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Antizionismus auf Rezept

Die westliche „Israelkritik“ ist zunehmend gekennzeichnet von einer pathologisierenden Sprache. Jonathan Yudelman, Dozent für Philosophie an der Hebräischen Universität in Jersualem, kommentierte diese Entwicklung in der Jerusalem Post vom 1. April 2012 – am Beispiel der britischen Wochenzeitschrift The Economist. Seine Kritik ließe sich aber ebenso gegen die Süddeutsche Zeitung wenden. Eine hoprige und leicht gekürzte Übersetzung aus dem Englischen von Schlamassel Muc


Freud hätte die Polizei gerufen: Graffito am Strand zwischen Jaffa und Tel Aviv

Der Hass auf den jüdischen Staat floriert so unendlich facettenreich, dass es die meisten Zionistinnen und Zionisten schon lange aufgegeben haben, nachzuvollziehen, was ihre Gegnerschaft wirklich antreibt. Wenngleich bei zeitgenössischen Antizionistinnen und Antizionisten eine Gemeinsamkeit auszumachen ist, die Annahme nämlich, Israel sei krank, hochgradig krank, nachgerade im Delirium, mit nur einer hauchdünnen Chance auf Genesung. Hinlänglich bekannt sind inzwischen die beharrlichen Auslassungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der Israel ein „Krebsgeschwür“ nannte, das von der Landkarte zu streichen sei. Die geistreichen Analysen der westlichen Antizionistinnen und Antizionisten sowie von ihren israelischen Gesinnungsgenossen aber bedienen sich nicht weniger einem Jargon aus der Pathologie.

In einer Lobeshymne auf David Grossman’s Novelle aus dem Jahre 2010 bemerkt das Magazin The Economist zustimmend, dass „Fieber nicht nur ein Symptom von physischer Erkrankung ist. Fieber ist die Beschreibung des bestehenden Staates Israel.“ Diese Auffassung teilt auch die kanadische Autorin Margaret Atwood, die nach einem Kurzbesuch in Israel befinden mochte, das Land lebe unter einem „Schatten“ der selbst verursachten Paranoia. „Umso schlechter die Palästinenserinnen und Palästinenser im Namen dieser Ängste behandelt werden, umso größer wächst der Schatten an, und die Ängste wachsen mit ihnen; und die Rechtfertigung für ihre Behandlung multipliziert sich“, diagnostizierte Atwood.

„Auschwitz-Komplex“
In zahlreichen Artikeln und Blogs über Israel war beim Economist in den letzten Jahren hauptsächlich von pathologischen Befunden die Rede – oftmals begründet mit psychoanalytischen Methoden. In einem Blogeintrag mit dem tatsächlichen Titel „Auschwitz-Komplex“ präsentierte ein Psychoanalytiker letzten Monat seine neueste Diagnose: „Nachdem sie sich in einen Todeskampf mit der palästinensischen Bevölkerung verstrickt haben – dessen sie sich nicht bewusst sind bzw. nicht daraus befreien können – projizieren die Israelis nun die Ursache ihrer Angst auf ein weiter entfernteres Ziel: den Iran.“ Den Verfassenden zufolge sei Benjamin Netanyahu und seiner Iran-Politik eine manifeste „Ghetto Mentalität“ anzumerken.

Während persische Doktoren harte Maßnahmen in Erwägung ziehen, pflegen ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen eine eher therapeutische Sprache. Die westlichen Doktorinnen und Doktoren geben vor, ihren Patienten retten zu wollen. Aber wenn das so ist, muss etwas furchtbar falsch gelaufen sein. Denn ihr Verhalten gegenüber ihrem Patienten deutet eher auf eine offene Feindschaft hin.

Diasporistischer Antizionismus
Im Jahre 2006 stellten persische Doktoren fest, dass das „zionistische Regime bald von der Bildfläche getilgt … und die Menschheit damit befreit sein wird.“ Dieser Idealismus – so bizarr und wahnsinnig er auch sein mag – sagt einiges über die Motivation des iranischen Antizionismus. Aber was treibt ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen an? Die Psychoanalyse ist offenbar nicht das Einzige, was westliche Antizionistinnen und Antizionisten aus jüdischen Quellen übernommen haben. Vor allem hängen sie am „Diasporismus“ – einem Ideal, das in religiöser und säkularer Form daher kommt. Es beinhaltet, dass das jüdische Volk einer ethischen Mission Folge zu leisten habe, die nur zu erfüllen sei, wenn es auf allerhand Nationen verteilt ist.

Und wenn es um die jüdische Diaspora geht, kann sich The Economist keinen Lobgesang verkneifen: Von einer „glanzvollen kosmopolitischen Welt der europäischen Vorkiegsjuden“ ist da die Rede, „jenen Schreibern, Denkern und Künstlern, die noch das heutige Europa prägen.“ Der Kontrast zwischen Israel und der Diaspora könnte nicht größer sein. „Es war der jüdischen Politik immer etwas innerlich… eine angsterfüllte Xenophobie und Bigotterie, aber das ist keine Eigenart, die bei den meisten Jüdinnen und Juden in der Diaspora auszumachen ist.“

Verharmlosung von Antisemitismus
Eine der Raisons d‘être des Zionismus ist es, verfolgten Jüdinnen und Juden eine Heimat zu bieten. Deshalb leugnen Autorinnen und Autoren vom Economist angestrengt, dass es wieder gefährlich werden könnte. Ein Blockeintrag trägt beispielsweise den lehrmeisterhaften Titel „Es gibt nur einen Holocaust.“ Ein anderer verharmlost einen etwas langatmigen Artikel vom Magazin Der Spiegel über den wiedererstarkenden Antisemitismus in Ungarn. Diasporistische Antizionistinnen und Antizionisten können sich nicht überwinden, Antisemitismus anzuprangern, weniger weil sie antisemitisch sind, sondern weil sie einfach nicht anders können. Und was nicht länger bestritten werden kann, wird dem Zionismus selbst angelastet: „viele Muslime hassen Israel, und seitdem Israel der jüdische Staats ist, weitet sich ihr Hass auf alle Jüdinnen und Juden aus.“

Diasporismus nimmt Israel notwendig als eine Fehlentwicklung an. In historischer Reinform behauptet dieser, dass die göttliche Mission der Jüdinnen und Juden nicht mit Eigenstaatlichkeit kompatibel sei. Es erscheint eigenartig, dass gerade viele westliche Intellektuelle von diesem Ideal so stark beseelt sind, wenngleich sie nicht einmal jüdisch sind. Es ist nicht auszuschließen, dass jüdische Diasporisten beim Economist und anderswo von Menschen benutzt werden, die eigentlich eine andere Agenda verfolgen.

Der eigentliche Therapiebedarf
Höchstwahrscheinlich ist es aber die unverwüstliche Überzeugung westlicher Liberaler, dass die Konfrontation mit islamistischen Kräften vermieden werden kann, wenn sie am Diasporismus festhalten. Dem Zionismus die weltweite Aggression von muslimischen Kräften anlastend, sind sie weiterhin der Überzeugung, dass das islamistische Kriegsgeschrei sie nie bedrohen wird. Ihr gesamtes Weltbild ist gefangen in derlei Verdrängung und Projektion. Die westlichen Antizionistinnen und Antizionisten hätten demnach einen Therapieplatz viel nötiger als Zionistinnen und Zionisten. Aber sie sollten von ihnen nicht die Art Hilfe erwarten, die sie selbst so freizügig anbieten. Anders als westliche Intellektuelle, interessieren sich Zionistinnen und Zionisten nicht so furchtbar viel für Psychoanalyse. Sie ziehen leben und leben lassen vor. Und wenn sich das als unmöglich herausstellen sollte, lehrte ihnen die Geschichte, sich für den Kampf zu rüsten.

Das Watchblog zur Süddeutschen positioniert sich

Das Blog suedwatch.de ist beliebt aufgrund seiner kritischen Beiträge zur Israel-Berichterstattung der SZ. Doch dominieren vermehrt rechtspopulistische Inhalte das Portal. Jetzt trat suedwatch.de dem „Münchner Bündnis gegen Antisemitismus“ bei – einer Tarnorganisation der randständigen Partei „Die Freiheit“.

Wenn es um Israel geht, ist die SZ seit Jahren eine Garantin für polemische und zu Israels Ungunsten verzerrte Berichterstattung. Erst narrte über 10 Jahre lang Thorsten Schmitz die Leserinnen und Leser, vor etwa einem Jahr trat Peter Münch seine Stelle an. Im Nachrichtenteil verfasst Münch stets bemüht wirkende neutrale Artikel, deren Neutralität aber weit hinter viele andere Publikationen zurückfällt. Auf der Meinungsseite darf Münch dann ganz ungebremst agitieren, diese Beiträge erscheinen nicht in der Online-Ausgabe der SZ. Das Portal suedwatch.de nimmt sich seit Mitte 2009 die Israel-Berichterstattung der SZ vor und unterscheidet zwischen Fakten und antiisraelischer Dichtkunst. Dabei ließen die Macher aber immer schon durchblicken, dass es sich bei der Gruppe keinesfalls um eingefleischte Antirassisten handelt. Spätestens seit dem Erscheinen des Sarrazin-Buches häufen sich aber die Einträge, in denen suedwatch.de für dubiose Gestalten Partei ergreift, immer unter dem Vorwand freilich, es ging einzig um eine korrekte Berichterstattung – die Wahrheit und den diffamierten Mutigen, der sie aussprach.

Das Watchblog und seine falschen Freunde
Zum Beispiel verriss suedwatch.de kürzlich einen kritischen SZ-Artikel über Martin Böcker, einem extrem rechten Aktivisten, der die Redaktion der Campuszeitschrift an der Bundeswehruniversität in Neubiberg übernommen hatte. Ebenso stellte sich suedwatch.de vor Christian Jung, Gründer des bayerischen Ablegers der Partei „Die Freiheit“. Vor wenigen Tagen positionierte sich suedwatch.de dann gänzlich ungeniert und trat mit der verschwisterten Facebook-Gruppe „Suedwatch Panoptikum“ seine Mitgliedschaft beim „Münchner Bündnis gegen Antisemitismus“ an. Das Bündnis mit dem ansprechenden Namen ist eine Tarnorganisation der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“, der in Bayern Christian Jung und Michael Stürzenberger (PI-News) vorstehen. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft warnte per Pressemitteilung bereits vor den „falschen Freunden“, die Engagement gegen Antisemitismus und Solidarität mit Israel „gemeinsam mit Forderungen nach Minarettverbot und härterem Durchgreifen bei Schulschwänzern auf Stammtischniveau“ verhandeln.

Expert Talk

Michael812:

Seit 30 Jahren wird die Weltöffentlichkeit von den israelischen Juden belogen. Wer glaubt denen noch einen Strich?

Alkhaider:

Wenn ich das korrigieren darf, die belügen die Welt seit 1895 über ihre Pläne. Die Vertreibung aller Araber war bereits von Anfang an geplant, man kam aber überein, das nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu diskutieren, weil man sonst, zu Recht, die Zustmmung dder Welt zu dieser Ungeheuerlichkeit verspielt hätte

Kommentar, in: „Goldstone nimmt Vorwürfe gegen Israel zurück“, www.sueddeutsche.de, 05.04.2011 um 18:26 Uhr, freigeschaltet

Worte wie in Scheiße gemeißelt 1

… in Deutschland, das sich mit seiner Schuld am Holocaust auseinandersetzt, gehörte ein Wort wie Palästinenser lange kaum zum politischen Sprachgebrauch. Es gab und gibt ein Israel, das man in fast allen seinen Handlungen unterstützt, um ein wenig Buße zu tun für den Massenmord an den Juden. Doch ein solches Büßergewand lässt die Palästinenser, die man seit geraumer Zeit nun auch zur Kenntnis nimmt, ungeschützt. (Flottau H.,Fünf Anklagen gegen das Unrecht an den Palästinensern. In: Süddeutsche Zeitung, Mo. 07.02.2011,
Seite 16)

Ausweitung der Arschgeigen-Zone

In den Räumlichkeiten des großen städtischen Kulturzentrums Gasteig konnte am 17.01.2011 die Redaktion des extrem rechten Magazins Sezession einen Abend gestalten. Auf dem Podium fanden sich die Publizisten Götz Kubitschek und Alexander Kissler ein. Ein parteiisches Protokoll des Abends.

Passend: Georg Elser Gedenktafel vor dem Münchner Gasteig

Trachtler, Sudetendeutsche, ehemalige Wehrmachtsangehörige, Burschenschafler und ähnliche Kaliber sind dem Aufruf der Sezession gefolgt und füllen den Presseraum 0.131 des Gasteigs annähernd aus. In der ersten Reihe sitzen ein paar Muskelbeulen mit hartem Seitenscheitel, links und rechts vom Publikum halten zwei Aufpasser mit Kamera Position. Die überwiegende Mehrheit der Versammelten hat die aktuellste Ausgabe des ostdeutschen Magazins am Eingang käuflich erworben. Die Stimmung ist gespannt. Kaum ein Mucks ist zu hören, als die beiden Referenten das Podium besetzen. Es ist eine Besonderheit, dass sich diese Runde hier an diesem Ort versammeln kann, merkt Felix Menzel an, Redaktionsmitglied der Sezession und Moderator des Abends. Das habe man vor allem Herrn Kissler zu verdanken, wird Menzel später erklären.

Das große Sterben
Auf dem Programm steht – wie üblich in diesen Kreisen – einleitend eine Runde Selbstmitleid. Und zwar gerade so, als würden nicht die Ideologien in den Köpfen der Anwesenden auf einen barbarischen und mörderischen Furor hinauslaufen, sondern die Kritik daran. „An der Wand tut’s wirklich weh“, erklärt Kubitschek, ebenfalls von der extrem rechten Sezession, mit viel Gefühlsaufwand den gerührten Gästen. Greift der „Mechanismus der Skandalisierung“ erstmal, ist man schon bald „sozial tot“ und der „Weg der Skandalisierung“ ist bereits gesäumt von „politischen Leichen“, bebildert Kubitschek im eng gesteckten Rahmen seiner intellektuellen Möglichkeiten die Fälle Nolte, Jenninger, Hohmann, Walser und Herrman. Sarrazin habe den Skandal „gerade so überlebt“, unter anderem, weil ihm in der „entscheidenden Frage des sogenannten Judengens, die Juden selbst beigesprungen“ wären und „die Juden“ gesagt hätten: „natürlich gibt es eine genetische Verwandschaft um die Juden. Punktum. Über mehr müssen wir hier gar nicht reden“. Ein Gast möchte in die Liste der Toten und Halbtoten noch Ilan Pappe und Norman Finkelstein eingeschrieben wissen, deren antisemitischen Ergüsse er wohl gerne in München gehört hätte, welchen aber die städtischen Räumlichkeiten kurzerhand entzogen wurden.

Kubitscheks Ausblick
Kubitscheks Einschätzung nach wird sich mit einem Zusammenbruch des Finanzsystems – den er erwartet – die Sarrazin-Debatte verschärfen. Die besitzenden Kleinbürger werden verarmen und die „ethnischen Bruchlinien“ werden „aufbrechen“, schildert der Publizist mit stiernackiger Zuversicht. Gegen die „schiere Anzahl“ von Einwanderern sollten die Deutschen dann „Abwehrbegriffe“ haben. Die entscheidenden Fragen seien: „Wer gehört zur Schicksalsgemeinschaft? Wer gehört zu mir?“. Zur Verteidigung rät Kubitschek den Deutschen, sich auf „das Unterkomplexe“ zu besinnen (das wird nicht vielen schwer fallen). Denn „nur Barbaren können sich verteidigen“, führt er in ruhigem Ton weiter aus. Wie die „Schicksalsgemeinschaft“ dann nach gewonnener Barbarenschlacht bestenfalls aussieht, verrät Kubitschek auch. Es komme die Zeit des „liebenden Blickes auf den Menschen“ und zwar genau so:

[Jeder Deutsche] wird gebildet, soweit es ihm möglich ist. Er bekommt ein gutes Stück Arbeit hingelegt. [Auch,] wenn er Kaffee kocht für 200 Leute, jeden Tag im Betrieb, dann ist das eine saubere Angelegenheit. Wenn er das sein Leben lang ordentlich macht, gibt es überhaupt nichts auszusetzen. Er sitzt dann abends mit am Tisch, trinkt sein Bier, und erzählt, wie er die Welt wahrgenommen hat, den Tag über.

Auftritt der Wurst
Kubitschek nennt sich einen Freund des „Preußischen Sozialismus“, weil seiner Ansicht nach ein auf „Verträgen basierendes Miteinander“ der „Deutschen Nation“ widerspreche. Kubitschek weiss nicht, dass der sich herausbildende Kapitalismus die Nation erst hervorgebracht hat. Sein Podiumskollege Kissler, unter anderem auch Autor des stramm rechtsliberalen Magazins eigentümlich frei, ist da besser im Bilde. Er profiliert sich gemäß seiner Blattlinie als absoluter Befürworter der Marktwirtschaft. Erst durch die „Kraft der Marktwirtschaft“, die „Nachfragekraft des merkantilen Erfolges“[sic], haben „gewisse Begriffsverhinderungsstrategien“ im Falle Sarrazin nicht mehr funktioniert, lobt Kissler sprachlich verworren marktwirtschaftliche Vorzüge. Der junge Doktor versucht sich stets gewählt auszudrücken und grinst zufrieden in sich hinein, wenn ihm das gelungen ist. Es gelingt ihm aber nicht immer. Regelmäßig kommt es zu sinnentleerenden Doppelungen. Sarrazin müsse „die Überführung seines Buches in eine parteipolitische Agenda übersetzen“, ist eine weitere solche Stilblüte.

Dabei geht es Kissler gerade um Sprache
„Zu ihrer Frau zuhause können sie sagen was sie wollen, in der Öffentlichkeit wird’s dann schwieriger“, erklärt der Focus Redakteur dem ihm gegenüber mehrheitlich skeptischen Publikum. Seine Beteuerungen, dass es ihm ebenso um den Erhalt der „autochthonen Bevölkerung“ in Deutschland gehe, helfen nicht, die Skepsis abzubauen. Erst habe man „Gastarbeiter“ gesagt, dann „Ausländer“ und jetzt „Migranten“. Migranten bedeute vom Wortursprung her „sie wandern“. Man möchte wohl sagen, „die sind gar nicht richtig da“, scherzt Kissler abgeschmackt. Derlei Clownerien hat er eine ganze Reihe im Gepäck, zum Leidwesen des Humors. Kissler empfiehlt, den „Sprachreglungen“ eine „Ausweitung der Formulierungszone“ entgegenzusetzen. Ob Kissler dieser großen und – wie wir erfahren haben – absolut tödlichen Aufgabe gewachsen ist? Die Ausweitung der Arschgeigen-Zone bis in städtische Einrichtungen hinein ist dem Publizisten, der für renommierte Zeitungen arbeitet, zumindest gelungen.

„Die Junge Freiheit ist ein legitimer Teil des Meinungsspektrums“

Schwer zu entscheiden, was einen mehr aufgebracht hat gegen die große Süddeutsche Zeitung: dass sie am ersten Oktober-Wochenende eine viertel-seitige Anzeige der neurechten Jungen Freiheit veröffentlicht hat oder wie sie mit der Kritik daran umgegangen ist. Ein gepfefferter Kommentar von Friedrich Burschel

Der Protest einer offenbar doch nicht unerheblichen Zahl von SZ-Leserinnen und Lesern richtete sich dagegen, dass ein bundesdeutsches bürgerliches Leitmedium der Jungen Freiheit (JF), einer Art „Nationalzeitung“ der Besserverdienenden und akademisch Gebildeten, ihre Anzeigenspalten öffnete und so der Normalisierung von Standpunkten Vorschub leistete, die zutiefst antidemokratisch und antihumanistisch sind. Der offen affirmative Bezug der JF und ihrer Autorenschar (etwa aus dem völkisch-konservativen „Institut für Staatspolitik“ (IfS)) auf die „Konservative Revolution“ der Weimarer Zeit und damit auf jene „seriösen“ Kreise erzreaktionärer Republikfeinde, Demokratieverächter und Totengräber der Weimarer Republik, schien sie als Anzeigenkundin für eine als immer noch liberal geltende Zeitung zu disqualifizieren.

Ein SZ-Redakteur wird konkret
Die SZ-Leserbrief-Abteilung wies zunächst darauf hin, dass die Anzeigen-Abteilung streng getrennt sei von der Redaktion und infolgedessen zum Geschäftsgebaren auch keine Leserzuschriften veröffentlicht würden: aus Gründen – ja, natürlich – der Seriosität. Der Protest gegen die JF-Werbung, unter anderem auch von Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und zahlreichen Leserbrief-Unterzeichnenden aus Wissenschaft und Bildung, blieb also auf den Seiten der SZ unberücksichtigt. Aber das letzte Wort in einer Debatte, die sie gar nicht zugelassen hatte, wollte sich das Münchener Traditionsblatt in schwäbischer Hand denn doch nicht nehmen lassen: „Die Junge Freiheit ist als eine Stimme der demokratischen Rechten in diesem Land ein legitimer Teil des Meinungsspektrums“, belehrt SZ-Redakteur Marc Felix Serrao die Protestierenden. Das mag ja stimmen: Es wird aber die Frage erlaubt sein, ob man diesem möglicherweise legitimen neurechten Medium tatsächlich seine Seiten zum Zwecke der Werbung öffnen und ihm so ein hochkarätiges Forum bieten will.

Nicht aktzeptabel
Sich die Unterstützung einer Postille, auf deren Seiten sich Geschichtsrevisionisten, Faschismus-Verharmloser, Antidemokraten und „Gutmenschen“-Hasser tummeln, fürstlich entlohnen zu lassen und diesen, natürlich rein geschäftlichen Tabubruch auch noch als Einsatz für die Meinungsfreiheit zu verkaufen, ist eine verantwortungslose Frechheit, die ihres Gleichen selbst in Zeiten der „Das wird man wohl noch sagen dürfen“-Konjunktur sucht.

Erschien auf dem ver.di Portal, zitiert mit der Genehmigung des Autors

Treitschke heißt jetzt Münch, sonst ändert sich nüscht

Kein bürgerliches Presseorgan hat in Deutschland mehr dazu beigetragen, Israel zu diskreditieren, als die Süddeutsche Zeitung. Nachdem sich der SZ-Journalist Thorsten Schmitz 10 Jahre lang einseitig am Thema vergehen durfte, ist heute Peter Münch sein Nachfolger. Der lässt den alten Treitschke wieder aufleben.

Peter Münch veröffentlichte seit seinem Antritt als Israelkorrespondent der Süddeutschen Zeitung eine ganze Reihe mitunter schäumender Beiträge zu Lasten Israels. Häufig sind gleich zwei Artikel in einer Ausgabe der Tageszeitung: ein leidlich „neutraler“ Artikel und ein Kommentar. Münch spricht in seinen Texten Israel das Existenzrecht zwar nicht vordergründig ab, aber stellt es konkludent in Frage, indem er mit dem Existenzrecht verbundene Selbstverteidigungsbemühungen Israels ausnahmslos als überzogen und maßlos zu kritisieren weiß. Gegenstand seiner Kritik sind nicht nur Israels Militäraktionen oder Grenzziehungen. Selbst Israelis auf Reisen macht er verdächtig, einem „Volk von Botschaftern“ anzugehören, das im Ausland die Informationsseiten der israelischen Regierung nachbete.

Münch möchte zu einer „Normalisierung“ im Bezug auf Israel beitragen, hat er in seinem ersten Beitrag in neuer Funktion auf der Meinungsseite der SZ verlautbart. Das ist ihm gelungen. In Deutschland und anderen Orts war es immer wiederkehrende Normalität, die Nachkommen der Jüdinnen und Juden, nicht trotz, sondern wegen der Verbrechen an ihren Vorfahren, besonders kritisch in Augenschein zu nehmen. Lion Feuchtwanger spielte darauf an, als er in seinem Roman „Jud Süß“ dem Juden Landauer, bezugnehmend auf die Pogrome in Ravensburg, in den Mund legte:

Aber wenn man solches Unrecht getan hat, versteht sich, dass man weiter gegen den [dem Unrecht widerfahren ist] gereizt ist, auch nach 300 Jahr.

Die Wahrheit wieder unverkrampf aussprechen dürfen
Münchs Ankündigkung, für eine „Normalisierung“ zu sorgen, hätte auch sein können, den kleinen Staat mit Desinteresse zu strafen, gerade so, wie es die SZ-Redaktion für gewöhnlich mit kleinen Staaten in Asien oder Afrika hält. Unter „Normalisierung“ versteht Münch aber etwas anderes: Eben das aussprechen, was Millionen Deutsche über den Judenstaat denken (wollen) und bislang angeblich nicht zu sagen wagten. Wie die peinvolle Anomalie der deutschen Presseorgane – bevor Münch erschien und die langersehnte „Normalisierung“ vorantrieb – beschaffen gewesen sein soll, muss Münch nicht weiter ausführen. Im Bewusstsein der Leserinnen und Leser bahnt sich mit den Schlagworten „Israel“ und „Normalisierung“ sogleich ein Eindruck den Weg. Nämlich der, über den Judenstaat würde aufgrund der Geschichte in Deutschland viel zu nachsichtig berichtet. Und: damit müsse nun endlich Schluss sein.

Die Ansicht, mit Jüdischem würde nicht hart genug ins Gericht gegangen, wird seit Jahrhunderten widerlegt, von Antisemitinnen und Antisemiten aber regelmäßig aktualisiert. Umso größer das vergangene Verbrechen an Jüdinnen und Juden war, umso hartnäckiger schien der Verdacht, mit Jüdischem deshalb im Nachgang zu milde umzuspringen. Als früher Beleg könnte Luther dienen, der sich seinerzeit schon über eine angebliche Nachsichtigkeit mokierte: Einem Dieb wird die Hand abgeschnitten, aber ein jüdischer Wucherer kommt davon, kritisierte der Religionsreformer. Ein besseres Beispiel gibt der nationalliberale Politiker Heinrich von Treitschke im Rahmen des sogenannten „Berliner Antisemitismusstreits“ (1870-1872). Treitschke bekräftigt in seinem Aufsatz „Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage“, seit vielen Jahren würde auch in der „feinen Gesellschaft“ immer leidenschaftlicher, ohne Unterschied der Partei, der „Übermut des Judenthums“ erörtert. Viele trügen aber Bedenken in sich, die „Wahrheit“ über das Judentum in der Öffentlichkeit anzusprechen. Sie befürchten laut Treitschke in die Nähe der „radicalen Parteien“ gerückt zu werden, oder mit dem Erinnern an die Hep-Hep-Pogrome (1819) von „Synagogenverein“ und „jüdischer Presse“ mundtot gemacht.

Perpetuum Mobile Funktion im Antisemitismus: der Vorwurf „Überempfindlichkeit“
Wie es sich für die feine (SZ-)Gesellschaft gehört, erörtert auch Münch in seinem Artikel „Israel hat jedes Maß verloren“ den Übermut – zwar nicht des Judenthums –, aber der israelischen Politik. Münch beschreibt Israel als ein Land, das sich seit seinem Bestehen immer starker Anfeindung ausgesetzt sah. Aus diesem Umstand sei die „israelische Staatsräson“ erwachsen, alles aus dem „Blickwinkel der Bedrohung“ zu betrachten, was Münch einen „Tunnelblick“ nennt. Münch, das große Ganze hingegen fest im Blick, legt damit nahe, die israelische Politik sei – aufgrund der historischen Anfeindung – gewissermaßen überempfindlich und diese Überempfindlichkeit Teil des Problems, wenn nicht gar die allgemeine Konfliktursache.

Treitschke bescheinigt den deutschen Jüdinnen und Juden in seinem Aufsatz „Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage“ etwas Ähnliches. Auch Treitschke möchte eine „übertriebene Empfindlichkeit“ deutscher Jüdinnen und Juden festgestellt haben. Eine Erklärung liefert der Historiker an anderer Stelle: Die deutschen Israeliten hätten Narben, die durch „vielhundertjährige christliche Tyrannei sehr tief eingeprägt“ seien und sie stünden den Deutschen demzufolge fremd gegenüber. Treitschke unterstellt den lebenden Jüdinnen und Juden ein angebliches Fehlverhalten, indem er die Verbrechen an ihren Vorfahren heranzieht. Er wendet somit die historischen Verbrechen an Jüdinnen und Juden argumentativ gegen sie selbst. Ein Perpetuum Mobile Funktion könnte man sagen, eine beliebte Spielart des Antisemitismus ist es jedenfalls.

Kein „richtiges“ Volk
Münch setzt in seinem Artikel, „Israel hat jedes Maß verloren“ noch einen drauf. Weil es eben die (übertrieben empfindliche) „israelische Staatsräson“ gäbe, so Münch, müsse Israel insbesondere „verantwortungsbewusst“ und mit „Fingerspitzengefühl“ agieren. Diese Aussage ergibt auf den ersten Blick wenig Sinn. Warum sollte gerade Israel Fingerspitzengefühl beweisen und nicht beispielsweise vielmehr jene Staaten, die das junge Israel gleich nach der Staatsgründung 1948 angriffen – btw. nicht nur um Israel ungeschehen zu machen, sondern bei der Gelegenheit auch gleich die „Judenfrage in Palästina“ zu lösen? (Und warum assoziiere ich mit Verantwortungsbewusstsein vor allem, dass sich ein Israel-Korrespondent einer großen deutschen Tagszeitung mit den Grundzügen des Neuen Antisemitismus vertraut macht?)

Nachvollzogen kann der widersprüchliche Sinn erst nach teilweiser Rekonstruktion des von Münch verinnerlichten Israelbildes. Münch schreibt in seinem Artikel „Macht der Mauern“, dass sich Israel im Kern als „Heimatstätte eines leidgeplagten Volkes“ begreife und zusammengehalten würde, die israelische Gesellschaft aber ohne dieses Axiom „wohl in ihre ausgesprochen heterogenen Einzelteile zerfallen“ würde. Münchs Formulierung „ausgesprochen heterogenen Einzelteile“ ist hierbei interessant. Es ist ein weit verbreiteter Topos, das israelische Staatsvolk sei kein „natürlicher“ Zusammenhang, sondern eigentlich „künstlich“ in die Region „reingepflanzt“, während Menschen der meisten anderen Staaten quasi wie Eichen, Palmen oder Olivenbäume im Einklang mit ihrem angestammten Boden leben würden, es also etwas Homogenisierendes gäbe, das Menschen ansonsten „natürlich“ in einem Staat zusammenhält. Die historische Kontinuität dieser Ansicht ist nicht nur eine Schwundstufe der nach Entindividualisung strebenden Volk-Nation-Blut-Boden Ideologie, sondern auch die Übertragung des historischen antisemitischen Bildes von Jüdinnen und Juden auf den Staat Israel.

Betrachtet man Israel aber durch diese verschrobene Brille, so erscheint jede Anfeindung gegen Israel als gewissermaßen „natürliche Reaktion“ auf einen „unnatürlichen Staat“. Umso heftiger die Reaktionen auf die israelische Politik dann sind, umso heftiger muss das Versagen der israelischen Politik wohl sein, hat sich Israel nicht genug angepasst, oder war wieder „überempfindlich“. Umgekehrt, sollten die jüdischen Israelis vielmehr dankbar dafür sein, einen Judenstaat „bekommen“ zu haben, wohingegen der deutsche, russische, türkische u.s.w Staat als selbstverständlich angesehen wird. Auch letzteres Argumentationsmuster ist im Bezug auf Jüdinnen und Juden schon bei Treitschke zu finden. In Reaktion auf die sogenannte „Judenemancipation“, womit Jüdinnen und Juden im 19. Jahrhundert teilweise Bürgerrechte erlangten, schreibt Treitschke:

„die Juden sind dem neuen Deutschland etwas schuldig für das Werk der Befreiuung; denn die Teilnahme an der Leitung des Staates ist keineswegs ein natürliches Recht aller Einwohner [..] Doch statt Dankbarkeit sehen wir in einem Teile unseres Judentums ein Geist des Hochmuts aufwuchern“.

Es bedarf nur kleiner Änderungen, um Treitschkes Passage zu aktualisieren und damit einer oft vertretenen – wenn auch in dieser Deutlichkeit selten ausgesprochenen – Annahme nahe zu kommen:

„die israelischen Juden sind ihren Freunden etwas schuldig für das Werk der Staatsgründung; denn ein eigener Staat ist keineswegs ein natürliches Recht aller Völker [..] Doch statt Dankbarkeit sehen wir in einem Teile der israelischen Politik Verantwortungslosigkeit und fehlendes Fingerspitzengefühl aufwuchern“.

Literaturhinweise:

Heinrich von Treitschke: Unsere Aussichten
Heinrich von Treitschke: Herr Gaetz und sein Judenthum
Heinrich von Treitschke: Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage