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Siegfried Benker: Ein Hausbesetzer tritt ab

Sechzehn Jahre lang war er grüner Fraktionsvorsitzender im Münchner Stadtrat. Künftig wird Siegfried Benker den städtischen Altenheimbetreiber Münchenstift leiten. Damit verliert die antizionistische Bewegung einen einflussreichen Verbündeten. Aber auch der Stadtrat verliert – einen großen Kämpfer für Flüchtlingsrechte.

Vor einem Transparent mit den markigen Worten „Der Profit der einen ist die Wohnungsnot der anderen“ steht der noch junge Siegfried Benker. Erkennungszeichen: Parker, Buttons, lange Matte. Es ist eines der Bilder, die der grüne Politiker und gelernte Sozialpädagoge auf seiner eigenen Website unter der Rubrik „Privat“ aufreiht. Benker ist dem linken Milieu der 80er Jahre entsprungen, das lässt er alle wissen. Aus diesem Umfeld stammen seine Wählerinnen und Wähler, die er jahrzehntelang hegte und pflegte, um sie ihm und den Grünen gewogen zu halten. Dazu tat er regelmäßig seinen Dienst bei Ostermärschen und den Protesten gegen die Münchner Sicherheitskonferenz. Er war der verlängerte Arm der Friedensbewegung im Stadtparlament, schneiderte aus ihren Anliegen formale Anfragen und Anträge. Jetzt trat er ab. Seit dem 01. April 2013 leitet er die städtischen Altenheime Münchenstift.

Blickt man auf Benkers Lebenswerk im Münchner Stadtrat zurück, war nicht alles schlecht. Er war in den frühen 90er Jahren Gegenspieler von OB Georg Kronawitter (SPD), der sich bundesweit als Hetzer gegen die Asylgesetze hervortat („Hier ist jedes Loch besetzt“, 1992) und dessen Handlanger Hans-Peter Uhl (CSU) im Kreisverwaltungsreferat. Benker setzte sich immer wieder für Flüchtlinge und gegen Abschiebung ein, kritisierte die unmenschliche Unterbringung in den Lagern und verschaffte den Anliegen von Flüchtlingsorganisationen Gehör. Mit „Refugio“ setzte er am Verhandlungstisch eine kommunale Anlaufstelle für Geflüchtete durch, die bis heute erfolgreich arbeitet. Der Umgang mit geflüchteten und entrechteten Menschen muss für die Betroffenen in München nach wie vor zermürbend sein, aber ohne Benker sähe es noch deutlich finsterer aus.

Münchens Straßen und die eine Welt: Benkers Steckenpferde
Erfolge feierte der grüne Stadtrat auch bei Straßenumbenennungen. Beispielsweise wurde die nach dem Herero-Peiniger benannte Von-Trotha-Straße – gegen den Widerstand nahezu aller Anwohner – 2007 in Hererostraße umbenannt. Manche Bemühungen blieben aber nur Teilerfolge. Der Name der Meiserstraße wurde geändert, trägt heute aber den Namen der glühenden Antisemitin Katharina von Bora. Auch machte sich Benker erfolgreich im Stadtrat dafür stark, dass eine Straße nach Kurt Landauer benannt werden soll. Landauer war langjähriger Präsident des FC Bayern und wurde von den Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Die Kurt-Landauer-Straße befindet sich heute aber „in the middle of nowhere“, stellt FCB-Manager Rummenigge dann 2011 fest, „zwischen Autobahn und Kläranlage“, ergänzt ihn Charlotte Knobloch, Chefin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern. Das sei kein „würdiger Ort“, befinden beide.

Großen Aufwand betrieb Benker bei der Unterstützung des „Eine-Welt-Hauses“ – einer im Jahre 2001 ins Leben gerufenen, multikulturellen Begegnungsstätte, der immer wieder die Schließung oder der Entzug der Förderung drohte. Einerseits ist das „Eine-Welt-Haus“ ein wichtiger Ort der Selbstverwaltung für viele migrantische Gruppen. Andererseits können sich dort antizionistische Vereine frei entfalten. Mit dem israelbezogenen Antisemitismus der Vereine – der auf Veranstaltungen teilweise fließend in ganz ungeschminkten Antisemitismus übergeht – setzt sich das Haus nicht kritisch auseinander, sondern fördert diesen nachgerade. Der Stadtrat Marian Offman, Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, machte bereits mehrmals auf die „sehr israelkritischen Kreise“ aufmerksam – ohne Wirkung. Seitens der Fürther Grünen wurde ebenfalls Kritik laut. Doch Benker ist der Ansicht, solche Veranstaltungen müssten möglich sein, „auch wenn Dinge gesagt werden, die problematisch sind“.

Parlamentarische Stimme der antizionistischen Bewegung
Als die antizionistische Ausstellung „Alltagsszenen aus Palästina“ bzw. „Lebensrealitäten in Palästina“ 2001 endlich aus den Münchner Schulen verbannt wurde, forderte Benker eine Fortführung dieser „friedenspädagogischen Maßnahme“. Im gleichen Jahr setzte er sich für eine weitere städtische Förderung der „Palästina Tage“ ein. Schlamassel Muc begleitet die alljährliche Veranstaltung seit 2010 mit kritischen Beiträgen. Es handelt sich bei den „Palästina Tagen“ um eine unangenehme Mischung aus kulturellem Kitsch, antiisraelischer Agitation und Blut&Boden-Romantik. Benker dazu: „Sicherlich wollen die Palästinenser dabei ihre Sicht der Dinge darstellen. Aber Grundlage eines jede Dialogs ist die klare Darstellung und Begründung der eigenen Position.“

Als der umstritte Historiker Ilan Pappe 2009 auf Einladung des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“ im Pädagogischen Institut sein Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“ vorstellen wollte, verwehrte ihm das Schulreferat kurzfristig den Zugang. Wieder war es Benker, der in einer Anfrage forderte, die Stadtspitze solle „Schadensbegrenzung“ betreiben und sich bei Pappe sowie den Veranstaltern entschuldigen. 2010 merkten bayerische Grüne an, dass der Antizionist Magdi Gohary eine zweifelhafte Wahl ist, um eine Ansprache bei den Protesten gegen die Münchner Sicherheitskonferenz zu halten. Benker nannte das „Präventiv-Verunglimpfung“. Man dürfe nicht „jede Kritik an der Politik Israels gleich mit Antisemitismus gleichsetzen“.

Es gibt im Münchner Stadtrat niemanden, der sich dort so kreativ und über einen so langen Zeitraum für antizionistische Gruppen stark gemacht hat, wie Benker. Er ist zwar bei der Verteidigung eines jeden Stolpersteins dabei, aber gewährte dem Neuen Antisemitismus Eingang in den Stadtrat – teilweise mit Erfolg. Insofern ist das Ausscheiden Benkers einerseits zu begrüßen, da die antizionistische Bewegung damit einen wichtigen Verbündeten verloren hat. Andererseits muss es weiterhin eine Vertretung von Geflüchteten und Entrechteten im Stadtrat geben. Das hat bislang hauptsächlich Benker übernommen. Insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Anfeindungen von Sinti und Roma sowie der Diskussion über die sogenannte „Armutsmigration“ werden diese Gruppen im Wahljahr eine starke Stimme im Stadtparlament benötigen.

Stadt will Straße nach Rassentheoretiker benennen

Eine Straße im Stadtbezirk Schwabing-Freimann könnte künftig den Namen des Bauhäuslers Johannes Itten tragen. Itten war seiner Zeit ein bekannter Bauhaus-Designer – aber nicht nur – sondern auch der prominenteste Vertreter der rassistischen Mazdaznan-Sekte in Deutschland.


Itten im klassischen Fummel der Mazdaznan

Auf dem Gelände der ehemaligen Funkkaserne entsteht ein Neubaugebiet mitsamt vier neuer Straßen. Diese sollen die Namen der Bauhäusler Fritz Winter, Getrud Grunow, Max Bill und eben Johannes Itten tragen, beschloss der Bezirksausschuss Schwabing-Freimann. Der senile „Ältestenrat“ gab seinen Segen. Die problematische Stellung von einem der vier Designer kann den Gremien dabei nur schwerlich entgangen sein, denn sein Engagement ist hinreichend bekannt. Johannes Itten war Anfang des 20. Jahrhunderts Zugpferd einer rassistischen Sekte namens Mazdaznan. Er missionierte an den Universitäten weite Teile seiner Studierenden und begab sich auf Vortragsreise im Dienste der straff geführten Mazdaznan-Organisation. Auch arbeitete Itten bei der Konkretisierung der wirren Thesen mit, brachte die Ideologie in die Bauhausphilosophie ein.

Das „auserwählte Herrschervolk“
Mazdaznan war im Grunde eine spirituell aufgeladene völkische Rassenlehre. Sie entstand aus unterschiedlichen esoterischen Versatzstücken um die Jahrhundertwende 1900. Im umfassenden Werk von Bernd Wedemeyer-Kolwe „Der neue Mensch: Körperkult im Kaiserreich und der Weimarer Republik“ werden die Grundlagen beschrieben. Der Lehre nach empfing Zarathustra 7.000 vor Christus in Tibet das „wahre Evangelium, die Universalreligion der weißen Rasse“. Durch „Rassenmischung“ sei die eigentliche Lehre vom Gott „Mazda“ dann aber nahezu in Vergessenheit geraten. Sowie nicht überliefert wurde, dass Jesus eigentlich ein Arier gewesen sei. Jetzt gelte es achtsam durch Höherzüchtung, Eugenik, Geschlechtshygiene und Rassenzucht wieder zu alter arischer Form zu kommen. Die „arische Rasse“ leide außerdem an einer „verkehrten Diät und falschem Atmen“. Durch eine Reinigung des Körpers mittels fleischloser Ernährung und einer neuen Atemtechnik soll „der Arier“ dann wieder zur „Verwirklichung der höchsten Menschheitsideale“ fähig werden, womit sich die „weiße Rasse“ dann schlussendlich erheben könne. Hierzu entwarf die Organisation zahlreiche Gesundheitstools, wie zum Beispiel einen Darmbadeapparat. Wie viele andere Lebensreformer begrüßten auch die Anhänger der Mazdaznan-Bewegung den Nationalsozialismus. Insbesondere über die Sterilisationsgesetze waren sie voll des Lobes. Allerdings kritisierten sie, dass diese nicht konsequent genug umgesetzt würden. Zwar verhinderten die Gesetze die Zeugung von „Kranken“, aber es fehle den Nazis an Methoden, nurmehr gesunde und begabte Kinder nach Wunsch zu erzielen. Hierzu seien die „eugenischen Gesetze der zarathustrischen Wiedergeburtslehre“ anzuwenden. Weil nur „wahre Arier“ Mazdaznan spritiuell erfahren könnten, würde damit von jenen falschen Ariern unterschieden werden können, die „mischrassigen, unreinen Blutes“ seien.

Die Anzahl der unbelasteten deutschsprachigen Helden ist scheinbar sehr begrenzt
Mit der Wahl von Itten zum Namenspatron einer neuen Straße könnte dem rot-grünen Stadtrat wieder einmal ein großer Wurf gelingen. Erst kürzlich wurde eine Straße, benannt nach dem antisemitischen Landesbischhof Meiser, in eine Straße zu Ehren der nicht weniger antisemitischen Katharina von Bora umbenannt.

Weiterführendes:
Beschlussentwurf Stadtrat
„Der neue Mensch: Körperkult im Kaiserreich und der Weimarer Republik“, Kapitel Mazdaznan
Just for the record
50 Jahre Treitschkestraße

Just for the record

Hans Meiser war Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zwischen 1933 und 1955. Weil er ein glühender Antisemit war, forderten die Grünen im Stadtrat die Umbenennung der Meiserstraße. Jetzt ist die Straße nach Katharina von Bora benannt. Das zeigt vor allem eines: Die Verantwortlichen haben den Kern des Problems nicht erfasst.

Da die Nationalsozialisten den Eindruck hatten, der Name Treitschke sei „für den Münchner Volksmund schwer auszusprechen“, stellten die Nazis das Vorhaben, die Paul-Heyse-Straße in Treitschkestraße umzunennen, vorerst zurück. Es brauchte schließlich einen SPD-Bürgermeister, der 1960 eine Straße in München mit dem Namen desjenigen ausstattete, der die Formulierung „die Juden sind unser Unglück“ in Umlauf brachte. Drei Jahre zuvor, 1957, war es ebenfalls ein SPD-Bürgermeister, Thomas Wimmer, der direkt am ehemaligen „Ehrentempel“ der NSDAP die Meiserstraße einweihte. Das ging insbesondere deshalb sehr gut zusammen, weil Meiser mit den Nationalsozialisten einige Ansichten teilte. So hat er 1926 in einer Kirchenschrift von einem „alles nivellierenden, die sittlichen Grundlagen unseres Volkstums zersetzenden, bis zur Laszivität ausschweifenden jüdischen Geist“ gewarnt. Auch hat Meisner nach dem Überfall auf Polen 1939 alle bayerischen Pfarrer angewiesen, anlässlich des Erntedankfestes für die „überreiche Ernte auf dem polnischen Schlachtfeld zu danken“.

Münchner Entscheidungswege
Nachdem die Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße 2007 in Nürnberg beschlossen wurde, stellten die Grünen 2007 einen zweiten Antrag in München. Der erste Antrag der Grünen wurde 1999 vom „Ältestenrat“ der Stadt abgelehnt. Der zweite Antrag hatte Erfolg. Allerdings sorgte sich der Stadtrat um das Klagerecht der Kirche. Zwingende Gründe für die Umbenennung hätten im Falle einer Klage vor Gericht nachgewiesen werden müssen. Deshalb schnapselte der Oberbürgermeister mit dem Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirk München auf dem Neujahresempfang 2008 einen Deal aus. Dem Dekanat wurde das Recht eingeräumt, einen neuen Namen selbst vorzuschlagen. Die Stadtdekanin Kittelberger teilte Ude im Januar 2008 ihren Entschluss mit, die Stadt möge anstellte Meisers, Luthers ehemalige Gattin namens Katharina-von-Bora einsetzen. Nachkommen von Meiser und der Bezirksausschuss Maxvorstadt wehrten sich gegen den Beschluss. In einem Brief zitiert der Ausschuss einen Kirchenvertreter, der Meiser bescheinigt, ein „zeittypischer Repräsentant des Luthertums“ zu sein (was vermutlich gar nicht mal so falsch ist) und zu bedenken gibt, dass „Erinnerungswürdiges selten in Reinkultur zu haben“ sei. Doch der Bezirksausschuss konnte sich nicht durchsetzen. Auch scheiterten die Nachkommen Meisers mit ihrer Klage.

Katharina von Bora – „noch judenfeindlicher als ihr Mann“
Im Falle Meiserstraße hätte es gute Lösungen gegeben. Zum Beispiel den Straßennamen zu belassen und rundherum den Beitrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche zum Antisemitismus und die mangelnde Sensibilität der SPD in der Nachkriegszeit zu dokumentieren. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, mit dem neuen Straßennahmen an Opfer zu erinnern, beispielsweise an die toten Polinnen und Polen, die Meiser so erfreuten. Die denkbar schlechteste Möglichkeit war, anstelle einer antisemitischen Person eine andere antisemitische Person zu setzen. Denn die neue Namensgeberin, Katharina von Bora, eine ehemalige Gemahling Luthers, war laut Friedrich W. Graf, Professor für Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, „noch judenfeindlicher als ihr Mann“. Für den Tod Luthers gab sie den Jüdinnen und Juden die Schuld. In einem Brief an von Bora charakterisierte der erkrankte Luther seine Partnerin mit den Worten:

„Liebe Kethe! Ich bin ja schwach gewesen auf dem Weg hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn du wärest da gewest, so hättestu gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewest. Denn wir mussten durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viel Juden innen wohnen, vielleicht haben sie mich so hart angeblasen.“

Beschlüsse und Anträge im Stadtrat:
Beschlüsse und Anträge
Anfrage der NPD Tarnorganisation „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ | Antwort

50 Jahre Treitschkestraße

Im 19. Jahrhundert begann für die europäischen Juden eine vergleichsweise gute Zeit. Zumindest hatten sie durch die jüdische Emanzipation die Bürgerrechte erlangt und damit bessere Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Doch auch diese Phase war von krassen Rückschlägen gekennzeichnet. Bei den „Hep Hep“ Pogromen von 1819 kam es in zahlreichen Städten zu folgenschweren Übergriffen auf Juden und ihr Eigentum. Auch die Wirren der Revolution von 1848/49 waren Antisemiten ein willkommener Anlass, ihre Gesinnung in die Tat umzusetzen. Ab den 70er Jahren erstarkte dann im kleinbürgerlichen Lager erneut eine antisemitische Bewegung, die sich gegen die jüdische Emanzipation richtete. Herausragend war der Einfluss des Hofpredigers Adolf Stoecker. Der Theologe hetzte mit Petitionen, Magazinen und flammenden Reden den kleinbürgerlichen Mittelstand gegen die Juden auf. Der Journalist Wilhelm Marr gründete 1879 die „Antisemitenliga“. Das akademische und politische Milieu hingegen versuchte von erklärten Antisemiten mehrheitlich Abstand zu halten. In einer Reihe mit Marr und Stoecker, wollte man sich nicht sehen.

Treitschkestraße in Moosach

„Die Juden sind unser Unglück“

Gerade deshalb provozierte Treitschkes Schrift „Unsere Aussichten“ (1879) eine heftige Kontroverse. Treitschke war ein prominenter Historiker, Abgeordneter des Reichstages und sicher keine Person, die zu den antisemitischen Stammtischlern und religiösen Eiferern zählte. In „Unsere Aussichten“ jedoch umschreibt Treitschke die antisemitische Bewegung ausgesprochen blumig, als eine „wunderbare, mächtige Erregung“, in den „Tiefen unseres Volkslebens“, die sich „gegen die weichliche Philanthropie unseres Zeitalters“ richte. Der „Instinkt der Massen“ habe im Juden eine „schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt“. Treitschke versichert den möglichen Bedenkenträgern unter den Lesern zuvorkommend, die antisemitische Agitation sei heute gewiss nicht „hohl und grundlos wie einst die teutonische Judenhetze des Jahres 1818“, sondern eine „natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat“. Vertreter unterschiedlichster Couleur, „bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf“ tönten heute wie aus einem Munde: „die Juden sind unser Unglück“.

Der „Berliner Antisemitismusstreit“

Die höchsten Kreise der Bildung, vor allem die Juden unter ihnen, reagierten prompt. In zahlreichen Zeitschriften erschienen Verrisse vom Text „Unsere Aussichten“ und das akademische Milieu veröffentlichte Gegendarstellungen. Eine weitreichende Maßnahme war die Erklärung gegen Antisemitismus, die von 75 Vertretern des politischen, wirtschaftlichen und akademischen Berlins unterzeichnet wurde (u.a. Oberbürgermeister Forckenbeck, Werner von Siemens, Max Weber Senior). Treitschke erreichten dutzende Beschwerdebriefe. Um mit seinen Worten zu sprechen: „Das ganze Füllhorn deutscher Entrüstungssuperlative wurde über mich hinab geschüttet“.

Vater des modernen Antisemitismus

Die Einschätzung Treitschkes, dass man ihn nicht mit „den beliebten Schlagworten ‘unduldsamer Pfaff’ oder ‘der Jude wird verbrannt’ abfertigen“ könne, sollte sich leider als richtig erweisen. Treitschke genoss die Rolle des Tabubrechers sichtlich. Und Antisemiten konnten mit seiner Person auf einen prominenten Fürsprecher im bürgerlichen Lager verweisen. Vertreter unterschiedlichster Fraktionen erkannten diese Gefahr ohne Mühe. Der Freihändler Oppenheim stellte schnell fest, nur die „vornehmere Motivierung“ unterscheide Treitschke von radikalen Antisemiten. Der konservative Historiker Breßlau warf Treitschke gar vor „das Böse zu schaffen“. Der Theologe Classen hieß Treitschkes Thesen weitsichtig „die Feuerzünder von jeglichem Fanatismus, der sich heute gegen Juden, morgen auf andere Gesellschaftsklassen, bald auf die Kirche und den Staat werfen kann“. Der damalige Althistoriker Theodor Mommsen – der erste Deutsche mit Literaturnobelpreis übrigens – nannte Treitschkes Schriften das „Evangelium der Intoleranz“, das den „Kappzaum der Scham“ von der antisemitischen Bewegung genommen habe und „jetzt schlagen die Wogen und spritzt der Schaum“. Mommsen brachte die Sache auf den Punkt: „Treitschke ist der Vater des modernen Antisemitismus“.

Held der Nationalsozialisten

Die Antisemiten teilten Mommsens Einschätzung. Lehnhardts merkte in seinem Werk zur antisemitischen Bewegung (1884) volles Lob an, Treitschkes Schrift sei die „Proklamierung der Salonfähigkeit des Antisemitismus“ gewesen. Auszeichnungen dieser Art rissen unter den Nationalsozialisten – wie man sich denken kann – nicht ab. In der Treitschke-Biographie aus dem Jahre 1935 werden Treitschke und Stoecker als „die beiden Männer“ beschrieben, die „entscheidend für den Fortgang der antisemitischen Bewegung“ wurden, weil sie im „Brennpunkt des Kampfes“ standen. Treitschke stieg zum Helden der Nationalsozialisten auf und erlebte unter ihnen post mortem eine publizistische Renaissance. Nicht nur seine politischen Aufsätze, auch sein Hauptwerk, „Die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“ wurde von der „Reichstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ in die Liste der „100 wichtigsten Schriften unserer Zeit“ aufgenommen. Alfred Rosenberg selbst lieferte 1933 das Vorwort und pries die Lektüre für „neue deutsche Vorbilder und Führer“ an. In Treitschkes Texten ist tatsächlich auch wenig zu finden, was einem Nationalsozialisten den Tag vergählen könnte, hingegen umso mehr, was den Nazis als Begründung ihrer Politik dienlich war. Ein Beispiel aus dem Aufsatz Treitschkes zum „Deutschen Ordensland Preußen“:

„Bei dem unseligen Zusammenprallen tödlich verfeindeter Rassen ist die blutige Wildheit eines raschen Vernichtungskrieges menschlich minder empörend als jene falsche Mildheit der Trägheit, welche die Unterworfenen im Zustande der Thierheit zurückhält, die Sieger entweder im Herzen verhärtet oder sie hinabdrückt zu der Stumpfheit der Besiegten.“

Ein Radikaler in der Mitte der Gesellschaft

In seinen Vorlesungen und Aufsätzen hetzte Treitschke nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen fast alle Länder rund ums Reich und in Reichweite. Die Deutschen verkörperten für Treitschke „das Element der Gesittung in jenem Völkerchaos“. Die „Gesittung“ müsse durch Kriege herbeigeführt werden, denn Krieg galt Treitschke „bei aller Härte und Rohheit“ auch als das „Band der Liebe zwischen den Menschen“. Ein gebildetes Volk drohe in Friedenszeiten dem Hedonismus zu verfallen. Treitschke sprach sich gegen den Freiheitsentzug und ersatzweise für die Wiedereinführung von Prügel, Pranger und Todesstrafe aus. Er war ein Rassist ersten Ranges und selbstverständlich das erste prominente Mitglied der Berliner Ortsgruppe des „Deutschen Kolonialvereins“. Carl Peters, die „blutige Hand“ der deutschen Kolonien in Afrika, war sein Schüler. Der Sozialdemokratie galt Treitschkes gesonderte Abneigung. Sie war ihm „die Eiterbeule am Laibe unseres Volkes“, die „Schule des Verbrechens“, der mit der „Sprache der Gewalt“ entgegenzutreten sei. Die Sozialdemokraten hielten von Treitschke auch nicht viel. Seine Haltung und auch seine Arbeit als Historiker war Ziel ihres Spotts. Der sozialdemokratische Historiker Mehring charakterisierte Treitschkes Hauptwerk „Die Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“ so zynisch wie treffend: „Wenn d a s Bildung von Charakteren sein soll, so ist der erste beste Biertisch eine Charakterschule ersten Ranges“.

Wie kam die Treitschkestraße nach München?

Anfang des 20. Jahrhunderts und vermehrt unter den Nationalsozialisten schossen in ganz Deutschland die Treitschkestraßen aus dem Boden. Doch erst seit einigen Jahren entwickelt sich ein kritisches Verhältnis. In Nürnberg gelang es einer Parteien-Initiative in den 90er Jahren, die Treitschkestraße nach der jüdischen Sozialdemokratin Anna Steuerwald-Landmann zu benennen. Der Bezirksbeiräte in Stuttgart-Sillenbuch stimmten Ende 2009 mehrheitlich für eine Namensänderung. Im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorft streitet die SPD deswegen seit knapp einer Dekade mit der CDU. Im rot-grün regierten München aber blieb die kleine Seitenstraße mit dem prominenten Namen bislang weitestgehend unbemerkt. Das liegt vor allem daran, weil die Münchner Treitschkestraße ein spezieller Fall ist. Die Sozialdemokraten haben sie nämlich selbst mit beschlossen. Zwar wollten ihnen die Nationalsozialisten schon 1939 zuvorkommen und die Paul-Heyse-Straße am Hauptbahnhof in Treitschkestraße umtaufen. Doch das Vorhaben wurde damals „zurückgestellt“, weil die Nationalsozialisten den Eindruck hatten, der Namen Treitschke sei „für den Münchner Volksmund schwer auszusprechen“. 20 Jahre später schien der Münchner Volksmund aber trainiert genug. Im Jahre 1960 – vor 50 Jahren genau – wurde die Treitschkestraße unter einem SPD-Bürgermeister eingeweiht.

Münchens schöner Sinn für das Gerechte und Wahre

Deshalb lehnte auch die Münchner Stadtverwaltung im Dezember 2009, versehen mit der elektronischen Unterschrift des Oberbürgermeisters, die Forderung „Treitschkestraße umbenennen“ entschieden ab. Das ging ihr zudem leicht von der Hand, da die Forderung der 39 Teilnehmer nur auf einem kleinen Münchner Bürgerportal laut wurde, kein Ort also, der einen gestandenen Verwaltungsapparat aus dem Konzept bringen könnte. Aber die Antwort der Stadtverwaltung lässt doch aufmerken. Ganz so, als hätte vor 130 Jahren noch niemand Treitschke den „Vater des modernen Antisemitismus“ genannt, erklärt die Stadtverwaltung Treitschke zum Antisemiten aus „heutiger Sicht“. Im „historischen und politischen Kontext des 19. Jahrhunderts“ gesehen aber, sollten dessen Äußerungen anders bewertet werden. Außerdem habe der Historiker Treitschke zwar keine „eigene Schule begründet“, aber „ seine fünfbändige ‘Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert’ der Geschichtswissenschaft wichtige Impulse gegeben“. Der „fragwürdigen Haltung gegenüber Juden“ hält die Stadtverwaltung kurzer Hand ein Zitat von Golo Mann entgegen:

„Dieser große Schriftsteller [Treitschke] gilt gemeinhin als Antisemit, und das war er auch; dennoch hätten etwa die Nazis mit seinem Antisemitismus durchaus nichts anfangen können. Treitschke war ein leidenschaftlicher, zorniger Patriot, sehr entschieden in seinem Urteil, aber mit einem schönen Sinn für das Gerechte und Wahre; etwas Unwahres, etwas Gemeines wäre nie aus seiner Feder gekommen …“

Golo Mann und der Antisemitismus

Das Zitat entstammt ursprünglich einer Ansprache, namentlich „Zum Antisemitismus“, die Mann im Jahre 1960 vor dem Rhein-Ruhr-Club zu Düsseldorf gehalten hat. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie verquast sich einige deutsche Intellektuelle im Schatten des Holocausts anfänglich herumdrückten. Mann entfaltet in seiner Rede einen unheimlichen Horizont angeblicher Formen des Antisemitismus. Die Bandbreite erstreckt sich von „antisemitischen Lausbübereien“ bis hin zum Antisemitismus „im niederträchtigsten Sinne unseres Zeitalters. Der „milde Durchschnittsantisemit“ sowie ähnlich verharmloste Identitäten, wären laut Mann jederzeit „auszuhalten gewesen“. Zur „schandvollen Katastrophe“ geführt habe nur der „echte Antisemit, der Fanatiker“. Keineswegs fanatisch will ihm dabei Treitschkes Text „Unsere Aussichten“ vorkommen, im Gegenteil. Denn es hätte doch tatsächlich nicht-angepasste „jüdischen Typen“ aus Polen gegeben. Auch von deutsch-jüdischen Intellektuellen wüsste man, die eine „in gewissem Sinn entwurzelte Existenz“ geführt haben sollen. Der Ausdruck „jüdisch-zersetzend“ sei demnach – bis in die Weimarer Zeit hinein – nicht „völlig ohne Boden“ formuliert worden. Gegen Ende seines Vortrages lässt sich Mann dann, im Hinblick auf die junge Bonner Republik, zu einer krassen Aussage hinreißen:

„Wenn die Bundesrepublik heute mehr Glück hat, […] einer Mehrheit von Deutschen viel mehr als ihr eigenes Heim gilt als die Weimarer Republik es je tat, so liegt es zweifellos zu einem guten Teil daran, dass es in der Bundesrepublik praktisch keinen Juden mehr gibt. […] Man könnte den Akt des Massenmordes insofern als erfolgreich bezeichnen.“

Diese Rede sollte für Mann 1962 unangenehme Folgen haben. Nach seiner Berufung an die Frankfurter Universität intervenierten die dort aufgestellten Professoren Adorno und Horkheimer. Mit einem Verweis auf die Rede „Zum Antisemitismus“ und dem empörten American Jewish Committee im Rücken, drängten Adorno und Horkheimer den damaligen Kultusminister Hessens dahingehend, Mann den Lehrstuhl unmöglich zu machen. Die Intervention war erfolgreich. Mann durfte die Stelle nicht antreten. Dieser Hintergrund scheint der Münchner Stadtverwaltung aber kein Anlass, aus Manns Rede nicht noch im Jahre 2009 Fragmente zu zitieren.

50 Jahre und kein Ende

Auch wenn nicht eine gerade Linie von Treitschke zum Holocaust führt, ist unstrittig, dass Treitschke einen federführenden Anteil zur Rehabilitierung des Antisemitismus und zum Erstarken der antisemitischen Bewegung beigetragen hat. Diesen Zusammenhang erkannten viele, vor allem (!) seiner Zeit. Treitschkes Lebenswerk, die „Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“, stellt diesen Beitrag nicht in den Schatten. Anders als bei Luther oder Wagner hinterließ Treitschke kein Kulturerbe für Millionen, sondern eine radikale und vergessene Geschichtsinterpretation. Seine Schriften verstauben heute in den Kellern der Bibliotheken. Eines meiner Exemplare aus der Münchner Bibliothek am Gasteig war gar noch mit dem Stempel „Adolf Hitler Schule Chiemsee“ versehen, eine Eliteakademie für zukünftige Nazi-Kader. Dass Treitschke der Geschichtswissenschaft „wichtige Impulse“ gegeben hat, ist demnach nur schwer von der Hand zu weisen. Ein Straßenfest legt das 50-jährige Bestehen der Münchner Treitschkestraße allerdings nicht nahe.

Weiterführende Links:
Stellungnahme der Jusos München
Audiovortrag zum „Berliner Antisemitismusstreit“