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Nina Hagen und die deutschen Denker II

Mit Nina Hagen geht es schon seit längerem bergab. Jetzt ist die einstige Punkrock-Queen rechts unten angekommen: im geistigen Niedermoor der bayerischen Verschwörungsideologen.

Anfang des Jahres sprang Nina Hagen für ihren Bekannten Wolfgang Eggert in die Bresche. Nachdem der Chefredakteur des Verschwörungsportals „Dorian Grey“ Stadtgespräch war, weil sein Portal und ein angesagter Münchner Clubabend eine Marketing-Kooperation pflegten, hinterließ Hagen auf Eggerts Facebook-Pinnwand einen einfühlsamen Kommentar: Es mache sie traurig, wenn „mutige deutsche Selbständig-Denker“ wie Eggert beschimpft und verunglimpft werden. Auf der Schlamassel Muc-Facebook-Seite platzierten Hagen und Eggert giftige Kommentare, weshalb diese gelöscht und beide Personen ausgesperrt wurden. Das leistete sich Hagen mit ihrem privaten Account.

Bislang verzichtete die Musikerin darauf, ihr Engagement und ihre Artikel für das randständige Online-Portal „Dorian Grey“ an die große Glocke zu hängen. Doch am 03. August bewarb Hagen die verschwörungstheoretische Webseite über ihren offiziellen Facebook-Account, den über 140.000 Menschen verfolgen. Es handelte sich dabei um einen Aufruf an „alle Autoren und Leute mit Spass am Schreiben“, bei der „13. Wochenzeitung Deutschlands auf dem Markt“ mitzuwirken, um „die Welt zu erobern“. „Dorian Grey“ soll nämlich ab Anfang September auch als Printausgabe mit einer Auflage von 10.000 Stück erscheinen, im Straßenverkauf und an Kiosken, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Prompt meldeten sich einige Journalisten und boten ihre Mithilfe an. Hagen ergänzte anerkennend, dass auf der Plattform „Dorian Grey“ demnächst ihr neues Buch beworben werde.

Geplante Seuchen und geheime Waffen
Der Chefredakteur von „Dorian Grey“, Wolfgang Eggert, ist verschiedenen antisemitischen Theorien anhängig. In seinen Büchern, die unter anderem im Münchner Chronos Medien Vertrieb erscheinen, dichtet er diversen jüdischen Organisationen die Schuld am Leid der Welt an. In seinem Buch „Die geplanten Seuchen“ wird u.a. dem israelischen Geheimdienst Mossad die Erfindung der Immunschwäche-Krankheit AIDS angelastet; in der Buchreihe „Israels Geheimvatikan“ beschreibt Eggert, wie Endzeitrabbis den dritten Weltkrieg einzufädeln gedächten. Darüber hinaus gäbe es eine geheime Forschung, namentlich ein jüdisches „Genwaffenprojekt“ zur Entwicklung einer Waffe, die alle Menschen töte, außer jene mit einem „jüdischen Gen“. Und Eggert deutete in einem Interview mit dem verschwörungtheoretischen Sender „Infokrieg“ dieses Jahres nebulös an, dass es jüdische Kreise selbst seien, die seit Jahrhunderten „furchtbare Anschläge“ auf Jüdinnen und Juden veranstalteten, um zu verhindern, dass diese sich „mit den Umgebungsvölkern verbrüdern“.

Sein Online-Portal „Dorian Grey“, das bislang 35 Auflagen der Wochenzeitschrift erbrochen hat, richtet sich an ein junges Publikum. Darin mischt die Redaktion Meldungen von seriösen Nachrichtenagenturen mit Beiträgen von Blogs aus der sogenannten „Trutherszene“ und modischem Schick – „hübschen Jungs und hübschen Mädchen“, so die Macher. Die Leidenschaft des Chefredakteurs Eggert bildet sich bemerkbar in der Onlinezeitschrift ab. Es erschienen bislang zahlreiche antiisraelische Artikel, in einem Beitrag mit dem Titel „Bankrun 2012″ in der aktuellen „Dorian Grey“ wird positiv Bezug auf Jan van Helsing aka Jan Udo Holey genommen, dessen Bücher zeitweise wegen antisemitischer Volksverhetzung der Beschlagnahme unterlagen. Aufmacher der aktuellen Ausgabe ist das antisemitische Attentat auf die israelischen Sportler bei der Olympiade 1972 und dessen angeblich geheimen Hintergründe.

Nina im rechten Sumpf
Felix Vogl, der zweite Chefredakteur neben Eggert, äußerte bei der Einführung von „Dorian Grey“ vor einigen Monaten, es gehe ihm bei „Dorian Grey“ darum, kulturelle Sphären auseinander zu halten, damit man „nicht überall nur das Selbe sieht“. Er würde gerne „nach Paris fahren können“ und dort „keinen McDonalds antreffen“ sondern „einen Franzosen sehen“, ein „Baguette essen können“, so Vogl. An diese ethnopluralistische Sicht der Neuen Rechten knüpft der Beitrag „Propaganda der Medien“ von Andreas Popp in einer der letzten Ausgaben von „Dorian Grey“ nahtlos an. Darin kolportiert Popp – der btw. das „Deutsche Reich“ bis heute für „annektiert“ hält und deshalb eine ominöse „kommissarische Reichsregierung“ unterstützt – die Auffassung, dass „Globalisierung und Migration“ zwar gut fürs „Big Business“ seien, der Menschen „Identitäten, ihre Kulturen“ dabei aber auf der Strecke blieben.

But Bavaria and Israel …

Der Projekttag Israel geht ohne außergewöhnliche Störfeuer über die Bühne. Eldad Beck erzählt Geschichten und Benny Morris brilliert auf dem Podium. Außerdem hat Israel mit Bayern einen starken Verbündeten – meint Werner Karg, von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.


Podiumsdiskussion: Ilan Ben Dov, Benny Morris und Sandra Witte lauschen den nicht immer blitzgescheiten Fragen

Zwischenzeitlich lockt der Projekttag Israel bis zu hundert Personen in den ersten Stock der Münchner Universität – zumindest annähernd, als das israelische Buffet eröffnet wird. Deutlich weniger Gäste finden sich in den frühen Morgenstunden zum Vortrag „Ein israelischer Journalist in No-Go-Areas“ von Eldad Beck ein. Der israelisch-österreichische Gefahrensucher sieht ein bisschen so aus, als hätte er sich die Augen geschminkt. Es könnte aber auch an der vergangenen Nacht liegen. Denn Beck trinkt gerne mal ein Gläschen Wein. Und das nicht nur in Bayern, sondern auch in Kuwait, im Iran oder in Syrien, wo Weintrinken offiziell verboten ist. Der libanesische Wein ist ausgesprochen gut, empfiehlt Beck. So wie der Wein in Israel, fügt er schnell hinzu. Wohingegen der iranische Shiraz den passionierten Weinkenner nicht überzeugten konnte.

Beck weiß bitterböse Geschichten humorvoll zu erzählen. Bitterböse, denn in die besagten Länder dürfte der Journalist eigentlich nicht reisen. Die Grenzen sind für Israelis dicht und der einheimischen Bevölkerung ist auch der Kontakt mit Israelis verboten. Im Besonderen, wenn die Israelis jüdisch sind; bei palästinensischen Deligationen hält man das anders. Beck erzählt einige Anekdoten vom Knast in Syrien, von Geheimdienstüberwachung und wie er mit einem Artikel über ein rauschendes Fest, erschienen in der israelischen Zeitung Yediot Ahronot, einen Staatseklat in Kuwait erzeugte. Wochenlang zirkulierte das Thema in arabischen Medien: Wie gelang der israelische „Infiltrator“ nach Kuwait? Beck sieht seine Reisen als einen Beitrag für den Frieden: Dass die Menschen in vielen arabischen Ländern keine Israelis kennen lernen können und sich ihr Israelbild vornehmlich aus Propagandaorganen wie Aljazeera speist, hält Beck für ein zentrales Problem.

Die Performance der „Israelkritiker“
Zur Podiumsdiskussion mit u.a. Morris ist der Raum besser gefüllt. Der Historiker hält derzeit an der Münchner Universität eine Vorlesung (Dienstag 10:00 Uhr). Ein ergrauter Herr aus dem Publikum erweist sich als besonders diskutierfreudig. Seine Stimme überschlägt sich leicht, auf der Stirn glitzern Schweißperlen. Nachdem er die gleiche Frage immer wieder stellt, weist ihn die Moderatorin Sandra Witte darauf hin, dass die Frage nun hinreichend beantwortet sei. Gleich zu Anfang findet sich ein Kreis von Demonstranten zum Fahnenschwenken in der letzten Reihe ein. Nachdem die erwartete Beachtung ausbleibt, ziehen die Herren wieder ab.


Studentin vor unvorteilhaftem Wandschmuck

Morris zeigt sich aufgrund der Gemengelage in der Region wenig optimistisch
Morris schildert mögliche Lösungen für die arabische Flüchtlingsproblematik, routiniert, so als hätte er das Gesagte schon hunderte Male erzählt. Von verpassten Chancen Israels ist die Rede, aber auch von einer notwendigen Veränderung im Bewusstsein der palästinensischen Bevölkerung. „Wenn ein Kleinkind heute in Jenin, dessen Familie dort bereits in dritter oder vierter Generation lebt, immernoch der festen Überzeugung ist, es komme eigentlich aus Jaffa“ ist das ein großes Problem und weit weg von einer Zwei-Staaten-Lösung, sagt Morris.

Ein Gast wirft die Frage auf, wie das Podium denn das deutsche Verhältnis zu Israel einschätze. Es gäbe zwar immer wieder Bekenntnisse ob der tiefen Verbundenheit beider Staaten, aber im Parlament werden einstimmige Beschlüsse gegen Israel gefasst und auch in den bürgerlichen Medien vergehe kein Tag ohne das Erscheinen anti-israelischer Beiträge. Der israelische Botschafter Ben Dov nickt. Karg, von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, ergreift das Wort. Das deutsch-israelische Verhältnis mache auch ihm große Sorgen. „But Bavaria and Israel …“, Israel könne sich immerhin auf Bayern verlassen. Gelächter. Es gab tatsächlich eine Zeit, da war das so. Als Franz Josef Strauß das Verteidigungsministerium leitete und seinen Freund und israelischen Amtskollegen Schimon Perez heimlich mit Waffen versorgte.

Wir sind Herrn Strauß gegenüber verpflichtet; er tat, was wir von ihm verlangten, als er Minister war, und er hat einen lebensnotwendigen Beitrag zu unserer Sicherheit geleistet (Mosche Dajan, Oberbefehlshaber der israelischen Streitkräfte, 1954-1958)

Meschugge, The Unkoscher Jewish Night
Der Tag, besser die Nacht, klingt mit Aviv Netter und seiner Meschuggeparty aus. Die unilounge, die das bei Isrealis und Homosexuellen sehr beliebte Berliner Dancefloor-Spektakel diesmal beherbergt, ist eigentlich ein hässliches Ding. Keller, Neonlicht, Achzigerjahremöbel, klirrender Sound. Mit steigender Bierseligkeit wird das aber zunehmend egal und die Partygesellschaft schüttelt zum Hava-Nagila-Rums-Bums ihr Haupthaar. Vereinzelt ist Hebräisch zu hören. „Morgen reise ich weiter nach Tirol“ erzählt ein israelischer Tourist. Gegen zwölf Uhr stößt eine Gruppe der Münchner Antifa hinzu – zum Mittanzen. Die Beschäftigten der U-Bahn streiken. Ein guter Grund noch zu bleiben.

Weitere Artikel zum Thema: Hagalil

Veranstaltungshinweis: Israeltag an der Universität München

Wer beim Israeltag der Universität München am 23.11.2010 nichts verpassen will, sollte sich den Wecker stellen. Bereits am frühen Morgen werden der Referatsleiter Stephan Fuchs und Ilan Ben Dov von der israelischen Botschaft die Veranstaltung eröffnen. Am Abend ist queer Trumpf. Aviv Netter bringt die „Meschuggeparty“ von Berlin nach München. Benny Morris ist auch da.


Aviv Netter: früher „Jewqueer Nights“, heute „Berlin Meschugge“

Den ersten Vortrag, „Ein israelischer Journalist in No-Go-Areas“, wird der Deutschlandkorrespondent der Tageszeitung Yediot Ahronot, Eldad Beck, halten. Beck machte mit der Aussage Furore, die deutschen Medien gehörten vor Gericht. Er fand auch deutliche Worte zum Tod Jörg Haiders.

Im Laufe des Vormittages spricht Ilan Ben Dov mit den Anwesenden über Israels Verhältnis zu den Vereinten Nationen sowie über die Situation im Fernen Osten. Am Nachmittag ist eine Podiumsdiskussion angesetzt. Der Historiker Benny Morris, der israelische Botschafter Emmanuel Nahshon und Werner Karg, stellvertretender Direktor der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Bayern, diskutieren das Thema: „Israel und Deutschland – Israel und seine Nachbarn“. Benny Morris ist neben seinen viel diskutierten historischen Forschungsarbeiten u.a. durch seine kritische Haltung gegenüber dem Iran bekannt.

Der neu gewählte Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München, Stefan Stautner, wird das Schlusswort sprechen. Nach einer längeren Pause startet am Abend die „Berlin Meschugge“ mit Aviv Netter. Mehr zur Berliner Queerparty ist auf der Facebookseite von Aviv Netter zu erfahren.

Weiterführende Links: Nonstop Meschugge (Jüdische Allgemeine)
Flyer: Projekt Tag Israel – Programmablauf
Nachtrag: Bericht

Veranstaltungshinweis: Rage wieder da

Gegen die rassistische Abschiebepraxis der europäischen Gemeinschaft richtete sich das Rage Against Abschiebung Festival. Sieben Jahre lang fand es statt, doch nach dem achten Jahr war 2007 Schluss. Die Veranstaltung war zu kostspielig geworden und der Veranstalter, der Bayerische Flüchtlingsrat, hatte zuletzt finanzielle Verluste kompensieren müssen. Diesen Samstag meldet sich das „Rage“ zurück. Egotronic machen mit.

„Nach acht aufwendigen Festivals ist jetzt einfach Zeit für einen Schnitt. Vielleicht nur eine Pause, denn zu Grabe möchten wir das Rage eigentlich nicht tragen. Abgeschoben wird nach wie vor. Das neue Rage wird sicher anders, vielleicht kleiner, vielleicht wieder politischer – wir werden sehen – alles neu, zurück zu unseren Wurzeln“ Matthias Weinzierl in: Rage Against Größenwahn, Hinterland Magazin, 2007

Kleiner wird das Festival im Jahre 2010 sicher ausfallen. Es werden keine vier Hallen bespielt, sondern nur zwei. Derart politikferne Bands wie Die Sterne sind nicht mehr im Programm, womit das Rage Against Abschiebung heuer schon ohne Mühe politischer sein wird. Wehmutstropfen: die SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend) veranstaltet am Rande mit.

Umso erfreulicher hingegen: Egotronic sind mit von der Partie, womit ein Zeichen gesetzt ist. Einer Vereinigung, die das Wortungetüm Deutsche Arbeiterjugend im Namen trägt, der also die Arbeit das Höchste und das Deutsche das Erste ist (wonach der Auftakt sozialistisch nurmehr als eine ernste Drohung verstanden werden kann), ist damit etwas entgegengesetzt. Das eben, was Matthias Weinzierl mit „Wurzeln“ gemeint haben könnte: Eine undeutsche Bewegung, die Lebenslust und Freizügigkeit der Arbeitsamkeit und Beschränktheit voranstellt. Aber nicht nur Egotronic, auch Antitainment sowie Thomas Lechner vom Candy Club stehen auf dem Programm. Es wird also gut.