Tag-Archiv für 'lmu'

LMU-Dozent für Schulpädagogik: „Etablierte Juden reagieren bei uns immer in Panik“

In einer Sendung von Radio Lora darf Christoph Steinbrink, Lehrbeauftragter der LMU für Schulpädagogik, über den jüdischen Staat, jüdische Gemeinden, die „zionistische Lobby“ und „nicht-jüdische Israelfreunde“ vom Leder ziehen. Außerdem wirbt der ehemalige Gymnasiallehrer für die Israelboykott-Kampagne (BDS). Ein Lehrstück über antizionistischen Antisemitismus in knapp 50 Minuten.

Israelbezogener Antisemitismus in seiner stumpfen, leicht erkennbaren Form.

Christoph Steinbrink ist kein unbeschriebenes Blatt. Er war einst Mitorganisator und Frontman des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“. Bei einer Veranstaltung mit dem Titel „Von der Last der Deutschen mit dem Staate Israel“ (2002) zog er dermaßen vom Leder, dass die Münchner IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch anschließend prüfen lassen wollte, ob der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt sei.

Als ehemaliger Leiter der „Arbeitsstelle Eine Welt“ am Pädagogischen Institut der Landeshauptstadt München musste Steinbrink 2009 seinen vielleicht bedeutendsten Rückschlag hinnehmen. Die DIG München verhinderte mit ihrer Intervention den Vortrag des umstrittenen Historikers Ilan Pappe am Pädagogischen Institut, den Steinbrink dort gerne hätte platzieren wollen. Das Schulreferat unterband den Vortrag in den Räumlichkeiten des Instituts. „Schande über München!“, kommentierte Steinbrink anschließend.

Ab 2011 wurde es etwas stiller um den ehemaligen Gymnasiallehrer für Englisch, Französisch und Ethik. Er schien seiner „Ein-Welt-Gruppe“ am Willi-Graf-Gymnasium sowie seiner Tätigkeit als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Schulpädagogik der LMU München nachzugehen.

Vor etwa drei Wochen aber sendete Radio Lora dann einen als Interview getarnten etwa 50-minütigen Vortrag Steinbrinks (online) zum Stadtratsantrag „Gegen jeden Antisemitismus! – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung“. CSU und SPD wollen BDS-nahen Gruppen städtische Räumlichkeiten entziehen – das hat Steinbrink offenbar aufgebracht.

Zeit der öffentlichen Zurückhaltung vorbei
Von „grober Unrichtigkeit geprägt“ sei dieser Antrag, ein “Pamphlet“, Zeichen eines „Rückfalls in ein autoritäres Verständnis von Kommunalpolitik“, wettert Steinbrink gegenüber dem alternativen Radiosender. „Der Hut“ gehe ihm hoch, wenn er darin von einer „antisemitischen BDS-Kampagne“ lesen müsse, die seines Erachtens nicht antisemitisch sei. Das eigentliche Ziel der Antragsteller sei es, dass Vertretern von Menschen- und Völkerrechten ein „Maulkorb umgelegt“ werde, so Steinbrink.

„Es ist doch ein Unding, dass in unserem Land Nazis jederzeit im öffentlichen Raum Hassparolen grölen dürfen, gar den Hitlergruß zeigen [… aber] Es darf nicht darüber gesprochen werden, über die erschreckende Barbarisierung israelischer Politik und politischer Strategien dagegen.“

In dieser Sendung wolle Steinbrink nun darüber sprechen, wie „wir gerade auch als Deutsche“ eine kritische Position zur „Internationales Völkerrecht missachtenden 50-jährigen brutalen Politik der Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch den Staat Israel beziehen“ können.

Dazu arbeitet er sich einleitend am Begriff des israelbezogenen Antisemitismus ab, der laut Steinbrink „ein Kampfbegriff und kein wissenschaftlicher Begriff“ sei, mit dem man nicht „operieren“ könne. Nach den Maßstäben des Begriffes gehöre er (Steinbrink) nämlich „eigentlich auch dazu“.

Wie Deutsche den Antisemitismus-Vorwurf abwehren sollen
„Was machen wir Deutschen, wenn wir den Antisemitismus-Vorwurf an den Kopf kriegen?“, fragt Steinbrink und bleibt in der Sendung eine offen ausgesprochene Antwort schuldig. Seine Antwort vermittelt er vielmehr subtil durch die Gestaltung seines Vortrages. Steinbrink hangelt sich von einem Zitat einer Jüdin oder eines Juden zum nächsten, legt die häufig krassen, gegen jüdische Interessen gerichtete Statements nebeneinander und verdichtet sie zu einem antijüdischen Gesamtkunstwerk.

Die Israelis und Juden „können keinerlei Recht beanspruchen, als Opfer von gestern Täter von heute zu sein“, zitiert er Felicia Langer. Die Deutschen seien „gerade wegen ihrer Vergangenheit verpflichtet, sich einzumischen.“ Juden hätten „kein Recht die Schuldgefühle der Deutschen zu funktionalisieren“. Den auf diese Weise behandelten Deutschen stünde ein Verbund entgegen, sagt Steinbrink mit dem Verweis auf ein Zitat des Publizisten Moshe Zuckermann.

Steinbrink: „In Deutschland gibt es zudem die Verbandelung von nicht-jüdischen Israelfreunden, [Zuckermann] nennt hier die Antideutschen, weil es die lautstärkste Gruppe ist, jüdischen Amtsträgern und Mitgliedern jüdischer Gemeinden mit der staatsoffiziellen deutschen Israelpolitik und eine sich auf Juden-Zionismus-Israel selbst zensierenden Medienwelt. Und das muss aufgebrochen werden.“

„Paradoxerweise“ sei der Zionismus „schon immer am Fortbestand des Antisemitismus in der Welt interessiert“ gewesen, zitiert Steinbrink Zuckermann weiter, fügt dem aber hinzu: „Das ist jetzt ein jüdischer Standpunkt, den würde ich mir als Deutscher so nicht zutrauen, weil ich den Hintergrund nicht habe.“

Koscher-Stempel von Zuckermann, Langer, Sommerfeld, Verleger, Pappe und Co.
Steinbrinks Strategie ist deutlich erkennbar: Wenn es darum geht, sich eine antijüdische Diffamierung zu leisten, wie beispielsweise die, dass Israelis und Juden ein Recht beanspruchen wollten, „als Opfer von gestern Täter von heute zu sein“ oder der Zionismus den „Fortbestand des Antisemitismus“ begrüße, wird ein Zitat einer Jüdin oder eines Juden aus der Mottenkiste gezogen.

An einer Stelle der Sendung kommt sowohl Steinbrinks Strategie als auch die Haltung des Interviewers Heinz Schulze (Nord-Süd-Forum) deutlich zum Ausdruck:

Steinbrink: „Jetzt kommt das Fatale, wenn wir jüdische Wissenschaftler einladen […], regierten die etablierten Juden bei uns immer in Panik, weil dann müssen sie begründen. Sie können ja nicht Moshe Zuckermann einen Antisemiten nennen. Das ist absurd. Wird aber gemacht.“

Heinz Schulze: „Man kann es tun. Aber da müssten bei einigen die Ohren dann auch klingeln.“

Warum Äußerungen von Jüdinnen und Juden nicht antisemitisch sein können, so wie Äußerungen von Frauen frauenfeindlich, von Homosexuellen homophob und von Nichtweißen rassistisch, bleibt wohl das Geheimnis der beiden.

Steinbrink nennt BDS-Kampagne „phantastisch“
Steinbrink hatte die 2010 gefasste „Stuttgarter Erklärung“ mit dem Zusatz „Salam Shalom“ unterschrieben, die zur Unterstützung der BDS-Kampagne aufruft. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass der Münchner Lehrbeauftragte in der behandelten Radiosendung ebenfalls als glühender Verfechter des Israel-Boykotts auftritt.

Die BDS-Kampagne sei laut Steinbrink „eine zivilrechtliche Kampfform, ein legitimier Ausdruck eines zivilen Widerstandes gegen ein Unrechtssystem“ und das sei „phantastisch“, schwärmt er bei Radio Lora. Da gehe es „Israel an den Kragen“, erklärt er. Zur Kampagnen-Begründung zitiert Steinbrink eine BDS-Mitbegründerin mit den Worten: „Die Straßen der Welt sind der Ort, an dem ein wehrloses unterdrücktes indigenes Volk eine Chance auf Gerechtigkeit hat.“

Nebenbei schimpft Steinbrink allerhand. Über die „zionistische Lobby hier“ und „die Israelis“, die „sehr viel Geld reinstecken“, um „Presse und Leute einzukaufen“. Über die Münchner Stadtverwaltung, die bei Veranstaltungen wie den „Palästina-Tagen“ bei den Verwaltenden der Räumlichkeiten anrufe und klage: „Um Gottes Willen, wir haben einen Anruf von der IKG erhalten“, parodiert Steinbrink. Es würde daraufhin „systematisch ein Maulkorb“ verhängt. Er schimpft über den Grünen Stadtrat Dominik Krause, der sich „anheischig“ mache, einem „jüdischen Menschen das Etikett antisemitisch anzuhängen“ sowie über „Extreme“, zu denen er neben den Antideutschen auch die Grüne Jugend München zähle.

Umso weniger jüdisch, umso besser
Lobende Worte findet Steinbrink für seine eigene Musikauswahl im Radio-Beitrag. Der Musiker „Gilad Atzmon ist in der jüdischen Szene bekannt, das ist ein radikaler Antizionist, der sich ziemlich losgelöst hat a) vom Glauben und b) von Israel“, schwärmt Steinbrink. Wenn sich also ein Jude möglichst weit vom jüdischen Glauben und vom jüdischen Staat distanziert – also möglichst wenig jüdisch ist, scheint Steinbrink das Jüdische noch am erträglichsten. Wenn „etablierte Juden“ durch die Veranstaltungen von Steinbrink und Konsorten „in Panik“ geraten, wenn ein „indigenes Volk“ auf der Straße Israel „an den Kragen“ geht und das solidarische und projüdische Miteinander gegen diesen Furor „aufgebrochen“ wird, dann ist das für Steinbrink hingegen ein leicht erträglicher Gedanke.

Im Übrigen:
Save the Date: Am 16. November kommt David Hirsh zur Buchvorstellung „Contemporary Left Antisemitism“ nach München.

LMU-Didaktik 2010: „Nach Afrika zu den Negern“

Die Ludwigs-Maximilian-Universität (LMU) rühmt sich für ihre moderne Forschung auf dem Feld der Didaktik. Deshalb staunten die Studentinnen und Studenten für Grundschullehramt nicht schlecht, als ihnen am 27.09.2010 ein rassistischer Text von Otfried Preußler vorgelegt wurde.


Rassistische Stereotype in Nachkriegskinderbüchern: Räuber Hotzenplotz

Die praxisbegleitende Seminarstunde für Didaktik an der LMU ist gut besucht. Wie eine Lesestunde mit Kindern vorzubreiten ist, sollen die angehenden Grundschullehrerinnen und -Lehrer heute erfahren. Ein Handout macht die Runde; es ist eine Lektion mit der Überschrift „Eine Lesestunde ohne Stoßsäufzer“ von Claudia Crämer. Die Sprachwissenschaftlerin empfielt den Teilnehmenden des Seminars, der Grundschulklasse einen Textauszug des Buches „Die Katze mit der Brille“ von Preußler vorzulesen. In Gruppenarbeit sollen die Kinder dann an die „Lernziele“ herangeführt werden – zur Förderung von Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und zur „Wahrung einer einheitlichen Kulturtradition“. Nachdem die Teilnehmenden des Seminars das Handout begutachtet haben, meldet sich eine aufgebrachte Studentin zu Wort: „Wie kann es sein, dass wir hier – vor dem Hintergrund einer fortschrittlichen Pädagogikausbildung – einen solchen Text lesen?“, fragt die angehende Lehrerin und zitiert eine Textstelle:

… Ich würde nach Russland fliegen, wo in den Wäldern braune Bären hausen. Oder nach Afrika zu den Negern. In Schottland sollen die Männer Röcke tragen, in China sind alle Menschen gelb im Gesicht …

Dozentin will den Text gar nicht kennen
Neben dem N-Wort, das ein kolonialistisches Verhältnis konkret ausdrückt, ist der Text von Preußler in vielerlei Hinsicht problematisch. Allein: Wie wird denn ein schwarzes Kind in der Schule nach dieser Lesestunde der Klasse vorkommen? Ist es noch eines von ihnen oder ist es eher – ähnlich den Bären in den russischen Wäldern – natürgemäß Afrika zuzurechnen? Der Text zielt auf Differenz ab und wirft dabei auch die Frage auf, wie Preußler ein so gestörtes Verhältnis zu Hautfarben entwicklen konnte, warum die Hautfarbe sein Alpha-Kriterium zur Fassung von Menschen ist. Diesen Fragen wird aber in der anschließenden Grundschulübungen der Sprachwissenschaftlerin Crämer nicht nachgegangen, ein kritischer Umgang mit dem Text steht nicht auf dem Lehrplan. Auf die scharfe Kritik der Studentin reagiert die Dozentin der Ludwigs-Maximilian-Universität mit einer Ausrede. Sie habe das Handout (das sie gerade verteilt hat) nicht selbst zusammengestellt und auch gar nicht durchgelesen.

Lernziel erreicht
Dass Preußlers Bücher in Deutschland so beliebt waren und sind, ist symptomatisch. Der ehemalige Wehrmachtsoffizier aus dem tschechischen Liberec (ehemals Reichenberg) kam nach seiner Teilnahme am Vernichtungskrieg nach Oberbayern und sammelte sich mit vielen anderen Sudetendeutschen in Rosenheim. Dort verfasste er unter anderem die bekannten Kinderbücher „Räuber Hotzenplotz“, „Krabat“ und „Die kleine Hexe“. Die meisten seiner Texte beziehen sich indirekt auf seine alte Heimat (z.B. war Hotzenplotz der deutsche Name einer Stadt der heutigen Tschechischen Republik) – weshalb Preußler auch 1979 von der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ mit dem „Sudetendeutschen Kulturpreis“ ausgezeichnet wurde. Diese Ehre wird in der Regel jenen zu Teil, die sich durch hartnäckige Rückwärtsgewandtheit verdient gemacht haben. An seinen Büchern dürften Rassistinnen und Rassisten wenig auszusetzen haben. Oft genug wird das Schwarze dem guten Weißen als Negativ-Folie entgegensetzt. Im seinem Buch „Das kleine Gespenst“, heißt es beispielsweise:

Ich [Anm.: das ehemals weiße Gespenst] bin ja ganz schwarz geworden! Von oben bis unten schwarz! Das einzige weiße an mir sind die Augen. Sie leuchten so grell, daß es richtig zum Fürchten ist. Ich bekomme gleich vor mir selber Angst! Das Sonnenlicht hat mich wahrscheinlich schwarz gemacht. Das hätte ich vorher wissen sollen! Dann wäre ich hübsch in meiner Truhe geblieben und hätte mich keinen Zentimeter hinaus gerührt. Schrecklich, mir vorzustellen, daß ich mein ganzes weiteres Leben als schwarzes Scheusal verbringen soll!

Immerhin: Zur „Wahrhung einer einheitlichen Kulturtradition“ taugen Preußlers Werke ohne Frage.

Selbst ein Bild machen:
Handout vom 27.09.2010, Deutsch-Didaktik, Lehramt Grundschule LMU-München, Seite 3 und 4