teilnahme am Vernichtungskrieg nach Oberbayern und sammelte sich mit vielen anderen Sudetendeutschen in Rosenheim. Dort verfasste er unter anderem die bekannten Kinderbücher „Räuber Hotzenplotz“, „Krabat“ und „Die kleine Hexe“. Die meisten seiner Texte beziehen sich indirekt auf seine alte Heimat (z.B. war Hotzenplotz der deutsche Name einer Stadt der heutigen Tschechischen Republik) – weshalb Preußler auch 1979 von der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ mit dem „Sudetendeutschen Kulturpreis“ ausgezeichnet wurde. Diese Ehre wird in der Regel jenen zu Teil, die sich durch hartnäckige Rückwärtsgewandtheit verdient gemacht haben. An seinen Büchern dürften Rassistinnen und Rassisten wenig auszusetzen haben. Oft genug wird das Schwarze dem guten Weißen als Negativ-Folie entgegensetzt. Im seinem Buch „Das kleine Gespenst“, heißt es beispielsweise:

Ich [Anm.: das ehemals weiße Gespenst] bin ja ganz schwarz geworden! Von oben bis unten schwarz! Das einzige weiße an mir sind die Augen. Sie leuchten so grell, daß es richtig zum Fürchten ist. Ich bekomme gleich vor mir selber Angst! Das Sonnenlicht hat mich wahrscheinlich schwarz gemacht. Das hätte ich vorher wissen sollen! Dann wäre ich hübsch in meiner Truhe geblieben und hätte mich keinen Zentimeter hinaus gerührt. Schrecklich, mir vorzustellen, daß ich mein ganzes weiteres Leben als schwarzes Scheusal verbringen soll!

Immerhin: Zur „Wahrhung einer einheitlichen Kulturtradition“ taugen Preußlers Werke ohne Frage.

Selbst ein Bild machen:
Handout vom 27.09.2010, Deutsch-Didaktik, Lehramt Grundschule LMU-München, Seite 3 und 4