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Aufruf zur Protestkundgebung gegen die antisemitische Desensibilisierung

Kommt heute, Donnerstag, zur Protestkundgebung anlässlich der Verleihung des Ernst-Hoferichter-Preises an den Karikaturisten Dieter Hanitzsch! Kein Preis für antisemitische Karikaturen! Gegen jede Desensibilisierung; antisemitische Propaganda muss ehrabschneidend bleiben!

2018 verlor der Karikaturist Dieter Hanitzsch aufgrund einer von ihm angefertigten antisemitischen Zeichnung und seiner anschließenden Haltung sein Engagement bei der Süddeutschen Zeitung (sz). Heute soll er von Vertretern der Stadt einen Preis für seine publizistische Tätigkeit erhalten. Bislang stritt Hanitzsch den antisemitischen Gehalt seiner Karikatur ab, die er anlässlich einer Twitter-Botschaft von Benjamin Netanjahu zeichnete. Der israelische Präsident hatte 2018 der israelischen Sängerin Netta über Twitter gratuliert, als diese den Eurovision Song Contest (ESC) gewann. Das empörte die sz und ihren ehemaligen Zeichner.

Warum betreffende Zeichnung antisemitisch war und ist:
Öffentliche Glückwünsche von Staatsoberhäuptern bei internationalen Wettbewerben gibt es zuhauf. Und keinem wurde bislang unterstellt, den ESC aufgrund seiner öffentlichen Glückwünsche „für seine Zwecke“ zu missbrauchen. Außer es handelt sich um den israelischen Präsidenten. Die sz und Hanitzsch haben mit der Skandalisierung der Glückwünsche Netanjahus an den jüdischen Staat einen doppelten Standard angelegt. Das ist ein Indiz für eine antisemitsche Motivation, aber noch kein Beweis.

Was hatte Netanjahu also getwittert? Als die israelische Sängerin Netta live im Fernsehen ihren Sieg feierte, rief sie: „Next year in Jerusalem!“ ins Publikum. Netanjahu wiederholte ihre Worte auf Twitter umgehend beglückwünschend: „Next year in Jerusalem!“. Sie drückten damit beide zum einen ihre Freude darüber aus, dass der ESC 2019 aufgrund von Nettas Top-Platzierung in Israel stattfinden wird.

Zum anderen benutzten sie mit „Next year in Jerusalem“ dafür eine stehende Redewendung. Sie wird von Jüdinnen und Juden seit Jahrhunderten am Ende des Jom Kippur-Fastens und nach dem Pessach-Essen gesungen. Sie ist Teil eines Rituals, das Hoffnung und Freiheit ausdrückt. Die sz, namentlich die Journalistin Andrea Föderl-Schmid, und Hanitzsch haben das traditionalistische Ping-Pong zwischen Netta und Netanjahu auf Twitter hingegen in ein politisches Statement Netanjahus umgelogen, der damit angeblich den Hauptstadt-Charakter Jerusalems bekräftigen hätte wollen.

Hanitzsch hob daraufhin das auch in Deutschland bei jüdischen Feierlichkeiten übliche Ritual, „Nächstes Jahr in Jerusalem“, ins Zentrum seiner boshaften Karikatur, die in der sz erschienen ist. Netta und Netanjahu verschmolz er zeichnerisch zu einer Person, als ob die israelische Künstlerin nur eine Hülle sei, durch deren Körper in Wahrheit der israelische Präsident gewalttätig agiere. Schlussendlich legte Hanitzsch eine mit dem jüdischen David-Stern markierte Rakete in den Hände seiner Netta-Netanjahu-Synthese.

Wer in diesem Statement und der anhängigen Karikatur keinen Antisemitismus erkennen kann, ist Teil des Problems. Mit der Verleihung des Ernst-Hoferichter-Preises an Hanitzsch werden Jüdinnen und Juden erneut verletzt! Mit den vorsichtigen Worten Charlotte Knoblochs gesprochen, der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern:

„Mit dieser Preisvergabe erweisen die Beteiligten dem Engagement für ein gedeihliches Miteinander in unserer Stadt einen Bärendienst.“

Hanitzsch’s Fürsprecher treiben den Protest auf die Straße:
Seit Tagen schwadronieren Hanitzsch’s Fürsprecher in den Medien und ziehen gegen jene zu Felde, die die Preisverleihung an Hanitzsch kritisieren. Der ehemalige Oberbürgermeister Ude und heutige Laudator warnte gegenüber dem Berliner Tagesspiegel vor „einem sehr kleinen Kreis, der versucht, Druck auf die Stadtpolitik auszuüben“. Knobloch selbst sei eine Getriebene dieser Gruppe, phantasiert Ude.

Der Kabarettist Helmut Schleich sah sich umgehend berufen, der jüdischen Gemeine Tipps zu geben. Diese sabotiere nachgerade mit ihrer Kritik an der Hanitzsch-Preisverleihung den Kampf gegen Antisemitismus. Gegenüber der Münchner Abendzeitung (az) gibt sich Schleich einerseits gönnerhaft. Es verstehe sich von selbst, wenn die jüdische Gemeinde „hochgradig achtsam ist gegen jede Form des Antisemitismus“, bemerkt er. Wo hingegen kein Antisemitismus sei, so Schleich weiter, aber dennoch „danach zu schreien, ist vielleicht nicht gerade dem Kampf gegen den Antisemitismus förderlich“, rät der Kabarettist den Juden.

Der Autor Hans Pleschinski wirft den Kritikerinnen und Kritikern gar „Freizeit-Hass“ vor, Hans Well (Ex-Biermösl-Blosn) gab gegenüber der az aktuell zu verstehen, dass bereits die Begründung der sz für den Rauswurf von Hanitzsch „an den Haaren herbeigezogen“ gewesen sei.

Hoferichter-Preisträger Sigi Zimmerschied stellt die Kritik an der Preisverleihung gar in eine Reihe mit religiös motivierten Protesten gegen religionskritische Karikaturen: „Wenn religiöse Eiferer meinen, sie müssen wieder mal Satire kicken, dann können sie das versuchen – das liegt im Wesen dieser Menschen. Aber sollte das wirklich gelingen, dem Hanitzsch diesen Preis wegzunehmen, dann werde ich meinen Hoferichter-Preis zurückgeben.“ Hanitzsch sei, bricht es aus ihm heraus, ein „Opfer von Kleingeistern, die glauben, sie müssen wieder irgendwas schützen, wofür sie sowieso zu winzig sind“.

Ebenfalls zu Wort meldete sich der Journalist Tillmann Spengler (Hoferichter-Preisträger 2013), der 2017 zu den 23 Erstunterzeichnern der erfolglosen Initiative „Hände weg von der Meinungsfreiheit in München!“ gehörte, die in Reaktion auf das Israelboykott-Verbot in städtischen Einrichtungen gegründet wurde. Hanitzsch zähle zum „Kreis der Anständigen“, bezeugte Spengler vor wenigen Tagen gegenüber der az.

Kein Preis für antisemitische Karikaturen!
Die Verächtlichmachung unserer Kritik an antisemitischer Propaganda bestätigt ein ums andere Mal die Notwendigkeit kritischer Intervention. Christine Wunnicke sollte heute ebenfalls den Hoferichterpreis erhalten. Die Autorin lehnte aber unter anderem mit der Begründung ab, sie wolle sich nicht für einer „kritikresistente Solidaritätsveranstaltung vereinnahmen lassen“. Chapeau!

Das kritikresistente und abgehalfterten Spektakel darf nicht geräuschlos vonstatten gehen. Zeigen wir Jüdinnen und Juden unsere Solidarität, die sich jeden Freitag vor Schabbat an den az-Kästen mit der Headline „Exklusiv in der az – heute wieder mit Hanitzsch!“ vorbeizudrücken haben und daran erinnert werden, dass Hanitzsch diese prominente Platzierung im Stadtbild maßgeblich seiner antisemitischen Karikatur zu verdanken hat.

Schließt euch dem Aufruf des Verbands der Jüdischen Studenten in Bayern, dem Jungen Forum der DIG München sowie dem Linken Bündnis gegen Antisemitismus München an und kommt heute zur Kundgebung!

Ebenfalls aufgerufen dürfen sich alle Freizeit-Hasser fühlen, alle dem Kampf gegen den Antisemitismus nicht Förderlichen, die An-den-Haaren-Herbeizieher und die Kleingeister, die nicht zum Kreis dieser Anständigen gehören wollen sowie alle zu Winzigen. Und natürlich auch der sehr kleine Kreis, der Druck auf die Stadt ausübt, ist herzlich eingeladen.

Kommt alle heute, Donnerstag, um 18:30 Uhr an den Salvatorplatz 1 vor dem Literaturhaus und bringt Schilder, Banner, Israel-Fahnen und bestenfalls eine weise gefüllte Thermoskanne mit! Es soll kalt werden.

Antisemitische Karikaturen der SZ: Eine fragmentarische Bestandsaufnahme

Am Dienstag, dem 15. Mai 2018, ist in der Süddeutschen Zeitung (SZ) eine weitere antisemitische Karikatur erschienen. Die aus deren Ruinen der Münchner Neueste Nachrichten hervorgegangene SZ löste bereits 1949 mit einem antisemitischer Leitartikel und eine Reihe darauf folgender antisemitischer Leserbriefe eine Demonstration von Jüdinnen und Juden aus. Als sich die Münchner Polizei an die „endgültige Säuberung des Aufruhrorts“ (Vize-Polizeipräsident) machen wollte, schritt die US-Militärpolizei ein, um die Demontration zu schützen.

Vorlage für die aktuelle Karikatur des Zeichners Dieter Hanitzsch 2018 dürfte der am 13. Mai in der SZ erschiene Aufsatz „Netanjahu will den ESC für seine Zwecke missbrauchen“ der Israel-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid gewesen sein. Darin wirft Föderl-Schmid dem israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu vor, dass er den 1. Platz der israelischen Sängerin Netta Barzilai beim Eurovision Song Contest (ESC) für seine Zwecke auslege.

Es ist allerdings nicht die Ausnahme sondern die Regel, dass sich Regierende auf die Erfolge nationaler Vertreterinnen und Vertreter bei nationalen wie internationalen Wettbewerben setzen. Föderl-Schmid misst Israel in ihrem Artikel mit einem doppelten Standard, der diese Karikatur im Rahmen des ESC bereits ohne die offensichtlichen Topoi der kritisierten Zeichnung in einen antisemitischen Kontext einbettet. Die neue Israel-Korrespondentin der SZ erhielt übrigens bereits Wochen zuvor eine Auszeichung von höchster Stelle, nämlich von der Wortführerin der Münchner BDS-Unterstützergruppe JPDG: „Ich gratuliere der sz für die Berichterstattung ihrer Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid“, schrieb Judith Bernstein begeistert.

Auf der Klaviatur hoch und runter
Der Zeichner Dieter Hanitzsch setzte bei der Ausgestaltung seiner Karikatur noch ein paar Schippen drauf. Netanjahu erscheint darin nach dem Muster klassischer antisemitischer Karikaturisten mit großen Ohren und einer Rakete mit Davidstern in der Hand (ehemals waren es meistens Messer). Dazu sagt er: „Nächstes Jahr in Jerusalem“, womit nicht nur gemeint sein kann, dass sich Netanjahu einen ESC in Jerusalem wünscht. Damit spielt Hanitzsch auf einen über Jahrhunderte bewährten Spruch von Jüdinnen und Juden in der Diaspora an. Da ist er also wieder, der ewige Jude, mit all seinen Marotten – heimtückisch, mordend, zersetzend und immerwährend religiös angeleitet.

Schlussendlich droht der ganze ESC bildlich zu verjuden, wie der Davidstern zwischen „Euro“ und „Vision“ suggeriert. Das Offensichtliche dieser Karikatur ist bereits nicht zu ertragen, auf der Meta-Ebene bilden sich weitere antisemitische Muster heraus. Die Karikatur macht aus einer Jüdin einen ganz anderen Juden und so entstehe „die antisemitische Grundform: ‚Der Jude‘“, analysiert beispielsweise das Blog „Nichtidentisches“. Antijudaismus und moderner sowie israelbezogener Antisemitismus fallen in dieser Karikatur auf nahezu lehrmeisterliche Weise zusammen.

Verrohung des Bürgertums
Die SZ wurde in ausgewählten Kommentarspalten zur aktuellen Karikatur „Waffen-SZ“, „Süddeutscher Beobachter“, „Stürmer“ und Ähnliches genannt – markige Sprüche, die das Problem allerdings relativieren. Die jüdischen Demonstrierenden hatten 1949 noch gute Gründe, die SZ „Stürmer of 1949“ zu nennen, schließlich befanden sich damals noch Ex-Nazis in der Redaktion. Seit einigen Jahrzehnten repräsentiert die Süddeutsche Zeitung allerdings einen Teil der bürgerlichen Mitte, die von (ehemals) Marc Felix Serrao bis Bernd Kastner reicht. Das macht das Problem nicht kleiner, sondern größer. Die SZ ist weder in einer „braunen“ oder „roten“ noch in einer „grünen“ Ecke, sondern eines der zentralen Organe der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft. Die kann eben auch verrohen.

In der Stellungnahme der SZ zur aktuellen antisemitischen Karikatur heißt es:

„[Die Darstellung der David-Sterne] hat innerhalb und außerhalb der SZ-Redaktion zu Diskussionen geführt. Der Karikaturist Dieter Hanitzsch sagt, er habe mit seiner Darstellung lediglich darauf hinweisen wollen, dass das nächste ESC-Finale 2019 in Jerusalem stattfinden soll. Trotz dieser Intention des Karikaturisten kann man die Zeichnung auch anders verstehen und als antisemitisch auffassen. Ihre Veröffentlichung war deshalb ein Fehler, für den wir um Entschuldigung bitten.“ (Stellungnahme 2018)

Mit dieser Stellungnahme schiebt die Redaktion die Hauptverantwortung auf den Zeichner ab – und entschuldigt sich generös, obwohl der Zeichner nur auf den Punkt bringt, was die Redaktion tagein tagaus an Artikeln durchwinkt – und im konkreten Fall durch die Feder Föderl-Schmids bereits angebahnt hat.

Ein Ausschnitt weiterer antisemitischer SZ-Karikaturen und Stellungnahmen vergangener Jahre:

In Anbetracht öffentlicher Reaktionen gibt der Zeichner, Burkhard Mohr, folgende Stellungnahme ab:
Dass die Karikatur zur WhatsApp-Übernahme durch Facebook, bei der ich eine überspitzte Zeichnung Mark Zuckerbergs in Kombination mit der Krake aus dem Film ‚Fluch der Karibik‘ dargestellt habe, wie eine antijüdische Hetz-Zeichnung aussieht, ist mir nicht aufgefallen. Gemeint war eine karikaturistische Überzeichnung der Firma Facebook jenseits spezifischer Personen, so wie ich es dies dann auch in einer überarbeiteten Karikatur dargestellt habe, die im allergrößten Teil der Auflage der SZ erschienen ist. Mir ging es nicht um Herrn Zuckerberg, sondern um Facebook. Es tut mir sehr leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist und ich womöglich die Gefühle von Teilen der Leserschaft mit meiner Zeichnung verletzt habe.“ (Stellungnahme 2014)

„Ernst Kahls gehörntes, hungriges Monster hat mit den antisemitischen Klischees nichts zu tun. Man muss das Bild zusammen mit der Bildunterschrift anschauen. Da heißt es: „Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde betrachten das Land als einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist.“ Also: Nur die Feinde Israels sehen Israel in der Weise, die dem abgebildeten Monster ähnelt. Außerdem ist der Staat Israel nicht mit dem Judentum gleichzusetzen.
Nachdem das Bild aber zu Missverständnissen geführt hat, wäre es besser gewesen, ein anderes zu wählen.“ (Stellungnahme 2013)

„Thema der Karikatur waren die Antisemitismus-Vorwürfe des israelischen Ministerpräsidenten und die Reaktion des französischen Staatspräsidenten. Eine antisemitische Tendenz war nicht beabsichtigt. Wir bedauern es sehr, wenn dieser Eindruck entstanden ist. Mit freundlichen Grüßen, Dr. Gernot Sittner, Chefredaktion, Süddeutsche Zeitung“ (Stellungnahme 2004)

Keine Stellungnahme gefunden:

SZ-Zeichnung: ein hakennasiger Ariel Sharon, der unter dem Mandat des Davidsterns den ehrbaren UNO-Beobachtern entgegen bellt: „Haut ab, ihr Unogaffer – hier ist Krieg…“ – um von Leichenbergen abzulenken, die den Bildern aus den Vernichtungslagern der Nazis zum verwechseln ähnlich sehen.

Nachtrag
Die SZ hat die Zusammenarbeit mit dem Zeichner Dieter Hanitzsch inzwischen beendet.