Tag-Archiv für 'tsv-1860'

Lieb und Treue immer preise, unser deutscher Männerbund

Die Fans des TSV 1860 sind schon ein wenig stolz. Ihre zweite Mannschaft konnte das Derby gegen die Amateure vom FC Bayern am Dienstag für sich entscheiden. Mit Ruhm haben sich die Fans dennoch nicht bekleckert. Vielmehr sind sie ganz die alten.

Die Partien zwischen dem TSV 1860 und dem FC Bayern waren schon im Jahre 1902, als der TSV sein erstes Fußballspiel bestritt, stark aufgeladen, da ganz unterschiedliche Vereinsvorstellungen aufeinander trafen. Der TSV entsprang der reaktionären sowie bürgerlichen Turnerbewegung, den FC Bayern zeichnete ein liberales und weltoffenes Klima aus, Kaufleute und Studenten gehörten zu seinen ersten Kickern. Vor genau hundert Jahren wurde eine Löwenkarikatur zum Vereinswappen des TSV. Jubiläumsfeiern sind allerdings nicht zu erwarten, denn sonst wäre auch Franz Grundner zu ehren. Der Festspieldichter entwarf der Überlieferung nach den Löwen der Sechziger im Jahre 1911. Nur war Grundner schon zu dieser Zeit ein Rechtsradikaler und Antisemit, wenig später Mitglied des Wehrverbands Altreichsflagge und führte einen Zug der SA beim „Marsch auf die Feldherrenhalle“ an. Zwei Jahre nachdem Grundner den Löwen entwarf, wurde beim FC Bayern hingegen Kurt Landauer, Sohn einer jüdischen Familie, Präsident. Die Unterschiede zwischen den Vereinen spitzten sich während der NS-Herrschaft eher noch zu. Dem FC Bayern wurde von den Nazis nicht verziehen, ein „Judenverein“ gewesen zu sein, während der TSV darlegen konnte, dass seine Mitglieder schon „früh bei der Fahne Adolf Hitlers“ gestanden haben. Nach dem 2. Weltkrieg wendete sich das Blatt. Landauer kehrte aus dem Exil zurück. Er konnte mit den Alliierten gut und verschaffte dem FC Bayern eine komfortable Startposition, u.a. das Gelände an der Säbener Straße. Beim TSV befanden sich zeitgleich zahlreiche Mitglieder der Vereinsführung im Internierungslager oder vor Gericht. Der Verein tat sich noch über Jahre hinweg schwer, überhaupt unbelastete Führungskräfte an die Vereinsspitze zu setzen. In den 60er und 70er Jahren veränderten sich beide Vereine. Zur Mitgliederbasis des TSV gesellten sich zunehmend Arbeiterinnen und Arbeiter, dem FC Bayern schlossen sich Fangruppen aus dem ländlichen Raum Bayerns an. Diese Entwicklung verwässerte im Grunde die Pole. Aber nicht alle Unterschiede sind bis heute aufgehoben. Das Ressentiment hat nach wie vor überwiegend beim TSV ein Zuhause.

„In zehn Minuten schlagen wir euch tot“
Beim Fankreis des TSV bricht bei den Spielen gegen den FC Bayern oftmals die reaktionäre Tradition auf, insbesondere beim Aufeinandertreffen der beiden Amateurmannschaften. Das könnte daran liegen, weil sich zuvörderst die „wahren Fans“ für Amateurspiele interessieren, also Fans, die mehr die Identifikation als der Sport umtreibt. Diese „wahren Fans“ legen dann in der Regel ein beredtes Zeugnis von sich selbst ab, indem sie den gegnerischen Verein alles nennen, was ihnen im Allgemeinen verhasst ist, bzw. dessen Gegenteil sie gerne wären. So wurde beispielsweise das Lied vom „Stern im Ausweis“ – eine antisemitische Aufbereitung des FC Bayern Fansongs „Stern des Südens“ – erstmals bei einem Derby beider Amateurmannschaften gehört. Bei der Partie am vergangenen Dienstag schafften es die Fans des TSV nahezu, an ihre vergangenen Leistung anzuknüpfen. Nun muss man vorweg sagen, dass der Claim der Bayernfans „Tod und Hass dem TSV“ auch nicht gerade von gut gelüfteten Geistern zeugte. Aber der Chor aus der TSV-Kurve, „In zehn Minuten schlagen wir euch tot“, ward dennoch aus einem anderen Holz geschnitzt. Das Geheimnis, was denn die TSV-Fans an den Bayern zum Totschlagen hässlich fanden, wurde schließlich auch gelüftet. Über die ganze Breite des Blocks entrollte ein Banner, auf dem geschrieben stand: „Fussball ist ein Männersport – ihr schwulen Fotzen“. Das hätte dem Löwen-Logo-Nazi Grundner sicher auch gefallen. Ein weiteres, ebenso großes Banner in der Löwenkurve traf dagegen den Nagel auf den Kopf: „Hass kann ‚Mann‘ sich nicht antrainieren“, stand darauf. Stimmt, diese Männer hassen tatsächlich nicht antrainiert, sondern ganz selbstverständlich – seit mindestens 1860.

Ein Reim von Grundner zum Kehraus
Das „Festlied“, das der Nazidichter zum 60-jährigen Jubiläumsfest des TSV 1860 im Jahre 1920 ins Programm komponierte – und das vermutlich lauthals gesungen wurde – verdeutlicht die Linie zwischen dem Heute und Gestern unzweideutig und stellt einen hinreichend unwürdigen Abschluss für diesen Beitrag dar:

„Und das Lied schwillt mächtig an:
Alle Stimmen rings im Kreise
Eint der feurige Orkan:
Lieb und Treue immer preise
Unser deutscher Männerbund!
Sing und kling du Feuerspreise
Brenn das Vaterland gesund!
Heiße Wünsche uns entflammen -
Zorn erpresst uns Schwur um Schwur.
Fall der Bau der Welt zusammen!
Leb du, unser Deutschland, nur!“

Literaturhinweis
Anton Löffelmaier: Die Löwen unter dem Hakenkreuz, Göttingen, 2009