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Treitschke heißt jetzt Münch, sonst ändert sich nüscht

Kein bürgerliches Presseorgan hat in Deutschland mehr dazu beigetragen, Israel zu diskreditieren, als die Süddeutsche Zeitung. Nachdem sich der SZ-Journalist Thorsten Schmitz 10 Jahre lang einseitig am Thema vergehen durfte, ist heute Peter Münch sein Nachfolger. Der lässt den alten Treitschke wieder aufleben.

Peter Münch veröffentlichte seit seinem Antritt als Israelkorrespondent der Süddeutschen Zeitung eine ganze Reihe mitunter schäumender Beiträge zu Lasten Israels. Häufig sind gleich zwei Artikel in einer Ausgabe der Tageszeitung: ein leidlich „neutraler“ Artikel und ein Kommentar. Münch spricht in seinen Texten Israel das Existenzrecht zwar nicht vordergründig ab, aber stellt es konkludent in Frage, indem er mit dem Existenzrecht verbundene Selbstverteidigungsbemühungen Israels ausnahmslos als überzogen und maßlos zu kritisieren weiß. Gegenstand seiner Kritik sind nicht nur Israels Militäraktionen oder Grenzziehungen. Selbst Israelis auf Reisen macht er verdächtig, einem „Volk von Botschaftern“ anzugehören, das im Ausland die Informationsseiten der israelischen Regierung nachbete.

Münch möchte zu einer „Normalisierung“ im Bezug auf Israel beitragen, hat er in seinem ersten Beitrag in neuer Funktion auf der Meinungsseite der SZ verlautbart. Das ist ihm gelungen. In Deutschland und anderen Orts war es immer wiederkehrende Normalität, die Nachkommen der Jüdinnen und Juden, nicht trotz, sondern wegen der Verbrechen an ihren Vorfahren, besonders kritisch in Augenschein zu nehmen. Lion Feuchtwanger spielte darauf an, als er in seinem Roman „Jud Süß“ dem Juden Landauer, bezugnehmend auf die Pogrome in Ravensburg, in den Mund legte:

Aber wenn man solches Unrecht getan hat, versteht sich, dass man weiter gegen den [dem Unrecht widerfahren ist] gereizt ist, auch nach 300 Jahr.

Die Wahrheit wieder unverkrampf aussprechen dürfen
Münchs Ankündigkung, für eine „Normalisierung“ zu sorgen, hätte auch sein können, den kleinen Staat mit Desinteresse zu strafen, gerade so, wie es die SZ-Redaktion für gewöhnlich mit kleinen Staaten in Asien oder Afrika hält. Unter „Normalisierung“ versteht Münch aber etwas anderes: Eben das aussprechen, was Millionen Deutsche über den Judenstaat denken (wollen) und bislang angeblich nicht zu sagen wagten. Wie die peinvolle Anomalie der deutschen Presseorgane – bevor Münch erschien und die langersehnte „Normalisierung“ vorantrieb – beschaffen gewesen sein soll, muss Münch nicht weiter ausführen. Im Bewusstsein der Leserinnen und Leser bahnt sich mit den Schlagworten „Israel“ und „Normalisierung“ sogleich ein Eindruck den Weg. Nämlich der, über den Judenstaat würde aufgrund der Geschichte in Deutschland viel zu nachsichtig berichtet. Und: damit müsse nun endlich Schluss sein.

Die Ansicht, mit Jüdischem würde nicht hart genug ins Gericht gegangen, wird seit Jahrhunderten widerlegt, von Antisemitinnen und Antisemiten aber regelmäßig aktualisiert. Umso größer das vergangene Verbrechen an Jüdinnen und Juden war, umso hartnäckiger schien der Verdacht, mit Jüdischem deshalb im Nachgang zu milde umzuspringen. Als früher Beleg könnte Luther dienen, der sich seinerzeit schon über eine angebliche Nachsichtigkeit mokierte: Einem Dieb wird die Hand abgeschnitten, aber ein jüdischer Wucherer kommt davon, kritisierte der Religionsreformer. Ein besseres Beispiel gibt der nationalliberale Politiker Heinrich von Treitschke im Rahmen des sogenannten „Berliner Antisemitismusstreits“ (1870-1872). Treitschke bekräftigt in seinem Aufsatz „Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage“, seit vielen Jahren würde auch in der „feinen Gesellschaft“ immer leidenschaftlicher, ohne Unterschied der Partei, der „Übermut des Judenthums“ erörtert. Viele trügen aber Bedenken in sich, die „Wahrheit“ über das Judentum in der Öffentlichkeit anzusprechen. Sie befürchten laut Treitschke in die Nähe der „radicalen Parteien“ gerückt zu werden, oder mit dem Erinnern an die Hep-Hep-Pogrome (1819) von „Synagogenverein“ und „jüdischer Presse“ mundtot gemacht.

Perpetuum Mobile Funktion im Antisemitismus: der Vorwurf „Überempfindlichkeit“
Wie es sich für die feine (SZ-)Gesellschaft gehört, erörtert auch Münch in seinem Artikel „Israel hat jedes Maß verloren“ den Übermut – zwar nicht des Judenthums –, aber der israelischen Politik. Münch beschreibt Israel als ein Land, das sich seit seinem Bestehen immer starker Anfeindung ausgesetzt sah. Aus diesem Umstand sei die „israelische Staatsräson“ erwachsen, alles aus dem „Blickwinkel der Bedrohung“ zu betrachten, was Münch einen „Tunnelblick“ nennt. Münch, das große Ganze hingegen fest im Blick, legt damit nahe, die israelische Politik sei – aufgrund der historischen Anfeindung – gewissermaßen überempfindlich und diese Überempfindlichkeit Teil des Problems, wenn nicht gar die allgemeine Konfliktursache.

Treitschke bescheinigt den deutschen Jüdinnen und Juden in seinem Aufsatz „Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage“ etwas Ähnliches. Auch Treitschke möchte eine „übertriebene Empfindlichkeit“ deutscher Jüdinnen und Juden festgestellt haben. Eine Erklärung liefert der Historiker an anderer Stelle: Die deutschen Israeliten hätten Narben, die durch „vielhundertjährige christliche Tyrannei sehr tief eingeprägt“ seien und sie stünden den Deutschen demzufolge fremd gegenüber. Treitschke unterstellt den lebenden Jüdinnen und Juden ein angebliches Fehlverhalten, indem er die Verbrechen an ihren Vorfahren heranzieht. Er wendet somit die historischen Verbrechen an Jüdinnen und Juden argumentativ gegen sie selbst. Ein Perpetuum Mobile Funktion könnte man sagen, eine beliebte Spielart des Antisemitismus ist es jedenfalls.

Kein „richtiges“ Volk
Münch setzt in seinem Artikel, „Israel hat jedes Maß verloren“ noch einen drauf. Weil es eben die (übertrieben empfindliche) „israelische Staatsräson“ gäbe, so Münch, müsse Israel insbesondere „verantwortungsbewusst“ und mit „Fingerspitzengefühl“ agieren. Diese Aussage ergibt auf den ersten Blick wenig Sinn. Warum sollte gerade Israel Fingerspitzengefühl beweisen und nicht beispielsweise vielmehr jene Staaten, die das junge Israel gleich nach der Staatsgründung 1948 angriffen – btw. nicht nur um Israel ungeschehen zu machen, sondern bei der Gelegenheit auch gleich die „Judenfrage in Palästina“ zu lösen? (Und warum assoziiere ich mit Verantwortungsbewusstsein vor allem, dass sich ein Israel-Korrespondent einer großen deutschen Tagszeitung mit den Grundzügen des Neuen Antisemitismus vertraut macht?)

Nachvollzogen kann der widersprüchliche Sinn erst nach teilweiser Rekonstruktion des von Münch verinnerlichten Israelbildes. Münch schreibt in seinem Artikel „Macht der Mauern“, dass sich Israel im Kern als „Heimatstätte eines leidgeplagten Volkes“ begreife und zusammengehalten würde, die israelische Gesellschaft aber ohne dieses Axiom „wohl in ihre ausgesprochen heterogenen Einzelteile zerfallen“ würde. Münchs Formulierung „ausgesprochen heterogenen Einzelteile“ ist hierbei interessant. Es ist ein weit verbreiteter Topos, das israelische Staatsvolk sei kein „natürlicher“ Zusammenhang, sondern eigentlich „künstlich“ in die Region „reingepflanzt“, während Menschen der meisten anderen Staaten quasi wie Eichen, Palmen oder Olivenbäume im Einklang mit ihrem angestammten Boden leben würden, es also etwas Homogenisierendes gäbe, das Menschen ansonsten „natürlich“ in einem Staat zusammenhält. Die historische Kontinuität dieser Ansicht ist nicht nur eine Schwundstufe der nach Entindividualisung strebenden Volk-Nation-Blut-Boden Ideologie, sondern auch die Übertragung des historischen antisemitischen Bildes von Jüdinnen und Juden auf den Staat Israel.

Betrachtet man Israel aber durch diese verschrobene Brille, so erscheint jede Anfeindung gegen Israel als gewissermaßen „natürliche Reaktion“ auf einen „unnatürlichen Staat“. Umso heftiger die Reaktionen auf die israelische Politik dann sind, umso heftiger muss das Versagen der israelischen Politik wohl sein, hat sich Israel nicht genug angepasst, oder war wieder „überempfindlich“. Umgekehrt, sollten die jüdischen Israelis vielmehr dankbar dafür sein, einen Judenstaat „bekommen“ zu haben, wohingegen der deutsche, russische, türkische u.s.w Staat als selbstverständlich angesehen wird. Auch letzteres Argumentationsmuster ist im Bezug auf Jüdinnen und Juden schon bei Treitschke zu finden. In Reaktion auf die sogenannte „Judenemancipation“, womit Jüdinnen und Juden im 19. Jahrhundert teilweise Bürgerrechte erlangten, schreibt Treitschke:

„die Juden sind dem neuen Deutschland etwas schuldig für das Werk der Befreiuung; denn die Teilnahme an der Leitung des Staates ist keineswegs ein natürliches Recht aller Einwohner [..] Doch statt Dankbarkeit sehen wir in einem Teile unseres Judentums ein Geist des Hochmuts aufwuchern“.

Es bedarf nur kleiner Änderungen, um Treitschkes Passage zu aktualisieren und damit einer oft vertretenen – wenn auch in dieser Deutlichkeit selten ausgesprochenen – Annahme nahe zu kommen:

„die israelischen Juden sind ihren Freunden etwas schuldig für das Werk der Staatsgründung; denn ein eigener Staat ist keineswegs ein natürliches Recht aller Völker [..] Doch statt Dankbarkeit sehen wir in einem Teile der israelischen Politik Verantwortungslosigkeit und fehlendes Fingerspitzengefühl aufwuchern“.

Literaturhinweise:

Heinrich von Treitschke: Unsere Aussichten
Heinrich von Treitschke: Herr Gaetz und sein Judenthum
Heinrich von Treitschke: Noch einige Bemerkungen zur Judenfrage

50 Jahre Treitschkestraße

Im 19. Jahrhundert begann für die europäischen Juden eine vergleichsweise gute Zeit. Zumindest hatten sie durch die jüdische Emanzipation die Bürgerrechte erlangt und damit bessere Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Doch auch diese Phase war von krassen Rückschlägen gekennzeichnet. Bei den „Hep Hep“ Pogromen von 1819 kam es in zahlreichen Städten zu folgenschweren Übergriffen auf Juden und ihr Eigentum. Auch die Wirren der Revolution von 1848/49 waren Antisemiten ein willkommener Anlass, ihre Gesinnung in die Tat umzusetzen. Ab den 70er Jahren erstarkte dann im kleinbürgerlichen Lager erneut eine antisemitische Bewegung, die sich gegen die jüdische Emanzipation richtete. Herausragend war der Einfluss des Hofpredigers Adolf Stoecker. Der Theologe hetzte mit Petitionen, Magazinen und flammenden Reden den kleinbürgerlichen Mittelstand gegen die Juden auf. Der Journalist Wilhelm Marr gründete 1879 die „Antisemitenliga“. Das akademische und politische Milieu hingegen versuchte von erklärten Antisemiten mehrheitlich Abstand zu halten. In einer Reihe mit Marr und Stoecker, wollte man sich nicht sehen.

Treitschkestraße in Moosach

„Die Juden sind unser Unglück“

Gerade deshalb provozierte Treitschkes Schrift „Unsere Aussichten“ (1879) eine heftige Kontroverse. Treitschke war ein prominenter Historiker, Abgeordneter des Reichstages und sicher keine Person, die zu den antisemitischen Stammtischlern und religiösen Eiferern zählte. In „Unsere Aussichten“ jedoch umschreibt Treitschke die antisemitische Bewegung ausgesprochen blumig, als eine „wunderbare, mächtige Erregung“, in den „Tiefen unseres Volkslebens“, die sich „gegen die weichliche Philanthropie unseres Zeitalters“ richte. Der „Instinkt der Massen“ habe im Juden eine „schwere Gefahr, einen hochbedenklichen Schaden des neuen deutschen Lebens richtig erkannt“. Treitschke versichert den möglichen Bedenkenträgern unter den Lesern zuvorkommend, die antisemitische Agitation sei heute gewiss nicht „hohl und grundlos wie einst die teutonische Judenhetze des Jahres 1818“, sondern eine „natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat“. Vertreter unterschiedlichster Couleur, „bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf“ tönten heute wie aus einem Munde: „die Juden sind unser Unglück“.

Der „Berliner Antisemitismusstreit“

Die höchsten Kreise der Bildung, vor allem die Juden unter ihnen, reagierten prompt. In zahlreichen Zeitschriften erschienen Verrisse vom Text „Unsere Aussichten“ und das akademische Milieu veröffentlichte Gegendarstellungen. Eine weitreichende Maßnahme war die Erklärung gegen Antisemitismus, die von 75 Vertretern des politischen, wirtschaftlichen und akademischen Berlins unterzeichnet wurde (u.a. Oberbürgermeister Forckenbeck, Werner von Siemens, Max Weber Senior). Treitschke erreichten dutzende Beschwerdebriefe. Um mit seinen Worten zu sprechen: „Das ganze Füllhorn deutscher Entrüstungssuperlative wurde über mich hinab geschüttet“.

Vater des modernen Antisemitismus

Die Einschätzung Treitschkes, dass man ihn nicht mit „den beliebten Schlagworten ‘unduldsamer Pfaff’ oder ‘der Jude wird verbrannt’ abfertigen“ könne, sollte sich leider als richtig erweisen. Treitschke genoss die Rolle des Tabubrechers sichtlich. Und Antisemiten konnten mit seiner Person auf einen prominenten Fürsprecher im bürgerlichen Lager verweisen. Vertreter unterschiedlichster Fraktionen erkannten diese Gefahr ohne Mühe. Der Freihändler Oppenheim stellte schnell fest, nur die „vornehmere Motivierung“ unterscheide Treitschke von radikalen Antisemiten. Der konservative Historiker Breßlau warf Treitschke gar vor „das Böse zu schaffen“. Der Theologe Classen hieß Treitschkes Thesen weitsichtig „die Feuerzünder von jeglichem Fanatismus, der sich heute gegen Juden, morgen auf andere Gesellschaftsklassen, bald auf die Kirche und den Staat werfen kann“. Der damalige Althistoriker Theodor Mommsen – der erste Deutsche mit Literaturnobelpreis übrigens – nannte Treitschkes Schriften das „Evangelium der Intoleranz“, das den „Kappzaum der Scham“ von der antisemitischen Bewegung genommen habe und „jetzt schlagen die Wogen und spritzt der Schaum“. Mommsen brachte die Sache auf den Punkt: „Treitschke ist der Vater des modernen Antisemitismus“.

Held der Nationalsozialisten

Die Antisemiten teilten Mommsens Einschätzung. Lehnhardts merkte in seinem Werk zur antisemitischen Bewegung (1884) volles Lob an, Treitschkes Schrift sei die „Proklamierung der Salonfähigkeit des Antisemitismus“ gewesen. Auszeichnungen dieser Art rissen unter den Nationalsozialisten – wie man sich denken kann – nicht ab. In der Treitschke-Biographie aus dem Jahre 1935 werden Treitschke und Stoecker als „die beiden Männer“ beschrieben, die „entscheidend für den Fortgang der antisemitischen Bewegung“ wurden, weil sie im „Brennpunkt des Kampfes“ standen. Treitschke stieg zum Helden der Nationalsozialisten auf und erlebte unter ihnen post mortem eine publizistische Renaissance. Nicht nur seine politischen Aufsätze, auch sein Hauptwerk, „Die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“ wurde von der „Reichstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ in die Liste der „100 wichtigsten Schriften unserer Zeit“ aufgenommen. Alfred Rosenberg selbst lieferte 1933 das Vorwort und pries die Lektüre für „neue deutsche Vorbilder und Führer“ an. In Treitschkes Texten ist tatsächlich auch wenig zu finden, was einem Nationalsozialisten den Tag vergählen könnte, hingegen umso mehr, was den Nazis als Begründung ihrer Politik dienlich war. Ein Beispiel aus dem Aufsatz Treitschkes zum „Deutschen Ordensland Preußen“:

„Bei dem unseligen Zusammenprallen tödlich verfeindeter Rassen ist die blutige Wildheit eines raschen Vernichtungskrieges menschlich minder empörend als jene falsche Mildheit der Trägheit, welche die Unterworfenen im Zustande der Thierheit zurückhält, die Sieger entweder im Herzen verhärtet oder sie hinabdrückt zu der Stumpfheit der Besiegten.“

Ein Radikaler in der Mitte der Gesellschaft

In seinen Vorlesungen und Aufsätzen hetzte Treitschke nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen fast alle Länder rund ums Reich und in Reichweite. Die Deutschen verkörperten für Treitschke „das Element der Gesittung in jenem Völkerchaos“. Die „Gesittung“ müsse durch Kriege herbeigeführt werden, denn Krieg galt Treitschke „bei aller Härte und Rohheit“ auch als das „Band der Liebe zwischen den Menschen“. Ein gebildetes Volk drohe in Friedenszeiten dem Hedonismus zu verfallen. Treitschke sprach sich gegen den Freiheitsentzug und ersatzweise für die Wiedereinführung von Prügel, Pranger und Todesstrafe aus. Er war ein Rassist ersten Ranges und selbstverständlich das erste prominente Mitglied der Berliner Ortsgruppe des „Deutschen Kolonialvereins“. Carl Peters, die „blutige Hand“ der deutschen Kolonien in Afrika, war sein Schüler. Der Sozialdemokratie galt Treitschkes gesonderte Abneigung. Sie war ihm „die Eiterbeule am Laibe unseres Volkes“, die „Schule des Verbrechens“, der mit der „Sprache der Gewalt“ entgegenzutreten sei. Die Sozialdemokraten hielten von Treitschke auch nicht viel. Seine Haltung und auch seine Arbeit als Historiker war Ziel ihres Spotts. Der sozialdemokratische Historiker Mehring charakterisierte Treitschkes Hauptwerk „Die Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“ so zynisch wie treffend: „Wenn d a s Bildung von Charakteren sein soll, so ist der erste beste Biertisch eine Charakterschule ersten Ranges“.

Wie kam die Treitschkestraße nach München?

Anfang des 20. Jahrhunderts und vermehrt unter den Nationalsozialisten schossen in ganz Deutschland die Treitschkestraßen aus dem Boden. Doch erst seit einigen Jahren entwickelt sich ein kritisches Verhältnis. In Nürnberg gelang es einer Parteien-Initiative in den 90er Jahren, die Treitschkestraße nach der jüdischen Sozialdemokratin Anna Steuerwald-Landmann zu benennen. Der Bezirksbeiräte in Stuttgart-Sillenbuch stimmten Ende 2009 mehrheitlich für eine Namensänderung. Im Berliner Stadtteil Steglitz-Zehlendorft streitet die SPD deswegen seit knapp einer Dekade mit der CDU. Im rot-grün regierten München aber blieb die kleine Seitenstraße mit dem prominenten Namen bislang weitestgehend unbemerkt. Das liegt vor allem daran, weil die Münchner Treitschkestraße ein spezieller Fall ist. Die Sozialdemokraten haben sie nämlich selbst mit beschlossen. Zwar wollten ihnen die Nationalsozialisten schon 1939 zuvorkommen und die Paul-Heyse-Straße am Hauptbahnhof in Treitschkestraße umtaufen. Doch das Vorhaben wurde damals „zurückgestellt“, weil die Nationalsozialisten den Eindruck hatten, der Namen Treitschke sei „für den Münchner Volksmund schwer auszusprechen“. 20 Jahre später schien der Münchner Volksmund aber trainiert genug. Im Jahre 1960 – vor 50 Jahren genau – wurde die Treitschkestraße unter einem SPD-Bürgermeister eingeweiht.

Münchens schöner Sinn für das Gerechte und Wahre

Deshalb lehnte auch die Münchner Stadtverwaltung im Dezember 2009, versehen mit der elektronischen Unterschrift des Oberbürgermeisters, die Forderung „Treitschkestraße umbenennen“ entschieden ab. Das ging ihr zudem leicht von der Hand, da die Forderung der 39 Teilnehmer nur auf einem kleinen Münchner Bürgerportal laut wurde, kein Ort also, der einen gestandenen Verwaltungsapparat aus dem Konzept bringen könnte. Aber die Antwort der Stadtverwaltung lässt doch aufmerken. Ganz so, als hätte vor 130 Jahren noch niemand Treitschke den „Vater des modernen Antisemitismus“ genannt, erklärt die Stadtverwaltung Treitschke zum Antisemiten aus „heutiger Sicht“. Im „historischen und politischen Kontext des 19. Jahrhunderts“ gesehen aber, sollten dessen Äußerungen anders bewertet werden. Außerdem habe der Historiker Treitschke zwar keine „eigene Schule begründet“, aber „ seine fünfbändige ‘Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert’ der Geschichtswissenschaft wichtige Impulse gegeben“. Der „fragwürdigen Haltung gegenüber Juden“ hält die Stadtverwaltung kurzer Hand ein Zitat von Golo Mann entgegen:

„Dieser große Schriftsteller [Treitschke] gilt gemeinhin als Antisemit, und das war er auch; dennoch hätten etwa die Nazis mit seinem Antisemitismus durchaus nichts anfangen können. Treitschke war ein leidenschaftlicher, zorniger Patriot, sehr entschieden in seinem Urteil, aber mit einem schönen Sinn für das Gerechte und Wahre; etwas Unwahres, etwas Gemeines wäre nie aus seiner Feder gekommen …“

Golo Mann und der Antisemitismus

Das Zitat entstammt ursprünglich einer Ansprache, namentlich „Zum Antisemitismus“, die Mann im Jahre 1960 vor dem Rhein-Ruhr-Club zu Düsseldorf gehalten hat. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie verquast sich einige deutsche Intellektuelle im Schatten des Holocausts anfänglich herumdrückten. Mann entfaltet in seiner Rede einen unheimlichen Horizont angeblicher Formen des Antisemitismus. Die Bandbreite erstreckt sich von „antisemitischen Lausbübereien“ bis hin zum Antisemitismus „im niederträchtigsten Sinne unseres Zeitalters. Der „milde Durchschnittsantisemit“ sowie ähnlich verharmloste Identitäten, wären laut Mann jederzeit „auszuhalten gewesen“. Zur „schandvollen Katastrophe“ geführt habe nur der „echte Antisemit, der Fanatiker“. Keineswegs fanatisch will ihm dabei Treitschkes Text „Unsere Aussichten“ vorkommen, im Gegenteil. Denn es hätte doch tatsächlich nicht-angepasste „jüdischen Typen“ aus Polen gegeben. Auch von deutsch-jüdischen Intellektuellen wüsste man, die eine „in gewissem Sinn entwurzelte Existenz“ geführt haben sollen. Der Ausdruck „jüdisch-zersetzend“ sei demnach – bis in die Weimarer Zeit hinein – nicht „völlig ohne Boden“ formuliert worden. Gegen Ende seines Vortrages lässt sich Mann dann, im Hinblick auf die junge Bonner Republik, zu einer krassen Aussage hinreißen:

„Wenn die Bundesrepublik heute mehr Glück hat, […] einer Mehrheit von Deutschen viel mehr als ihr eigenes Heim gilt als die Weimarer Republik es je tat, so liegt es zweifellos zu einem guten Teil daran, dass es in der Bundesrepublik praktisch keinen Juden mehr gibt. […] Man könnte den Akt des Massenmordes insofern als erfolgreich bezeichnen.“

Diese Rede sollte für Mann 1962 unangenehme Folgen haben. Nach seiner Berufung an die Frankfurter Universität intervenierten die dort aufgestellten Professoren Adorno und Horkheimer. Mit einem Verweis auf die Rede „Zum Antisemitismus“ und dem empörten American Jewish Committee im Rücken, drängten Adorno und Horkheimer den damaligen Kultusminister Hessens dahingehend, Mann den Lehrstuhl unmöglich zu machen. Die Intervention war erfolgreich. Mann durfte die Stelle nicht antreten. Dieser Hintergrund scheint der Münchner Stadtverwaltung aber kein Anlass, aus Manns Rede nicht noch im Jahre 2009 Fragmente zu zitieren.

50 Jahre und kein Ende

Auch wenn nicht eine gerade Linie von Treitschke zum Holocaust führt, ist unstrittig, dass Treitschke einen federführenden Anteil zur Rehabilitierung des Antisemitismus und zum Erstarken der antisemitischen Bewegung beigetragen hat. Diesen Zusammenhang erkannten viele, vor allem (!) seiner Zeit. Treitschkes Lebenswerk, die „Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts“, stellt diesen Beitrag nicht in den Schatten. Anders als bei Luther oder Wagner hinterließ Treitschke kein Kulturerbe für Millionen, sondern eine radikale und vergessene Geschichtsinterpretation. Seine Schriften verstauben heute in den Kellern der Bibliotheken. Eines meiner Exemplare aus der Münchner Bibliothek am Gasteig war gar noch mit dem Stempel „Adolf Hitler Schule Chiemsee“ versehen, eine Eliteakademie für zukünftige Nazi-Kader. Dass Treitschke der Geschichtswissenschaft „wichtige Impulse“ gegeben hat, ist demnach nur schwer von der Hand zu weisen. Ein Straßenfest legt das 50-jährige Bestehen der Münchner Treitschkestraße allerdings nicht nahe.

Weiterführende Links:
Stellungnahme der Jusos München
Audiovortrag zum „Berliner Antisemitismusstreit“