Tag-Archiv für 'mülltrennung'

Entscheidung im Münchner Toilettenstreit

Im Münchner Stadtrat tobt seit Jahren eine laute Debatte um die öffentlichen Toiletten. Nach der gescheiterten Privatisierung sollen nun 34 von 70 Klohäuschen geschlossen werden. Die CSU konnte sich mit ihrer Kampagne für deren Erhalt nicht durchsetzen, die Linkspartei mit ihrer Forderung nach mehr Toiletten auch nicht. Gewinner sind die Grünen. Ein Nachruf auf 34 stille Örtchen.

München ist eine schier unerträglich saubere Stadt. Das fällt Angkömmlingen stets ins Auge. Eine Erklärung dafür ist mit Sicherheit nicht ein Überangebot an öffentlichen Mülleimern. In kaum einer anderen europäischen Stadt lässt die Begegnung mit einem Mülleinmer so lange auf sich warten. Doch die Einheimischen tragen ihren Müll geduldig bis zu 20 Minuten mit sich herum, anstatt sich zusammenzureißen, um das Tütchen demonstrativ dort fallenzulassen, wo in jeder normalen Stadt ein Mülleinmer stünde. Nach der Verdrängung der Mülleinmer aus dem Straßenbild kamen die öffentlichen Toiletten auf die Agenda der grünen Stadträte. In den 90ern scheiterten erste Versuche, einzelne Klohäuschen zu privatisieren. Die Diskussion gewann an Schärfe mit einem Vorstoß von Gabriele Friderich, der eine Privatisierung nach dem „Hannover Modell“ vorschwebte. Der Auftrag zur Privatisierung wurde daraufhin europaweit ausgeschrieben. Doch die Stadt konnte sich mit keinem der zwei Bieter einigen. Auch intervenierte das Planungsreferat, nach dessen Dafürhalten die mit dem „Hannover Modell“ verbundenen Werbeanlagen „den gegenwärtigen Bemühungen, den Werbewildwuchs einzudämmen“ entgegenstünden. Der grüne Traum von der privaten Verwertung des bürgerlichen Stuhlgangs ging nicht in Erfüllung.

Von der „Netten Toilette“ bis zur „WC-Kiosk-Kombination“
Der Stadtrat beschloss darauf ein „Strategiekonzept“ vorzulegen und beauftrage ein „Projektteam“, das die WC-Anlagen nochmals „systematisch“ besichtigte. Neben der Häufigkeit der Nutzung wurden Hygiene, Reinigung, Reparaturstau und Geruchsbelastung „erfasst“. Die Toilette am Marienplatz verzeichnet amtliche 3.000 Nutzungen pro Tag und gehört deshalb dem Cluster 1 an, reiht sich sozusagen ein unter den Stars der öffentlichen Toiletten. Das „Projektteam“ fand heraus, dass Cluster 1 bis Cluster 3 insgesamt knapp achzig Prozent des städtischen Bedarfs decken. Das abgeschlagene Cluster4 – knapp 50 Prozent der Anlagen – soll nach Ansicht des Teams deshalb geschlossen werden. Das Strategiepapier listet ersatzweise „Kompensationsmöglichkeiten“ auf, zuförderst das u.a. von einer Werbeagentur entwickelte Konzept der „Netten Toilette“. Ein Logo aus zwei Nullen soll an den Eingängen von Gastronomiebetrieben den Bedürftigen zukünftig den Weg weisen. Auch das „Hannover Modell“, also werbefinanzierte Automatentoiletten, steht wieder hoch im Kurs. Und last but not least wären auch noch vielversprechende „WC-Kiosk-Kombinationen“ möglich.

Die „Grüne Marktwirtschaft“ auf dem Vormarsch
Der Antrag zum Strategiekonzept, eingebracht von der ehemaligen Vorsitzenden der Jungsozialisten in München, Christine Strobl, und dem grünen Urgestein, Gabriele Friderich, wurde diese Woche von der Mehrheit im Stadtrat durchgeboxt. CSU und Linkspartei stimmten in seltener Verbundenheit dagegen. Zuvor startete die CSU eine Kampagne auf ihrer Website, mit kindischem Exkremente-Logo. Die „wirklichen menschlichen Bedürfnisse“ negiere die Stadt, so der CSU-Fraktionsvize Podiuk. Außerdem sei nach der Schließung „Wildbieseln“ zu befürchten. Tatsächlich ist die Schließung der 34 WC-Anlagen nur schwer verständlich. Die 34 Anlagen kosten die Stadt laut Untersuchungsbericht jährlich lächerliche 431.000 Euro und taten dafür zwei Millionen mal im Jahr ihre Dienste. Dass sich die zweitreichste Stadt in Deutschland diesen Aufwand nicht mehr leisten könne, ist in der Sache nicht nachvollziehbar, zumal die Stadt gerade leichterhand vier Millonen Euro für ihre erfolglose Olympiabewerbung verbrannt hat. Der Grund ist vielmehr ein ideologischer. Seit Jahren forciert die grüne Stadtratsfraktion in Anlehnung an das Strategiepapier „Grüne Marktwirtschaft“ die Absetzung der kommunalen Selbstverwaltung sowie die Verpreisung von Kollektivgütern. Friderich wird ihren Erfolg jedoch nicht mehr auskosten können. Die marktliberale Grüne beginnt ab dem 1. September im Dienste der Stadt Bremen.

Weiterführendes:
Das „Strategiekonzept“

Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben

Um Menschen dazu zu bringen, Gegenständen ohne persönlichen Gebrauchswert – und ohne Gegenleistung – eine hohe Aufmerksamkeit abzuringen, bedarf es einer spezifischen Dressur. Ein ausschweifender Kommentar am Thema vorbei. Von Caspar Schmidt.


Hitlerjugend beim Müll eintreiben, 1938

Eine Menschensortieranleitung wie das Buch „Deutschland schafft sich ab“ führte hierzulande lange die Bestsellerlisten an. Türkische Milieus sind schlecht für das Wohl der Nation, will Thilo Sarrazin herausgefunden haben. Um mit Karl Kraus zu sprechen: „Das ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist“. Denn der Versuch der medialen Sarrazin-Opposition, Migration als eine Art nationale Bereicherung zu verkaufen, bedeutet immer noch, Menschen danach zu beurteilen, ob sie der Nation dienlich sind und nicht etwa dem Menschen selbst. Einmal in diesem Diskursrahmen gefangen, ist ein mieser Auftritt vorprogrammiert.

Das Wohl der Nation als Paradigma
Während die sinkende Geburtenrate bitterlich beklagt wird, ist es den Behörden andererseits ordentlich viel Mühe wert, Flüchtlinge von der Gesellschaft fernzuhalten, in Lagern zu kasernieren und ins Ausland abzuschieben. Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.

Was die genannten Prioritäten ideologisch verleimt, ist die Sorge um die Ordnung in der Saftheimat und die allgemeine Angst vor Veränderung. Veränderung wird als das Unkraut der modernen Welt betrachtet, das solange zu jäten ist, bis das Rad wieder schön stillsteht. Tausende demonstrieren lieber für den Erhalt ihres bescheidenen Arbeitsplatzes, obwohl sie sich jeden Morgen zur Arbeit zwingen müssen und vom Schichtbeginn an die Minuten zählen, anstatt ihr Recht auf Lust, Luxus und Müßiggang einzufordern. Der Wunsch nach sozialer Regression wird nur vom Wunsch nach Ordnung übertroffen. Die Menschen, die Orte, die Zeit, die Einkommen, der Verkehr, die Moral, alles soll wohl sortiert sein – und schließlich auch der Müll.

Die Genese der Mülltrennung in Deutschland
Der Ordnungswahn, das Festhalten am Alten und die Bereitschaft, den Menschen nicht als des Menschen höchstes Wesen anzusehen, sondern ihm die Nation oder Bäume voranzustellen, sind Talente, die eine Mülltrennungsneurose gehörig fördern. Daher wäre es denkbar, dass die Mülltrennung eine Errungenschaft der Grünen ist, da sie die genannten Talente perfekt zu kanonisieren wissen. Dem ist aber nicht so. Die Mülltrennung ist eine Hervorbringung der kriegswirtschaftlichen Ökonomien. Schon im Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland die Trennung von Küchenabfällen zur Pflicht – allerdings eher aus hygienischen Gründen. Insbesondere die Nazis forcierten dann aber eine wirtschaftliche Autarkie der Nation und verpflichteten 1936 die deutschen Haushalte mit einem scharfen Gesetz zur Mülltrennung. Rohstoffe, die im Gegensatz zu „Heimstoffen“, nicht in Deutschland gewonnen werden konnten, sollten entweder substituiert werden oder in einer Kreislaufwirtschaft zirkulieren.

Hierfür wurde 1937 die Dienststelle des „Reichskommissars für Altmaterialverwertung“ eingerichtet. 1939 brachte es Hermann Göring mit einem Appell an die Bevölkerung auf den Punkt: „Es stimmt, wir haben wenig Rohstoffe, aber wir haben sie bei uns“. Im selben Jahr wurden die Gesetze zur häuslichen Mülltrennung abermals verschärft. Die „Altmaterialverwertung“ galt als „kriegswichtige Aufgabe“ und wurde propagandistisch stark gefördert. An „Schulsammelstellen“ mussten die Schülerinnen und Schüler dem „Altstofflehrer“ die häuslichen Abfälle übergeben. Die „Deutsche Arbeitsfront“ las die Materialien im Kleingewerbe auf, und die „Hitlerjugend“ wurde von Haus zu Haus geschickt, um jenes sicherzustellen, was die „Hausverantwortlichen“ nicht schon den Behörden übergeben hatten (siehe Bild). Es wurden sogar Apfelkerne gesammelt, um daraus Öl zu pressen.

Der Öko-Patriotismus des „Recycling-Weltmeisters“
Der Aufstieg Deutschlands nach 1945 zum „Recycling-Weltmeister“ ist nicht ohne diese Vorgeschichte erklärbar. Umso kritischer kann es gesehen werden, wenn das Relikt der NS-Kriegswirtschaft heute als patriotische Qualität gegen andere Nationen gewendet wird. Gerne möchte man Vorwürfe ans Ausland richten, das es mit der Mülltrennung weit weniger sorgfältig hält. Doch faktisch rangiert Deutschland im engen Kreis der stärksten Umweltverschmutzer im weltweiten Vergleich mit ganz oben auf der Liste. Umweltschutz hat nämlich mit Mülltrennung verhältnismäßig wenig zu tun, sondern ist von einer fundierten Kritik der politischen Ökonomie abhängig. Zumal der Abstecher mit dem Auto zur Flaschensammelstelle sogar ein ökologischer Reinfall ist. Ebenso negativ schlägt es sich in der Umweltbilanz nieder, wenn Plastikbecher oder Alufolie mit Wasser ausgespült werden. Umweltschonender als das wäre es, alles in einer Tonne zu entsorgen, und die Trennung den Profis der Entsorgungswirtschaft zu überlassen.

Mit der Entfuzzisierung beginnen
66 Jahre nach Kriegsende ist es an der Zeit, den deutschen Haushalt von seinem Kriegskurs abzubringen. Die ökonomischen und ökologischen Nachteile wären hinnehmbar, in Anbetracht der Chancen. Ein Bewusstsein, das sich gegen die eigene Scholle richtet, gegen kulturelle Isolation und für eine kosmopolitische Welt eintritt, sich gegen die Arbeit im Kapitalismus wendet und das universelle Recht auf Lust, Luxus und Müßiggang einfordert, fängt bereits beim Mülleimer an.

*Erschienen im aktuellen Hinterland-MagazinSortieren“, mit freundlicher Genehmigung des Autors, gekürzte Fassung.

Weitere Themen im Heft u.a.:

Komplexe Fragen der Freiwilligkeit
über die Menschenhandeldebatte und andere Mechanismen der Ausgrenzung
Von Susanne Kimm und Petra Sußner

Sortenreine Kulturen
über den „Ethnopluralismus“ der „Neuen Rechten“
Von Till Schmidt

Mädchen haben eine Klitoris, Buben einen Penis
über die Zweifelhaftigkeit der (zwei-)geschlechtlichen Einordnung
Von Bettina Enzenhofer

Sortieren und vergrämen
Zum Unterschied zwischen Normal- und Problembären
Von Stanley Schmidt

Reisende der Angst
Der scheele Blick des Westens auf Afrika.Teil II
Von Friedrich C.Burschel

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