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Forgotten Tomb: Rechtsradikale Blackmetalband soll im Backstage aufspielen

Die rechtsradikale Blackmetalband „Forgotten Tomb“ soll im Backstage auftreten – am 20. April, wenn Neonazis in ganz Deutschland das 125-jährige Jubiläum des „Führergeburtstags“ feiern. Das passt zusammen.


Backstage-Chef Stocker inszeniert sich gerne als großer Nazi-Jäger – doch selbst im eignen Laden geht es nicht immer koscher zu

Am Ostersonntag 2014 wird laut Plan im Backstage das „Dark Easter Metal Meeting“ stattfinden, mit zahlreichen Metalbands aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Frappant: Angekündigt ist unter anderem auch die 1999 gegründete Blackmetalband „Forgotten Tomb“, die damit das erste Mal in der bayerischen Landeshauptstadt anklingen würde. Die italienische Formation wird von Beobachtern der „National Sozialist Blackmetal“-Szene (NSBM) zum rechtsradikalen Spektrum gezählt.

Das erste „Forgotten Tomb“-Album produzierte der Bandleader „Morbid“ im Jahr 2000 mit seinem Label „Treblinka Productions“, eine Anspielung auf das Vernichtungslager Treblinka. Den Namen seines Labels begründete „Morbid“ im Jahr 2004 auf der Online-Seite von „Forgotten Tomb“ auch unmissverständlich: „Ich habe begonnen, manchen Abschaum zu hassen – wie kriminelle Immigranten, drogensüchtige Fotzen, Huren, Drogenhändler, Vergewaltiger und Scheiße wie diese. Sie verdienen es wirklich nicht, zu leben. So habe ich mit Treblinka Productions begonnen, um eine intolerante Art des Denkens zu verbreiten. Ich habe Propaganda gemacht, um die Schlachtfelder wieder zu eröffnen und um diese Idioten in den Ofen zu schicken.“

„E-Gay ein verdammtes, jüdisches Geschäft”
“Morbid” legte sich für ein NSBM-Seitenprojekt mit dem ebenfalls zynischen Namen “The true Gaszimmer“ ins Zeug. Über den Online-Shop Ebay sagte „Morbid“ angeblich, dass dieses „E-Gay ein verdammtes, jüdisches Geschäft” sei. An der menschenverachtenden und antisemitischen Haltung des Bandleaders dürfte sich wenig geändert haben. 2007 sagte er in einem Interview, er habe nichts gegen NSBM, er habe nur etwas gegen „Well-Thinking-Attitude“. Noch im November 2013 wurde „Forgotten Tomb“ zum „Fireblade Force Festival“ angekündigt, das als Highlight der Nazi-Metalszene gilt – allerdings 2013 doch nicht wie geplant im brandenburgischen Barnim stattfinden konnte.

Mit „Forgotten Tomb“ leistet sich das Münchner Backstage wieder einmal eine extrem fragwürdige Band, und das am 20. April, an dem Tag, an dem Neonazis den Geburtstag Adolf Hitlers feiern. 2011 trat beispielsweise – wie auch schon 2010 und 2009 – die Band „Frei.Wild“ im Backstag auf, am sogenannten Volkstrauertag. Im selben Jahr bot das Backstage der umstrittenen Deathmetalband „Minas Morgul“ und der Paganmetalband „Varg“ eine Bühne. Diese Liste ließe sich noch um einiges verlängern. Die Band „Forgotten Tomb“ dürfte allerdings nicht einfach zu verharmlosen sein, auch wenn die Backstage-Leitung darin inzwischen viel Übung hat.

Nachtrag: Am 10. Februar wird die Band aus dem Lineup entfernt. Am 11. Februar berichtet die „Süddeutsche Zeitung“, laut Geschäftsführer Georg Stocker seien „Forgotten Tomb“ nie offiziell bestätigt gewesen. Der „Fehler“ sei beim Co-Veranstalter passiert. Nach Recherchen bei der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus habe Stocker Forgotten Tomb sofort aus dem Programm genommen. Das Backstage kündigt an, am Ostersonntag, 20. April (Hitlers Geburtstag), alle offen rechtsradikal auftretenden Konzertbesucher des Geländes zu verweisen.

Manege Frei (Wild)

Die völkisch orientierte Band „Frei.Wild“ soll am 06. Dezember in München aufspielen. Sie will ihr soeben erschienenes Album „Still“ vorstellen. Brisant: Im früheren Agitationszentrum der NSDAP, dem wiedererrichten Bau des „Circus Krone“. Das Konzert ist bereits seit Wochen ausverkauft.

„Aufarbeitung der Vergangenheit“ direkt nach den Novemberpogromen 1938 im „Circus Krone“

Vor zwölf Jahren sang Philipp Burger noch in der Glatzkopf-Band „Kaiserjäger“ über „N-Wort und Jugos“, die in Südtirol nichts zu suchen hätten. Inzwischen hat er seine Strategie modifiziert. Sehr erfolgreich, denn während sich für die Band „Kaiserjäger“ kaum jemand interessierte, landen die Alben von „Frei.Wild“ regelmäßig in der deutschen Charts. In den Texten von „Frei.Wild“ beklagt Burger heute: „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk.“ Wie in der neurechten „Identitären“-Bewegung üblich werden Begrifflichkeiten wie „Rasse“ und „Nation“ in „Frei.Wild“-Texten konsequent mit „Kultur“ und „Heimat“ ersetzt. Das ist das ganze Geheimnis des Erfolgs. Und die Band präsentiert sich zudem nicht als Jäger einer Minderheit, sondern als Opfer im Kreuzfeuer einer halluzinierten antideutschen Mehrheit – von Charterfolgen unberührt.

Die Selbstviktimisierung kennt offenbar keine Grenzen. Im Lied „Wir reiten in den Untergang“ legt die Band sogar nahe, dass Patrioten wie sie heute – ähnlich wie gestern Juden – verfolgt würden, nur „Stempel und Stern“ fehlten noch. Das Wort Jude wird dabei nicht ausgesprochen, aber durch die Phrase „Stempel und Stern“ lässt sich das im Text Angedachte leicht entschlüsseln. Einfach zu erraten ist auch, wer gemeint ist, wenn Burger singt: „Sie richten über Menschen, ganze Völker sollen sich hassen, nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen.“ Norman Finkelstein würde die Textstelle vormutlich begrüßen, was ein Ruhmesblatt nicht ist.

„Frei.Wild“ schaffen es mit ihren identitären Texten („Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier“) immer wieder in die deutschen Charts. Andererseits wird die Band auch ausgeladen. Mediale Aufmerksamkeit erlangte die Ausladung bei der Echo-Preisverleihung 2013. Erst diese Woche cancelte der „Media Markt“ einen Auftritt der Band in Jena.

Wirkungsstätte der nationalsozialistischen Bewegung


Der Auftritt im Münchner Kronebau hätte genug Potenzial, um sich zum Politikum auszuwachsen. Das wiedererrichtete Gebäude des „Circus Krone“ an der Marsstraße diente der NSDAP als zentraler Propaganda-Standort – den Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ ausgesprochen lobend herausstellte. Dass Hitler dort schon am 30. Oktober 1923 zum Putsch aufrief, zählt zu den vergleichsweise unwichtigen Begebenheiten. Allein 1923 polterte er dort nämlich 16 seiner Reden. Es waren vor allem die antisemitischen Großveranstaltungen, die in die Manage am Marsfeld gelegt wurden. Zum Beispiel die Grundsatzrede Hitlers im Jahr 1920: „Politik und Rasse. Warum sind wir Antisemiten“. Diese Rede Hitlers endete ähnlich ums Volkswohl besorgt, wie es Burger zu sein scheint: „Wir wollen vermeiden, dass auch unser Deutschland den Kreuztod erleidet.“ (Hitler)

Auch die „Massenkundgebung“ am 19. März 1933 unter dem Motto „Hinaus mit den Juden aus sämtlichen öffentlichen Ämtern und aus der Anwaltschaft“ wurde im „Circus Krone“ abgehalten. Dieser Abend sollte „ein gewaltiger Auftakt für die deutsche Sache werden“ – versprach die Einladung und dieses Versprechen hielten die Nationalsozialisten auch. Bei der maßgeblichen NSDAP-Veranstaltung am Vorabend der Novemberpogrome von 1938 rief Gauleiter Adolf Wagner im „Circus Krone“ die Parteimitglieder dazu auf, eine „größere Aktivität in der Judenfrage“ zu entwickeln. Man müsse „dem Juden“, „klar und eindeutig erklären, dass wir ihn nicht mehr haben wollen“ und die „Kenntlichmachung der jüdischen Geschäfte“ durchführen, so Wagner. Und auch zur Nachbereitung der Novemberpogrome traf sich die antisemitische Bewegung selbstverständlich im Kronebau (siehe erstes Bild).

Der „Circus Krone“ spielte schon zur Kolonialzeit eine wichtig Rolle, als dort beispielsweise die „[N-Wort]-Truppe“ aufzutreten hatte oder man sich neben 20 Elefanten kurzerhand „Indianer“ oder „Chinesen“ nach München bestellte. Noch 1938 präsentierte der Zirkus in Deutschland eine „Kolonialschau“ mit Schwarzen aus Kamerun und dem Sudan, die in Fortführung des osmanischen Kolonialismus von Arabern gemaßregelt wurden, und dem deutschen Publikum die angeblichen „Originalsitten“ von Schwarzen im „Krone-Zoo“ vorführen sollten.

„Circus Krone“ – ein ewiger Pionier


Ob Kolonialismus oder Nationalsozialismus – der „Circus Krone“ war in Sachen menschenfeindlicher Barbarei unfraglich in exponierter Stellung. Insbesondere zwischen 1920 und 1933 rahmte der Zirkus in seinem Gebäude am Marsfeld den Aufstieg der NSDAP. Und am 06. Dezember 2013 soll im wiedererrichten Gebäude am Marsfeld die Band „Frei.Wild“ spielen, die eine ebenfalls wiedererrichtete Form der völkischen Bewegung wiederspiegelt. Das passt zusammen. Das Konzert am 06. Dezember ist damit ohne Zweifel ein Highlight für die rechtsidentitäre Szene im Jahre 2013 und es ist kein Wunder, dass es seit Monaten ausverkauft ist.

Das bestätigt den Verdacht, dass sich der Zirkus nie wirklich mit seiner menschenverachtenden Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Wichtiger als die Thematisierung des „Frei.Wild“-Auftritts wäre aber eigentlich genau das. Der Auftritt böte eine gute Gelegenheit, auf die Tradition dieser Manege hinzuweisen. Denn Bands wie „Frei.Wild“ kommen und gehen, der „Circus Krone“ wird voraussichtlich auch diese Gemeinheit präsentieren und dann geht es mit ihm weiter.

Internetprovider tatenlos: Israel-vergast-Kinder-Website weiterhin online

Eine Woche ist es her, als im bürgerlichen Münchner Lehel Visitenkarten auftauchten, die auf eine extrem antisemitische Seite verwiesen. „Israel vergast Kinder und Deutschland zahlt die Gasrechnung“ ist auf dieser Seite eine der noch weniger deutlichen Parolen. 1&1 weigert sich bislang, die Webpage vom Netz zu nehmen, obwohl sich der Provider anfangs selbst „schockiert“ zeigte.

Dass die Internetseite „Israel-vergast-Kinder“ extrem antisemitisch ist, darüber kann es keine Zweifel geben. „In Mausschwitz gab es kein KZ“, schreibt der Autor und lässt sich im Folgenden über Jüdinnen und Juden aus. „Es ist Zeit, Freunde – wer soll euch noch wählen gehen – wenn der Altjud Kinder vergast – lacht ihr und habt Spaß “, reimt er. Richter und Staatsanwälte seien nicht unabhängig, wird im Text behauptet, weil sie „Menschenvergaser und Ausländerkiller Altjuden unterstützen“, angeblich aus „machtgeilen, selbstherrlichen, hinterfotzigen, peversen“ Motiven. So wird dann munter weitergehetzt über „israelische Politiker – Militärs – die amerikanischen, gierigen Geyerjuden – die mitleiderregenden Holokostenausnützer (sic!)“ und andere. Der rechtlich hochbedenkliche Text endet mit: „Nie ist man sich so nah, wie beim Abschied ‚Sieg Heil‘“ und einem Aufruf.

Solche Seiten gibt es Tausende im Netz, allerdings werden sie in der Regel im Ausland gehostet. Angemeldet hat die deutsche 1&1-Webseite „Israel-vergast-Kinder.de“ laut DENIC ein Mann aus Wörthsee bei München. Als sie nach dem Fund der Visitenkarten vor einer Woche bekannt wurde, erstatteten zahlreiche Personen Anzeige. Beispielsweise über die Plattform Hagalil, die Onlineanzeigen anbietet, über das Portal „Internetwache Berlin“ und privat in Köln. Auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft München schaltete sich ein. Der Provider 1&1 zeigte sich am 08. August auf Nachfragen noch „schockiert“, die Rechtsabteilung kündigte an, gegebenenfalls selbst Anzeige zu erstatten. Man könne sich nicht erklären, wie diese Domain durchgerutscht sei. Am darauf folgenden Tag äußerte man sich schon verhaltener. Erst solle dem Seiteninhaber die Chance eingeräumt werden, die Seite noch zu verändern, sagte der 1&1-Kundendienst. Am 10. August wurde die Seite laut Insiderinformation angeblich an den Staatsschutz weitergereicht. Heute – am 13. August – ist die antisemitische Seite immer noch online.

Der Autor scheint so unbelesen nicht. Er empfiehlt drei Bücher und einen Film. Das Buch „Holocaust Industrie“ von Norman G. Finkelstein, das Buch „Breaking the Silence“, übersetzt von Barbara Kurz, „Staatsräson? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet“ von Werner Sonne und den Film „Massaker“ von Monika Borgmann und Lokman Slim. Diese Kulturschaffenden müssen sich die ernste Frage gefallen lassen, wie sich ihr Werk so nahtlos in die wirren Gedanken eines Antisemiten einfügen lässt, weil in ihrem Werk offenbar so garnichts ist, das ihn von einer Empfehlung abrücken ließ – und womit er seine Hetzschrift sogar begründet.

Nachtrag: Indes erreichte uns am Nachmittag des 14.08 eine Nachricht von 1&1:

1&1 lehnt jede Form rechtswidriger Inhalte auf Webseiten unserer Kunden ab. Dies ist über die AGB Grundlage jeder Vertragsbeziehung, ob mit unseren direkten Kunden oder mit Resellern. Die erwähnte Seite ist mittlerweile offline. In Einzelfällen kann es vorkommen, dass wir Seiten mit strafrechtlich relevanten Inhalten nicht direkt offline nehmen können, um die Arbeit der Ermittlungsbehörden nicht zu behindern.

Mit freundlichen Grüßen
Alexander T., 1&1

Antisemitismus – hauptsächlich eine rechte Disziplin

Es gibt ihn freilich, den Antisemitismus von links. Das ist gefährlich, denn die Linke kaut damit der Mitte zunehmend erfolgreich die Argumente zur Begründung des Ressentiments vor. Dennoch belegen die Zahlen: Die antisemitischen Brutalos kommen hauptsächlich von rechts.

Dass Neonazis ausgesprochene Antisemiten sind, muss nicht belegt werden. Antisemitismus ist eines ihrer Kernanliegen. Sowie es Hitler beim Schreiben der Hetzschrift „Mein Kampf“ angeblich wie „Schuppen von den Augen“ fiel, dass der Kampf gegen die Juden das Wichtigste sei – und die Deutschen im Zweiten Weltkrieg vor allem die Vernichtung der Juden in Europa anstrebten – so ist das gleiche Ziel noch heute für Neonazis verbindlich. Das drückt sich einerseits in ihrer sogenannten Solidarität mit Palästina aus, aber auch in Zahlen.

Diese Zahlen, des der linken Umtriebe unverdächtigen Innenministeriums („Antisemitismus in Deutschland“), zeigen sehr deutlich, dass sich die Hauptfeinde der Jüdinnen und Juden in Deutschland als rechtsstehend verstehen – wenngleich in der Statistik die sogenannte Mitte offenbar ausgespart zu sein scheint.

Die angebliche Solidarität mit Israel von neurechten Organisationen wie „Pro Deutschland“ oder „Die Freiheit“ ist darüber hinaus sehr brüchig. Diese Organisationen schätzen Israel ausschließlich deshalb, weil sie Israel für einen westlichen Rammbock gegen den Islam halten. Dass für Menschen muslimischen Glaubens in Israel viel mehr religiöse Gestaltungsräume als in Deutschland selbstverständlich sind, ignorieren sie dabei. In München agitieren diese Organisationen gegen den Neubau einer einzigen Moschee – solche stehen in Israel an jeder Ecke.

Die Aggressionen der Neurechten können ebenso schnell in Aggression gegen Judinnen und Juden umschlagen, wenn diese ihrem Bild vom moslemfressenden Juden nicht entsprechen. Das muss der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, Marian Offman, in Stoßzeiten regelmäßig zur Kenntnis nehmen, wie dieses Interview in der Münchner Abendzeitung zeigt:

Wie oft bekommen Sie Hass- und Schmähmails?
Immer dann, wenn über mich und mein Engagement in einem rechtspopulistischen Internetforum oder der Presse berichtet wird, trudeln diese Mails über zwei bis drei Tage ein. Pro Tag sind es bis zu fünf. Danach ebbt es wieder ab.

Was steht da drin?
Einer hat geschrieben, dass er mir in die Fresse schlagen will, wenn es so weit kommt, dass seine Kinder einen muslimischen Religionsunterricht besuchen müssen. Andere nennen mich einen Verräter, benutzen NS-Terminologie und verdrehen meine Argumente. Gerade habe ich auch ein Paket zugeschickt bekommen, in dem Pralinen waren – und Hassbeiträge über den Islam und Koran.

Zum vollständigen Interview mit Marian Offman in der Münchner Abendzeitung.

Westend: United We Stand

Das Münchner Westend hat viele Vorzüge. Es ist das einzige Viertel Münchens, das nicht aus einem Dorfkern herausgewachsen ist, sondern während der Industrialisierung auf nahezu freiem Feld entstand. Es ist das einzige vom Fleck weg urbane Viertel Münchens. Dort war niemand eingeboren, aus ganz Bayern flüchteten hauptsächlich junge Menschen vor ihrer klebrigen Scholle in die neu errichteten Mietskasernen und in die Westender Lohnarbeit. Das war kein Zuckerschlecken, aber für viele erträglicher als die sich ihnen bietenden Alternativen.

Das Westend hat den dörflichen Schleim, der München in allen Ritzen noch heute innewohnt, nie gekannt. Schnell entstanden kämpferische Arbeitervereine, Wohnungsgenossenschaften und politische Organisationen der Arbeiterbewegung. Selbstredend spielte das Viertel in der kurzen Phase der Münchner Räterepublik – und der vorausgehenden Gründung des Freistaates Bayern – eine zentrale Rolle. Zur Zeit der Einwanderung in den 60er Jahren siedelten sich Neuankömmlinge, die mehrheitlich aus Griechenland kamen, vor allem im Westend an. Politiker warnten derzeit davor, dass im Westend ein „zweites Harlem“ entstünde. Dazu kam es nie, gleichwohl ein zweites Harlem München aufgewertet hätte.

Den Nazis war das „Rote Viertel“ seit jeher ein Dorn im Auge. In den frühen 30er Jahren führten sie gezielte Anschläge auf Kneipen im Westend durch, wie zum Beispiel in der Nacht vom 31.07.1932 auf die „Hohenburg“ (heute „Stoa“), die ein Treffpunkt kommunistischer Arbeiter war und zu deren Interieur ein Plakat mit der Aufschrift „Deutsche Facharbeiter – auf in die Sowjetunion“ gezählt haben soll. 1933 nahmen derlei Anschläge deutlich zu.

Noch heute ist das bunte Viertel den Neonazis verhasst, bei ihren Demonstrationen trafen sie damals wie heute auf den größten Widerstand. Und deshalb ist es kein Zufall, dass die NSU-Terrorzelle im Münchner Westend – das sich damals wie heute durch den höchsten Anteil an Zugewanderten auszeichnet – den Griechen Theodoros Boulgarides hingerichtet hat. Ebensowenig ist es zufällig, dass Neo-Nazis den NSU-Terror-Prozess in München flankieren, indem sie Einrichtungen hauptsächlich im Westend attakieren. Heute findet anlässlich der aktuellen Anschlagserie eine Demonstration am Georg-Freuendorfer Platz statt, die zumindest eine gelungene Geste sein könnte.

Empfehlen wollen wir darüber hinaus diese schöne Tasche, die die Bastelkapazitäten vom Westender HUIJ hergestellt haben. Die hat zwar weder etwas mit der Arbeiterbewegung zu schaffen, noch dürfte sie die Mehrheit der Westender Migrantinnen und Migranten interessieren – aber Charme hat sie trotzdem.


Hier zu erwerben: HUIJ

Neonazi-Anschläge gehen weiter

In der gestrigen Nacht, vom 23. auf den 24. Mai 2013, griffen mutmaßlich Neonazis erneut eine Einrichtung in München an. Beim Büro des Kurt-Eisner-Vereins wurden vier Fensterscheiben eingeschlagen. Seit Wochen kommt es vor dem Hintergrund des NSU-Prozesses zu Anschlägen auf Initiativen und Einrichtungen, die sich für eine offene Gesellschaft engagieren.

Chronik der Anschläge in München:

06.04.13: Neonazis überkleben Schaufenster des Bayerischen Flüchtlingsrats mit neonazistischen Propagandaaufklebern des „Freien Netz Süd“

13./14.4.13: In der Nacht nach der großen Demo gegen Naziterror wird das Schaufenster des Bayerischen Flüchtlingsrats eingeschlagen, in dem das Demoplakat hängt

08.05.13: Das Wohnprojekt Ligsalz8 und seine Bewohner werden abends mit Eiern beworfen

09./10.5.13: In die Schaufensterscheiben des Bayerischen Flüchtlingsrats werden neonazistische Parolen geritzt, wie „NS JETZT!“, und „ANTI-ANTIFA“.

11./12. 5.13: Auch in ein Schaufenster der Ligsalz8 wird „Anti-Antifa“ geritzt

13.05.13: Die Kanzlei der Anwältin der Witwe eines Opfers des NSU wird massiv mit Fäkalien verdreckt

15.5.13: Um 5 Uhr morgens werden beide Schaufenster der Ligsalz8 eingeschlagen

16.5.13: Um 2 Uhr wurden mehrere Farbbeutel auf die Ligsalz8 geworfen, auch mehrere parkende Autos und ein Nachbarhaus wurden getroffen.

23./24.4.13: Vier Fensterscheiben des Büros des Kurt-Eisner-Vereins werden eingeschlagen

Die Münchner Polizei hält sich indes zurück und spricht von „Einzelfällen“.

Thank you!

Am 29. April 1945 befreite die US-Armee, angeführt von Colonel Felix Sparks, die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Dachau. Ihm und seinen Leuten gilt am Tag der Befreiung unser besonderer Dank.

Es werde ein Lager errichtet, in dem Kommunisten, Sozialdemokraten und andere vermeintlich Arbeitsscheue ordentlich arbeiten lernen sollen, gaben zahlreiche Münchner Zeitungen im März 1933 bekannt. Bald sprach sich herum, dass die Häftlinge der Brutalität ihrer Bewacher ausgeliefert waren, im KZ-Dachau gefoltert und getötet werden. Die Münchnerinnen und Münchner nahmens gelassen, ihrem Komiker Karl Valentin war es allenfalls Anlass für derbe Spassetteln. Mit der Vertreibung und Ermordung der Intelligenz Münchens – die nicht annähernd zurückgekehrt ist – verschlechterten sich die Chancen der Lagerinsassen zusätzlich. Wie der geordnete, jahrelange Massenmord ungehindert fortschreiten konnte, ist bis heute nicht zu begreifen. Von den mindestens 200.000 Häftlingen überlebten 41.500 die Zwangsarbeit bis zum 29. April 1945 nicht. Klar ist bislang nur, wer das Leiden beendet hat. Es war Colonel Felix Sparks aus Texas. Er führte sein US-Battalion bis nach Dachau. Ihm und seinen Leuten gilt am Tag der Befreiung des KZ-Dachau unser besonderer Dank.

Elstner-Gedenken: Bayerische Staatsoper zeigt glühendem Sudetendeutschen die kalte Schulter

Vor den Türen der Bayerischen Staatsoper beweinten heute Neonazis den Selbstmord des Antisemiten Reinhold Elstner. Der ausgebürgerte, „sudetendeutsche“ Wehrmachtssoldat zündete sich 1995 selbst an – aus Protest gegen die Wehrmachtsausstellung in München. „50 Jahre erlogene Justizrache der Zionisten sind genug“, befand Elstner in seinem Abschiedsbrief. Die Beschäftigten der Bayerischen Staatsoper waren not amused.

Ein lesenswerter Beitrag über den Wahnsinn der „sudetendeutschen“ Kulturstiftung erschien in Übrigen vor wenigen Tagen im aktuellen Hinterland Magazin: Hotzenplotz‘ Erben – von der fünften Kolonne Hitlers zum vierten Stamm Bayerns.